Frankfurt ist das Reich der Banker. An diesem Wochenende mussten sie es
räumen - zum allerersten Mal. Das tut weh.
Von Melanie Amann, Benedikt Coekoll und Christian Siedenbiedel
Die heißen Tage sind da, und die Gruppe Gebäudesicherheit ist minutiös
vorbereitet. Die Sicherheitsleute wissen, welchen Blockupy-Aktivisten sie auf
Twitter folgen müssen, welche Blogs sie lesen müssen. Sie wissen, wo die
Polizisten ihre Hunde füttern, welche Straßen von Frankfurt zur "roten Zone"
zählen. Sie haben die Fenster der Bankzentrale gesichert und Absperrgitter in
den Boden verschraubt.
Sie haben dem Vorstand der Bank geraten, sämtliche Mitarbeiter in den heißen
Tagen nach Hause zu schicken - aber bloß niemandem davon zu erzählen. Ein leeres
Gebäude provoziert. Seit Anfang April hat die Task Force für diesen Tag geprobt.
Sie übte schon, als kein Normalbürger an die Großdemonstration dachte.
220 Banken sitzen in Frankfurt, fast alle um dieselben drei, vier Straßen herum,
und 73 600 Menschen arbeiten im Finanzsektor. Ihnen gehört die Innenstadt, sie
prägen den Opernplatz, die Bistros und Feinkostläden auf der Fressgass', die
Cocktail-Bars zwischen Hauptwache und Westend.
Aber dieses Wochenende hat alles verändert: Die Blockupy-Bewegung hat die Banker
verjagt, vorrübergehend zumindest. An diesem Freitag, an diesem Wochenende
passiert, was noch nie geschah: Die Banker legen ihre Uniform ab. Ohne Anzug
schleichen sie am Freitag in ihre Büros an der Junghofstraße oder in der
Mittagspause zu Feinkost Meyer auf die Fressgass'. Ganze Abteilungen fliehen in
Außenbüros im Taunus oder bleiben gleich daheim. Hätte über Nacht eine Seuche
die Stadt entvölkert, hätten alle Bürger sich in Vampire verwandelt, das
Bankenviertel hätte am Freitag kaum ausgestorbener sein können.
Was ist nur los? Hat die Bankenwelt nicht viel Schlimmeres erlebt? Mordkomplotte
und Autobomben gegen Bankvorstände hat Deutschland gesehen, Entführungen von
Verbandsbossen, Briefbomben für die Spitzen der Finanzwirtschaft.
Und doch erreichen die Blockupy-Leute, diese 20 000 Menschen mit Trillerpfeifen
und Postern, die sich zum Yoga in der Fußgängerzone niederlassen, eine neue
Eskalationsstufe. Die Angst grassiert in der Finanzindustrie. Es ist keine
Todesangst, in keiner Weise vergleichbar mit der dunklen Zeit des RAF-Terrors -
aber es regieren die Angst vor dem Zorn der Masse und der Frust über die eigene
Hilflosigkeit.
Der Zorn der Protestler ist neu, weil er einen ganzen Berufsstand trifft - die
gesamte Finanzindustrie. Nicht nur ein Josef Ackermann muss vor
Farbbeutel-Werfern geschützt werden (der scheidende Chef der Deutschen Bank
weilt ohnehin im Ausland), nicht nur ein Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt muss
sich irgendwo in Berlin verkriechen, und es ist nicht nur ein Karl-Georg
Altenburg, deutscher Statthalter der Investmentbank JP Morgan, der um seine
Unversehrtheit bangt.
Nein, es sorgen sich alle Banker, denn der Zorn gilt Menschen im Anzug. Ob diese
Menschen bei der Volksbank Sparkonten eröffnen oder bei der Royal Bank of
Scotland Unternehmensdeals finanzieren, ob sie für die Commerzbank
Bausparverträge verwalten oder für die Deutsche Bank Spread-Ladder-Swaps basteln
- wenn es um Anzugträger geht, kennt die Straße keine Klassenunterschiede. Allen
gilt die gleiche Verachtung, die gleiche Abscheu, der gleiche Zorn.
"So stark ist unser Berufsstand noch nie angegriffen worden. Es ist ein direkter
Angriff auf uns Banker." Das sagt Michael Hauck. Der Bankier ist 85 Jahre alt,
sein Name steht für eine der ehrwürdigen Privatbanken im Land: Hauck &
Aufhäuser. Fast vier Jahrzehnte lang hat Hauck am Finanzplatz Frankfurt
gearbeitet, unzählige Attacken auf seine Zunft hat er erlebt: den Zorn der
Studenten von 1968 über Immobilienspekulationen in ihrer Stadt, die Proteste der
80er Jahre gegen Bank-Geschäfte mit Südafrikas Apartheid-Regime, die Demos für
den großen Schuldenerlass für arme Entwicklungsländer.
"Aber die Dimension dieser Proteste ist neu", sagt der alte Herr. "Früher waren
die Kritiker radikaler, aber heute sind sie mehr." Das müsse mit Facebook
zusammenhängen, ist der 85-Jährige sich sicher - heute könnten sich die
Demonstranten besser organisieren.
Die Angst ist so groß, dass die Banker-Zunft ihre heimliche Hoheitsgewalt über
ihren Zwergstaat zwischen Junghofstraße, Mainzer Landstraße, Opernplatz und
Taunusanlage aufgibt. Es übernimmt: die Polizei, mit 5000 Beamten.
Ein Finanzplatz im Ausnahmezustand: Die Barclays Bank schraubte ihr Firmenschild
ab. Der Privatbankier Friedrich von Metzler hat sein Sommerfest abgesagt. Die
Bank Morgan Stanley verlegte ihr gesamtes Asset Management in den Taunus. Und
Goldman Sachs, die stolzeste Investmentbank der Welt, legte ihren Mitarbeitern
nahe, keine Treffen mit Kunden auch nur im Umkreis der Frankfurter Zentrale
abzuhalten.
Einige Banken aktivieren jetzt die Notfall-Zentralen, die sie nach dem 11.
September 2001 eingerichtet hatten. Es sind zum Teil bunkerartige Räume, in
denen es alles gibt, was ein Headquarter braucht: Telefonanlagen, Computer,
Server. Dorthin verkriechen sich die Verantwortlichen der überlebenswichtigen
Bankabteilungen. "Business Continuity Management" nennen die Banker das
Krisen-Programm.