Eine Schweizer Bankangestellten-Sprecherin über Krisenstimmung am Schalter und einen Aufstand der Anständigen
Nach Boni-Exzessen, Finanzkrise und Steueraffären reicht es jetzt sogar den
Schweizern. Sie sind wütend auf ihre Banken - so wütend, dass die Schweizerische
Bankiervereinigung eine teure Imagekampagne startete. Wer jetzt am Schalter
einer Bank arbeitet, hat es wohl nicht leicht.
Die Situation ist für die Angestellten schwer auszuhalten. Oft bekommen wir
Sachen zu hören wie: Sie zocken uns ab und verdienen dafür auch noch viel Geld!
Die Kunden verlangen Erklärungen für die Krise, werden ungeduldig, wenn nicht
grad eine Antwort kommt. Aber der Ärger entlädt sich ja nicht nur am Schalter.
Sondern?
Viel passiert am Telefon, per Mail. Ein Vater hat mir auch erzählt, seine Kinder
müssten sich auf dem Spielplatz dumme Sprüche anhören, weil er bei der UBS
arbeite. Andere werden beim Sport oder am Stammtisch dumm angemacht. Früher
trugen UBS-Mitarbeiter eine Anstecknadel ihrer Bank am Revers. Bankangestellter
- das hatte ein gewisses Ansehen. Heute sagt niemand mehr, dass er bei der Bank
arbeitet, wenn er nicht gefragt wird.
Schämen sich die Bankangestellten für ihre Arbeitgeber?
Nein, sie identifizieren sich immer noch mit ihrer Bank. Warum sollten sie sich
auch schämen? Diese Frage macht mich wütend! Warum fragt niemand einen
Mitarbeiter der Tabakindustrie, ob er sich schämt? Zigaretten schaden der
Gesellschaft. Man hackt immer nur auf den Bankangestellten rum, obwohl die
allermeisten von ihnen gar nichts für die Krise können. Ich vermute, dahinter
steckt auch Neid. Die Menschen glauben, wer bei der Bank arbeitet, verdient viel
Geld. Dabei kommen viele nicht über achtzigtausend im Jahr.
Dass die Leute ihren Frust über die Banken rauslassen, ist doch aber
verständlich. Schließlich haben sie viel Geld verloren, und die UBS wurde mit
Steuergeldern gerettet.
Die Angestellten sind die falsche Adresse. Stellen Sie sich vor: Jahrelang
arbeiten Sie korrekt, und plötzlich haben Sie die ganze Gesellschaft gegen sich.
Das ist ein Schock. Es geht den Leuten sehr nah, es verletzt sie. Aber ich spüre
auch viel Wut, gerade bei den Großbanken UBS und Credit Suisse. Die
Bankangestellten haben die Nase voll, dass sie für Fehler geradestehen müssen,
die andere gemacht haben. Die Manager haben versagt, die Investmentbanker haben
große Verluste gemacht, und die Angestellten müssen es ausbaden. Es ist ja nicht
nur der Ärger der Bürger, der sie voll trifft. Tausende Stellen wurden
gestrichen, Löhne gekürzt. Die Stimmung in den Banken ist katastrophal. Und es
hört nicht auf.
Was hört nicht auf?
Das Gefühl der Angestellten, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Der Druck
ist enorm. Seit einigen Jahren setzt sich in den Banken ein perfides
Beurteilungssystem durch. Es basiert auf dem Wettbewerb aller gegen alle. Dieses
System schreibt vor, dass es pro Team einen gewissen Anteil von Spitzenleuten
und von schwarzen Schafen gibt. Selbst wenn alle gut gearbeitet und ihre Ziele
erreicht haben - am Schluss muss der Teamleiter ein paar schwarze Schafe
bestimmen und sie ans Messer liefern. Das schafft ein Klima, in dem der Kollege
zum Feind wird. Jeder bleibt für sich.
Gibt es bald einen Aufstand der Bankangestellten in der Schweiz?
Unser Ziel ist kein Aufstand, wir wollen die Angestellten besser organisieren.
Aber sogar eine kleine Versammlung ist ein Riesenproblem. Viele kommen nicht,
weil sie Angst haben, ihre Teilnahme könnte gemeldet werden. Wenn jemand zu uns
Kontakt aufnimmt und das zu seinem Chef durchsickert, gilt er als Verräter.
Einer hat mir erzählt, dass er zum Vorgesetzten zitiert und ausgefragt wurde:
Warum sind Sie zu denen gegangen? Was passt Ihnen nicht bei uns?
Wie erreichen Sie unter diesen Umständen überhaupt die Leute?
Vor allem über Social Media. Aber es ist wirklich schwer. Die
Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert kaum, weil jeder seine Mitgliedschaft bei
uns geheim halten will. Von den Angestellten wird absolute Diskretion erwartet,
selbst mit der eigenen Familie sprechen die nicht über ihre Probleme. Auf Dauer
macht das krank. Der Konsum von Medikamenten und Betäubungsmitteln ist in
unserer Branche höher als in anderen.
Wenn die Lage so düster ist, wie Sie schildern, fragt man sich ja: Warum ist es
nicht längst zu einem Aufstand gekommen?
In den Banken herrscht eine Kultur der Angst und des Individualismus. Das
Misstrauen gegenüber allem, was irgendwie nach Gewerkschaft aussieht, ist groß.
Oder die Wut ist einfach nicht groß genug.
Einige Verbandskollegen denken ähnlich. Sie sagen, den Angestellten gehe es noch
zu gut. Vielleicht. Wir befinden uns in einer Umbruchphase, Druck und
Verunsicherung werden größer. Ich merke, dass das Bewusstsein der Angestellten
sich verändert, dass etwas in Bewegung geraten ist. Wer weiß, wohin das noch
führen wird.
Die Fragen an die Zentralsekretärin des Schweizerischen Bankpersonalverbands,
Denise Chervet, stellte Yvonne Staat.