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Interne Ermittlungen

Kollegen im Kreuzverhör

31.05.2012


Wenn interne Ermittler an die Bürotür klopfen, kann das unangenehm werden. Viel Spielraum haben die Mitarbeiter nicht - doch den sollten sie nutzen.

Von Corinna Budras



31. Mai 2012 Es gibt Situationen, in denen Stefan Wieland einfach nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen könnte. Der Fall des „emotional betroffenen Vorstandes“ war so einer. Eigentlich ein Klassiker: Der Geschäftsführer eines Einzelhandelsunternehmens gerät unter den Verdacht der Untreue, die Muttergesellschaft fängt an, den Fall zu untersuchen, sammelt Beweise, bringt externe Ermittler ins Haus. Darunter auch Wieland, Kriminaloberkommissar a. D., inzwischen trägt er die Bezeichnung des „Certified Fraud Examiner“. Ein Vorstand der Muttergesellschaft ist tief enttäuscht von dem Geschäftsführer, schließlich hatte er ihn drei Jahre lang protegiert. Dieser Vertrauensbruch! Als der beschuldigte Geschäftsführer befragt werden soll, besteht der Vorstand darauf, dabei zu sein - entgegen dem ausdrücklichen Rat der Ermittler. Ein Kardinalfehler.

Irgendwann im Laufe des Gesprächs kommt es, wie es kommen muss: Das sorgsam vorbereitete Interview gerät aus den Fugen, Absprachen werden nicht eingehalten. Mehrmals fällt der Vorstand dem Interviewteam ins Wort, platzt mit eigenen Fragen rein. Der anfangs noch kooperationswillige Geschäftsführer beginnt zu blockieren, die Situation eskaliert. Es folgen lautstarke Drohungen des Vorstands, die Gegenseite kontert mit Nötigung, dann wird das Interview vom Anwalt des Geschäftsführers abgebrochen. Gewonnen wurde nichts, im Gegenteil: Die außerordentliche Kündigung konnte das Unternehmen vor Gericht nicht mehr durchsetzen.

Fallstricke gibt es viele

“Da können Sie nichts mehr machen“, sagt Wieland, der 1999 den Staatsdienst verlassen hat und seine kriminalistischen Fähigkeiten nun als Geschäftsführer des Risk-&-Compliance-Beratungsunternehmens Business Integrity Management GmbH anbietet, das Mitglied der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Crowe Horwath International ist. Inzwischen dient ihm diese Anekdote als abschreckendes Beispiel und Fallstudie eins zum Thema „Fallstricke im Interview und ihre Folgen“. Und Fallstricke gibt es viele: Fehlende Vorbereitung, schlechte Absprachen, mangelhafte Interviewstrategien - selbst wenn die Beweislage für das Unternehmen komfortabel ist, kann viel schiefgehen.

Auch Tobias Neufeld, Arbeitsrechtler der Kanzlei Allen & Overy, weiß ein Lied von stümperhaften Detektiven zu singen, die es schaffen, mit fragwürdigen Ermittlungsmethoden einen eigentlich klaren Fall zu versemmeln. „Ein Wirtschaftsdetektiv, der selbst Jurist ist und deshalb weiß, was er darf, ist von einem unschätzbaren Wert“, sagt der Düsseldorfer Rechtsanwalt. Denn Arbeitsgerichte reagieren zimperlich, wenn Unternehmen in Ermittlungen die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter verletzen oder den Datenschutz aushebeln. Dann kann sich das Blatt sehr schnell zu Lasten des Arbeitgebers wenden, obwohl der sich voll im Recht sieht.

Diskrete Helfer für delikate Fälle

Trotz der Stolpersteine versuchen immer mehr Unternehmen, Wirtschaftskrimininalität im eigenen Haus zunächst einmal selbst zu untersuchen. Viele scheuen davor zurück, sofort die Polizei zu rufen. Hat man die Beamten erst einmal im Haus, wird man sie schließlich nicht mehr so leicht los. Viele, besonders große Unternehmen haben deshalb eigene Strukturen geschaffen. Siemens, Volkswagen, die Deutsche Bahn, alle verfügen inzwischen über professionelle Compliance-Abteilungen, die die Einhaltung der Regeln im Unternehmen sicherstellen und schräge Verhaltensweise aufspüren sollen.

Auch von außen gibt es Rat: Wirtschaftsprüfer, Anwaltskanzleien, externe Ermittler, inzwischen gibt es viele Berufsgruppen, die Unternehmen in diesen delikaten Fällen diskret unter die Arme greifen. Und neue kommen hinzu, zum Beispiel der des „Certified Fraud Managers“. So ungewohnt die Bezeichnung in Deutschland noch ist - immer mehr Unternehmen legen in ihren Stellenausschreibungen Wert darauf. „Die Ausbildung gewinnt mehr und mehr an Ansehen“, sagt Wieland, lange Jahre auch Mitglied des Vorstands des deutschen Arms der „Association of Certified Fraud Examiners“, die weltweit 60 000 Mitglieder hat. Erst wenn es gar nicht mehr anders geht, wird die Polizei eingeschaltet - und in Zeiten mangelhafter Ausstattung nehmen sie die Vorarbeiten der Unternehmen dankbar auf.

Diese Arbeiten können umfangreich werden: Oft müssen unzählige Dokumente gesichtet und E-Mails der Mitarbeiter überprüft werden. Das geht freilich nur in engen Grenzen und hängt wesentlich davon ab, ob das Unternehmen nur geschäftliche E-Mails erlaubt oder auch private. Im letzteren Fall sind die datenschutzrechtlichen Hürden größer. Manchmal wurden Unterlagen jedoch schon beiseitegeschafft, dann bleibt nur noch die Befragung des Verdächtigen und seiner Kollegen, um den Vorwurf zu erhärten. Damit hängt die ganze Hoffnung der Ermittler an diesem Gespräch. „Oft haben wir nur eine einzige Chance“, sagt Wieland. Und die will bestens genutzt sein: Eine gründliche Vorbereitung ist für den Verlauf des Interviews entscheidend. Psychologisch, kriminalistisch, beweistaktisch, die Ermittler müssen auf jedes Szenario vorbereitet sein.