Kolumne
Wetz hatte Krawattentag - und trug den Binder schon während des Frühstücks. Ob du es glaubst, oder nicht, sie gibt mir inneren Halt, sagte er zu seiner Frau.
Von Georg M. Oswald

1. Juni 2012 Wetz zurrte entschlossen seine Krawatte fest, dann setzte er sich zu Frau und Sohn Alwin an den Frühstückstisch. Heute Krawattentag?, fragte Alwin. Wetz ignorierte bewusst die Spur von Belustigung, die in der Frage lag. Ja. Schwere Verhandlungen heute, antwortete er ernst. Allgemein hatte sich der Krawattenzwang zwar gelockert in den letzten Jahren, aber wenn es amtlich wurde, ging es immer noch nicht ohne. Zumindest nicht bei Wetz. Du solltest sie nicht vor dem Frühstück anziehen, sondern erst danach, sagte seine Frau. Ich brauche sie jetzt schon, erwiderte er. Ob du es glaubst, oder nicht, sie gibt mir inneren Halt.
Nun war es Wetz, der fand, seine Bemerkung entbehre nicht einer gewissen Komik und sah zu seinem Sohn hin, doch der kaute gedankenverloren an seinem Frühstücksbrot. In seiner Frau fand Wetz eine geduldigere Zuhörerin. Er kam ins Reden. Du kennst ja die Kosiek-Sache. Ist einfach nicht vom Tisch zu kriegen. ,Kocht wieder hoch´, wie Klott sagt. Du weißt schon, derselbe Klott, der noch vor einem halben Jahr behauptet hat, die Sache sei erledigt. Heute also wieder Expertenkommission. Lauter Idioten, wenn du mich fragst. Das wird wieder Stunden dauern. Nutzloses Gerede. Und die Arbeit auf dem Schreibtisch bleibt liegen. Meine E-Mails darf ich gar nicht anschauen, da bekomm ich einen Spontan-Burnout. Apropos, Kelch hat sich krankschreiben lassen. ,Bis auf weiteres´, hieß es. Keiner weiß, was er hat. Heißt natürlich: Seine Sachen bekomme ich jetzt auch noch auf den Tisch. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das noch hinkriegen soll. Und jetzt auch noch die Kosiek-Sache! Kocht wieder hoch! Die Kommission wird sich eine neue Agenda zurechtzimmern, und wen machen sie für die Umsetzung verantwortlich? Mich! Manchmal frage ich mich, warum ich mir das eigentlich überhaupt alles antue, aber es ist eben so, man muss sich durchbeißen, dranbleiben, nachhaltig sein, niemals aufgeben. Wetz unterbrach sich selbst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak