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Charakterfragen

20.07.2012


Von Gerald Braunberger


Die Bankbranche ist krank. Gesunden müssen nicht nur die Banken, sondern
auch die Banker.
Entgegen einer alten Redewendung mag Geld nicht immer den Charakter verderben.
Sobald aber die Möglichkeit besteht, innerhalb kurzer Zeit sehr viel Geld zu
machen, wird ein Geschäft zur Charakterfrage. In den vergangenen Jahren haben
viele fragwürdige Vorgänge in der Bankbranche den Eindruck genährt, dass dort
die Festigkeit des Charakters nicht zwingend als Erfolgsvoraussetzung verlangt
wird. Aktuelle Meldungen über die Manipulation von Geldmarktzinsen in London
oder die Rolle des deutschen Investmentbankers Dirk Notheis in der ENBW-Affäre
verstärken diesen Eindruck.

Die unverkennbaren Bemühungen der Finanzbranche, in der Krise in Europa die
Politik vor ihren Karren zu spannen und die Steuerzahler für ihr eigenes
Versagen zahlen zu lassen, verstärken in der Öffentlichkeit die Abneigung
gegenüber den Geldleuten. Manche Kritik mag polemisch, überzogen und zu
verallgemeinernd sein. Im Grundsatz ist die Kritik völlig berechtigt. Die
Branche ist schwer krank. Gesunden kann sie nur, wenn die Banker außer ihren
Geschäftsmodellen auch ihre Denk- und Verhaltensweisen überprüfen.

Das Grundproblem der Bankbranche ist ein exponentielles Wachstum in den
vergangenen 15 Jahren, obgleich Teile des Bankgeschäfts kaum rentabel sind. Das
gilt vor allem für das herkömmliche Kreditgeschäft. Weil Banken in vielen
Ländern über einen Konjunkturzyklus mit dem traditionellen, eher risikoscheuen
und oft langfristigen Kreditgeschäft kein oder kaum mehr Geld verdienen, haben
viele Institute freiwillig hohe Risiken akzeptiert und durch exzessive
Kreditvergabe Spekulationsblasen wie beispielsweise am spanischen oder am
amerikanischen Immobilienmarkt erzeugt.

Vor allem in den Vereinigten Staaten hat man die großzügige Vergabe fragwürdiger
Kredite zu fördern gewusst, indem man sie in unverständliche Wertpapiere
umwidmete und willige Ratingagenturen dafür gewann, diese Wertpapiere mit guten
Bonitätsnoten zu versehen. Anschließend wurden die Papiere, deren fragwürdiger
Charakter ihren Erzeugern nicht unbekannt war, unter anderem Investoren
angedreht, die sich für besonders schlau hielten, aber das Gegenteil von schlau
waren. Solche Investoren gab es auch in Deutschland.

Im Investmentbanking hat besonders die moderne Informationstechnologie durch
komplizierte Produktinnovationen und Handelsstrategien die Möglichkeiten
geschaffen, innerhalb kurzer Zeit sehr viel Geld zu verdienen. Mit diesem
Versprechen lockten die Investmentbanken jahrelang die besten
Universitätsabsolventen zu sich - darunter Mathematiker, Informatiker,
Ingenieure und Physiker, die in ihren angestammten Branchen vermutlich
gesamtwirtschaftlich sinnvoller beschäftigt gewesen wären. Wer Mitarbeitern
schnelles Geld verspricht, muss sie schnell handeln lassen, und die durch
unzureichendes Risikodenken geförderten Exzesse haben nicht nur Lehman Brothers
das Leben gekostet, sondern generell Zweifel an der Mentalität im
Investmentbanking geweckt.

Die aktuelle Krise sollte die Banker dringend dazu veranlassen, wieder mehr
Bodenhaftung zu gewinnen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Branche über
erhebliche Überkapazitäten verfügt und selbst nach einer Bereinigung die
Gewinnmargen in vielen Sparten niedrig bleiben dürften. Die gesamtwirtschaftlich
wichtigste Funktion der Bankbranche ist eine effiziente Vermittlung von
Ersparnissen und Investitionen innerhalb einer Volkswirtschaft. Diese Funktion
ist wichtig und verdient, vergütet zu werden. Aber diese Tätigkeit ist weder
exklusiv, noch fordert sie - von der Informationstechnologie abgesehen - hohe
Sachinvestitionen, und sie verlangt auch kein Geheimwissen mit Patentschutz.
Einen Anspruch auf gewaltige Renditen kann man aus dieser Tätigkeit nicht
ableiten.

Die Lernkurven werden nicht nur lang, sondern auch schmerzlich sein. Vor allem
in London und New York konnten die Banken in der Vergangenheit damit rechnen,
dass ihnen die Politik keine allzu großen Steine in den Weg warf. Heute
versuchen die Banken im Verein mit anderen Großanlegern die Politik in Europa
von Umschuldungen abzuhalten. Besonders dreist ist das Argument, Banken
benötigten risikofreie Staatsanleihen für ihr Geschäft. Eine gleichzeitig
verzinsliche und völlig risikofreie Anlage ist ein Widerspruch in sich. Wer
nicht in der Lage oder willens ist, Risiken zu bewerten und zu managen, ist
gerade im Bankgeschäft falsch aufgehoben.

Es gibt durchaus erste Anzeichen einer Besserung, aber sie reichen nicht aus. In
der Krise haben viele Häuser ihre Vorstandsvorsitzenden ausgewechselt. Die neuen
Vormänner kennen zwar noch die alten Praktiken, sind aber vielleicht doch in der
Lage, für eine neue Bescheidenheit zu werben. Das verhängnisvolle Geschäft mit
komplizierten Verbriefungen von Krediten gibt es kaum mehr. Die hohen Renditen
der Vergangenheit waren vorübergehende Exzesse in einer Spekulationsblase. Eine
erdverbundenere und charakterfestere Vorstellung des Bankgeschäfts ist dringend
notwendig.