Die Finanzkrise hat das Ansehen der Banken erschüttert. Doch die
Verbraucher gehen trotzdem weiterhin zu ihrem Berater vor Ort.
Von Britta Beeger
FRANKFURT, 30. August. Joris Luyendijk ermöglicht den Blick hinter die Kulissen.
In seinem "Banking Blog", der auf der Internetseite des britischen "Guardian"
veröffentlicht wird, erzählen Banker anonym von ihrem Arbeitsalltag, von der
Atmosphäre in der Londoner Finanzbranche - und dem immer noch hohen
Verkaufsdruck. "Jeder macht sich Sorgen um seinen Job. Viele Banken entlassen
jedes Jahr 10 bis 15 Prozent der Mitarbeiter, die am wenigsten verkaufen", sagt
ein Banker. Er ist Anfang 30 und seit zehn Jahren in der Finanzbranche, zur Zeit
als leitender Angestellter in einer großen Bank. Er sagt auch: Banker ist nicht
gleich Banker. "Das größte Missverständnis über die Finanzbranche? Dass wir alle
Millionäre sind. Einer von 10 000, das sind die mit dem großen Geld."
Mit mehr als 100 Bankern hat der niederländische Anthropologe Luyendijk
gesprochen, seit er vor einem Jahr mit seinem Blog begann. Und er hat seine
Meinung über die Szene grundlegend geändert. "Ich hatte die Vorstellung, dass
die alle gleich sind, alle mehr oder weniger das Gleiche tun, und dass sie
wissen, was sie tun", sagt er: "Keine dieser Vorstellungen konnte ich
aufrechterhalten." "Die Banker" gibt es aus seiner Sicht nicht.
Aus Sicht der Öffentlichkeit gibt es sie schon. "Die Banker" waren es, die
Subprime-Produkte verkauft und so im Jahr 2008 den Zusammenbruch der
amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgelöst haben. Sie waren es,
deren Institute in der daraus folgenden internationalen Finanzkrise mit
Steuergeldern gerettet werden mussten, und die nun im Verdacht stehen, den
wichtigen Referenz-Zinssatz Libor manipuliert zu haben, um Handelsgewinne
einzustreichen.
Das Vertrauen in die Branche, die einst für Tradition und Seriosität stand, ist
geschwunden. Laut dem Vertrauensindex der Gesellschaft für Konsumforschung
vertrauten 2011 rund 57 Prozent der Deutschen den Bankern - 15 Prozent weniger
als noch im Jahr 2008. Laut dem Edelman Trust Barometer 2012 sind Banken (47
Prozent) und Financial Services (45 Prozent) von allen Branchen diejenigen, in
die Verbraucher am wenigsten Vertrauen haben. So schlecht ist das Ansehen der
Branche, dass die neuen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Jürgen
Fitschen und Anshu Jain, zu ihrem Amtsantritt einen "Kulturwandel" in ihrem Haus
ankündigten.
Doch wenn die Verbraucher den Banken nicht mehr vertrauen - wem dann? Wohin
gehen sie mit ihrem Geld, wen fragen sie um Beratung bei Finanzprodukten? "Ich
bin überrascht, dass niemand die Lehre aus der Krise zieht", sagt Gerd
Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: "Den großen
Banken misstraut man, aber nicht dem eigenen Bankberater vor Ort." Auch Birger
Priddat, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke,
ist überzeugt: "Viele Kunden halten noch immer an der Illusion fest, dass der
eigene Bankberater sie gut berät, dass er in ihrem Interesse handelt. Aber das
kann er gar nicht." Eine Umfrage des Mannheimer Ipos-Instituts im Auftrag des
Bundesverbands deutscher Banken aus dem Jahr 2011 hat ergeben: Bei 47 Prozent
der Befragten hat das Vertrauen in Banken allgemein stark gelitten. Nur 10
Prozent gaben das auch für ihre eigene Bank an.
Die große Alternative zu den Banken scheint es deshalb für Verbraucher auch
nicht zu geben. Zwar zeigen historische Analysen, dass Menschen sich auf ihre
persönlichen Netzwerke stützen, wenn institutionelle Vertrauensinstanzen
wegbrechen. "Demnach müssten sie derzeit bei ihren finanziellen Entscheidungen
wieder stärker nach Rat im Familien- und Freundeskreis suchen", sagt Guido
Möllering, Professor für Organisation und Management an der Jacobs University
Bremen. Wie wichtig die Meinung von Freunden und Familie ist, zeigt eine jüngst
veröffentlichte Studie der Wirtschaftsberatung Ernst & Young. Demnach sind sie
für 69 Prozent der Bankkunden die wichtigste Entscheidungsgrundlage, wenn sie
sich über ein neues Bankprodukt informieren. 58 Prozent nutzen Vergleichsportale
im Internet, 49 Prozent verfolgen Medienberichte. Die Banken selbst werden
dagegen nur von 44 Prozent als bevorzugte Informationsquelle genannt. Das große
Bedürfnis nach Sicherheit spüren auch die Verbraucherzentralen. "Viele Kunden
hinterfragen die Angebote, die ihnen von der Bank gemacht werden, und kommen
damit zu uns", sagt Annabel Oelmann, Leiterin der Gruppe Finanzdienstleistungen
bei der Verbraucherzentrale NRW.
Doch das Alternativmodell, das Verbraucherschützer immer präsentieren - die
Honorarberatung -, schaffte bislang nicht den großen Durchbruch. Normale
Kundenberater bei Banken und Sparkassen erhalten für die Produkte, die sie
verkaufen, eine Provision. Verbraucherschützer kritisieren, dass es für den
Berater den starken Anreiz gibt, nicht die Anlage zu empfehlen, die für den
Kunden am besten ist - sondern die, die ihm die höchste Provision einbringt.
Honorarberater hingegen bekommen ein festes Honorar für die Beratung, unabhängig
davon, welches Produkt sie vermitteln.