Anleger müssen sich nach Alternativen auf dem Markt umschauen
fne. FRANKFURT, 6. Juli. Die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank
(EZB) dürfte dazu führen, dass Anleger noch weniger Zins für ihr Tages- und
Festgeld bekommen werden. Die Geschäftsbanken leihen sich das Geld von der EZB
künftig für den Jahressatz von 0,75 Prozent. Das ist der niedrigste Leitzins,
den es je gegeben hat in den Ländern der Währungsunion. Noch hat keine Bank ihre
Einlagenzinsen gesenkt; es dauert erfahrungsgemäß einige Wochen, ehe ein Teil
des Marktes reagiert. Andere Banken werden ihre Konditionen zunächst für Sparer
unverändert lassen. Aber der Trend zu niedrigen Zinsen wird durch die
Zinssenkung verstärkt.
Für Privatanleger hat das die Folge, dass die Tages- und Festgeldkonten, die
ohnehin schon meist nicht den Ausgleich der Inflation bieten, noch weniger
abwerfen. Die Zinsen liegen zum Beispiel für Tagesgeld derzeit im Durchschnitt
bei 1,36 Prozent - die Inflation im Juni betrug aber in Deutschland 1,7 Prozent.
Unter diesen Bedingungen verliert das Vermögen des Sparers etwa 0,34 Prozent an
Kaufkraft im Jahr. Bei 50 000 Euro sind das 170 Euro im Jahr. Nach zehn Jahren
sind das dann etwa 1675 Euro und damit rund 3,35 Prozent Kaufkraftverlust. Bei
Sparbüchern ist der Verlust sogar noch höher, denn die Zinsen sind noch
niedriger. Auch die Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen, derzeit sind das
knapp 1,4 Prozent, reicht nicht mehr zum Inflationsausgleich. Außerdem sind
private wie staatliche Renten- und Lebensversicherer von Inflation und niedrigen
Zinsen betroffen.
Eine Nation von Sparern wie Deutschland treffen die niedrigen Zinsen besonders
hart. Trotzdem bleiben viele Menschen traditionellen Anlageformen treu, weil
Rendite für sie nicht alles ist. Ein Beispiel: Trotz aktuell nur 0,7 Prozent
Verzinsung war die Nachfrage nach einem Sparkonto der Öko-Bank GLS riesig, da
diese versucht, das Geld so nachhaltig wie möglich anzulegen.
Wer lukrativere Alternativen sucht, hat keine sichere Möglichkeiten zur Auswahl.
"Absolute Sicherheit bei hoher Rendite - so etwas gibt es nicht und hat es auch
noch nie gegeben", sagt Niels Nauhauser, Anlageexperte bei der
Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Für die Altersvorsorge lohne sich gerade
bei jüngeren Sparern ein Blick auf so genannte Riester-Fondssparpläne, sagt der
Frankfurter Vermögensverwalter Michael Huber. Während Anleger bei der
klassischen Riester-Rentenversicherung momentan einen Garantiezins von 1,75
Prozent und damit zusätzlich zu den hohen Gebühren nicht einmal einen
Inflationsausgleich erhalten, setzen Riester-Fondssparpläne auch auf
Aktienindizes, die eine höhere Wertentwicklung haben. Außerdem ist das
eingezahlte Geld garantiert. Aktien oder Fonds auf Aktienindizes seien der beste
Inflationsausgleich. "Die Gefahr in solchen Zeiten liegt darin, dass Anleger auf
der Suche nach höheren Zinsen die Risiken aus dem Auge verlieren", sagt Huber.
So rangieren in Internet-Vergleichsportalen bei den Konditionen für Tages- und
Festgeld dann auch in Deutschland eher unbekannte Anbieter wie MoneYou, Ikano
Bank, VTB Direktbank und DenizBank auf den vorderen Plätzen.
Anlageexperte Niels Nauhauser sagt: "Wir raten zu einer sehr breiten Streuung
des Geldes über verschiedene Anlageklassen." So sollten Anleger ein Portfolio
aus Tagesgeld, Aktien, Rohstoffen und Immobilien halten, um die Risiken
möglichst breit zu streuen. Huber hält die Anleihen von Schwellenländern, die
eine hohe Rendite versprechen, oder High Yield Bonds, mit denen sich Unternehmen
mit eher schlechtem Rating finanzieren, für aussichtsreich. Auch Wandelanleihen
und Unternehmensanleihen gehören laut Huber zu den Anlagesegmenten, mit guten
Renditechancen. "Man muss aber auch der Typ für diese Anlageform sein - ist der
Anleger nicht risikofreudig, würde ich davon abraten."
Andere Anlagen wie Anleihen von Mittelständlern, die für mehrere Jahre 7 bis 10
Prozent Zinsen jährlich versprechen, hält Verbraucherschützer Nauhauser für
riskant: Anleger müssten sich im Klaren sein, dass sie dabei ihren Einsatz
komplett verlieren können. Manche Fachleute halten Gold momentan für überteuert.
Für Immobilien sprechen zwar günstige Darlehen, doch das Kapital wird so
langfristig gebunden.
"Die Chance auf eine höhere Rendite sind die schlaflosen Nächte nicht wert",
sagt Huber. Außerdem gebe es, wenn Anleger einen festen Zins von einem
verlässlichen Schuldner wünschten, keine solide Alternative zu den niedrig
verzinsten Tages- und Festgeldkonten der Banken.