In Großbritannien arbeitet eine Bank an ethischen Maßstäben für die
Bezahlung ihrer Manager. Auch in Amerika wird ehrenamtliches Engagement
zunehmend entlohnt. Eine Schnapsidee, finden Kritiker.
Von Bettina Schulz, Julia Löhr und Norbert Kuls
Die Londoner City räumt mit ihrem Image auf. Vor dem Scherbenhaufen der
Finanzkrise und nach Jahren rücksichtslosem Gewinnstrebens gibt sich die
Londoner Bankenmeile "ethisch". Das Paradebeispiel ist die Bank Barclays mit
ihrem neuen Vorstandsvorsitzenden Antony Jenkins. Er will das Institut zu einem
verantwortungsvolleren Umgang mit Kunden, Staat und Bürgern bewegen. Keine Bank
ist von der Londoner Finanzaufsicht, der Bank von England und der Regierung so
harsch für ihre brachiale Geschäftspolitik gerügt worden wie Barclays.
Doch wie zwingt man 140 000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt dazu, ethische
Grundsätze an einem Arbeitsplatz einzuhalten, der bisher auf das Gewinnstreben
gerade des Mitarbeiters, seiner Kollegen und des ganzen Instituts ausgerichtet
war? Barclays hat deshalb den Anwalt und beratenden Banker bei Rothschild,
Anthony Salz, beauftragt, der im nächsten Jahr aufzeigen soll, wie die
Geschäftspraktiken verbessert und das Bezahlungssystem der Mitarbeiter an die
neue Zielrichtung angepasst werden kann.
Noch sind die Details nicht festgelegt, wie die "neuen Werte" und wie "besseres
Verhalten" der Mitarbeiter in die Berechnung von Bonuszahlungen einfließen
sollen. Die Höhe der Boni wird normalerweise von Chefs mit Blick auf die
Bewertung von Mitarbeitern durch deren Kollegen, Untergebenen und Vorgesetzten
festgelegt. In diese Bewertung könnten auch ethische Aspekte einfließen. Aber
wie sollen die definiert werden? Die Frage, ob ein Mitarbeiter Nordkorea bei der
Geldwäsche helfen soll, ist leicht zu beantworten. Ist aber die Kreditvergabe
und die Berechnung von Zinsen unmoralisch? Ethik und Moral sind dehnbare
Begriffe.
Mit der Idee, Bankerboni an soziales Engagement zu koppeln, betritt Barclays
Neuland. Nicht überall stößt das Vorhaben auf Zustimmung. "Das ist in
Deutschland aktuell kein Thema und bleibt hoffentlich auch so", sagt Michael
Kramarsch, Vergütungsexperte des Beratungsunternehmens HKP. Vergütung ist seiner
Meinung nach kein Allheilmittel, und soziales Engagement sollte viele
sinnstiftende Motive haben. "Aber Geld dafür zu zahlen, etwas Richtiges und
Wichtiges zu tun, ist eine Schnapsidee - das belegt auch die Forschung", findet
Kramarsch.
Was Unternehmen in Deutschland in den vergangenen Jahren zunehmend eingeführt
haben, sind sogenannte Stakeholder-Ziele. Die erfolgsabhängigen Komponenten der
Vergütung bemessen sich nicht mehr nur an den Finanzkennziffern wie Aktienkurs
und Gewinn. 70 Prozent der Dax-Unternehmen berücksichtigen zum Beispiel die
Mitarbeiterzufriedenheit, die in Umfragen erhoben wird. Auch
Kundenzufriedenheit, Umweltschutz und die Attraktivität des Unternehmens in
Arbeitgeberrankings spielen eine Rolle.
Im angloamerikanischen Raum, von wo die Finanzkrise ihren Ausgang nahm, hat die
Diskussion um die Verbindung von Wirtschaft und Ethik derweil Fahrt aufgenommen.
Zweihundert Vorstände großer britischer Konzerne trafen sich Mitte September mit
britischen Kirchenführern, um sich moralischen Rat zu holen. Schließlich haben
nicht nur Banken ethische Fragen zu beantworten, sondern auch Waffenlieferanten
wie BAE Systems oder Arzneimittelproduzenten wie Glaxo-Smith-Kline oder
Supermarktketten, die in Indien Fuß fassen möchten. Die Vorstände gründeten mit
den Kirchenführern eine Initiative, um Moral in die Geschäftsführung der
Wirtschaft zu integrieren. Im Oktober vergangenen Jahres unterzeichneten die
Chefs der fünf größten britischen Banken und zahlreicher kleinerer Finanzhäuser
einen ethischen Verhaltenskodex. Er verpflichtet Banker, ihre Kunden,
Mitarbeiter und Konkurrenten mit "Respekt und Integrität" zu behandeln.
In den meisten dieser Initiativen sind hochstehende Bankmanager involviert. Wie
schwer Ethik im Tagesgeschäft umzusetzen ist, zeigt der Fall von Lord Green und
dem Geldhaus HSBC. Green ist Laienprediger. Er hat Bücher geschrieben über Moral
und über Verfehlungen und Verantwortung im Bankensektor. Er hat während seiner
Amtszeit versucht zu demonstrieren, dass man auch als Spitzenbanker gläubiger
Christ sein und auf Moral pochen kann. Er war der Erste, der in der Finanzkrise
die eigene Branche hart angegriffen hat.
Trotz der hohen Ansprüche wurde in dem weltumspannenden Konzern jedoch auch
während Greens Amtszeit mit einer saudischen Bank zusammengearbeitet, die
Geldwäsche für Terrorzellen abwickelte. Auch war eine vom Konzern aufgekaufte
mexikanische Bank tief in die Geldwäsche von Drogengeldern verstrickt. Moral hat
nichts mit der Größe einer Bank zu tun. Die kleine Edelbank Coutts wurde in
diesem Jahr von der Londoner Finanzaufsicht mit einer Strafe belegt, weil die
Mitarbeiter es systematisch "versäumt" hatten, bei vermögenden Kunden aus
afrikanischen Diktatorenfamilien zu prüfen, ob es sich bei dem Reichtum um
Geldwäsche handelte.