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Kolumne

Kurze Zündschnur

07.06.2012


Wem Klipp etwas zu sagen hatte, den stellte er bei offenen Türen mitten im Flur und putzte ihn zusammen. Hinterher waren sich immer alle einig: Klipp hatte eben eine sehr, sehr kurze Zündschnur.

Von Georg M. Oswald



7. Juni 2012 Klipp stand in dem Ruf, eine kurze Zündschnur zu haben. Was anderen zu anderen Gelegenheiten als Unbeherrschtheit, schlechte Umgangsformen, Ungehobeltheit vorgeworfen worden wäre, hatte sich bei Klipp zum Markenzeichen entwickelt. Ursprünglich war es vielleicht wirklich nichts weiter gewesen als übertriebene Direktheit in Verbindung mit einem allerdings sehr ausgeprägten Egoismus. Erst als Klipp begriff, dass man vor ihm erschrak, dass er einschüchternd wirkte oder doch zumindest entwaffnend, sorgte er dafür, dass er seinem Image auf alle Fälle gerecht wurde. In Konferenzen fiel er dem Vortragenden ins Wort, nur um ihn bloßzustellen. Wenn er zu mehreren Mitarbeitern sprach, dann immer in der zweiten Person Plural. Das war ganz und gar nicht freundschaftlich gemeint. Die Gemeinten fühlten sich deshalb hinterher demütig miteinander verbunden.

Klipp habe eben eine ganz besonders kurze Zündschnur, das sei seine große Schwäche, aber, wie jedermann wisse, auch seine ganz große Qualität. Bei jedem anderen hätte man sich beschwert, aber Klipp ließ man es durchgehen. Es war nicht Bewunderung allein, die dafür sorgte. Man wich Klipp lieber aus, als ihm zu begegnen, denn wem Klipp etwas zu sagen hatte, den stellte er bei offenen Türen mitten im Flur und putzte ihn vor nicht versammelter, aber geduckt an ihren Plätzen lauschender Mannschaft zusammen. Jeder war froh, nicht da draußen dieses Wortgewitter über sich ergehen lassen zu müssen. Hinterher waren sie sich einig: Man wusste doch, dass man aufpassen musste. Klipp hatte eben eine sehr, sehr kurze Zündschnur.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak

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