Kuratoren für die Kommunikation
In den Bankentürmen regiert nicht nur das Geld. Viele Häuser beschäftigen eigene Kuratoren, die mit Kunst die Kommunikation der Mitarbeiter ankurbeln sollen.
Von Corinna Budras

22. Juni 2012 Hannes Glock steht im fünften Stock des Commerzbank-Hochhauses Galileo und ist schlicht entzückt. Mit verschränkten Armen starrt der Kurator auf zwei Beinpaare ohne Oberkörper und Kopf, als hätte er die Skulptur Kulisse von Christine Schiewe im Konferenzbereich der Bank zum ersten Mal entdeckt. Dabei kennt er sie in- und auswendig. Das ist sehr charmant, schwärmt er in der unnachahmlichen Tonlage eines Kenners und zeichnet mit ausladenden Bewegungen in der Luft die Konturen nach. Es hat einen eigenen, feinen Witz.
Seine Kollegin Beate Schlosser von der Commerzbank-Stiftung ist ähnlich begeistert, doch sie drängt es zu einem großflächigen Foto der Künstlerin Regina Weiss, das eine Kampfszene zeigt. Auch Beate Schlosser erläutert mit Hingabe und großen Gesten das Bild, erklärt die Hintergründe, beschreibt die Entstehung. Eines ihrer Lieblingsbilder in dem Hochhauskomplex, keine Frage. Ein Mann im dunklen Anzug und Schlips wartet auf seine Besprechung und blickt etwas irritiert. Nicht auszuschließen, dass ihm gerade zum ersten Mal dämmert, was für Schätze im Frankfurter Bankenviertel an den Wänden hängen.
Zwei Tage später, ein paar hundert Meter weiter in der 38. Etage der DZ Bank ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Leiterin der Kunstsammlung, Christina Leber, ist voll in ihrem Element, die Begeisterung hat sie gepackt. Mit großen Schritten läuft sie auf ein bordeauxrotes Bild des amerikanischen Fotokünstlers Robert Barry zu, auf dem mit einigem Abstand betrachtet die Konturen eines Frauengesichtes zu sehen sind. Das Foto einer DZ-Bank-Mitarbeiterin, mit transparenter Tusche fast bis zur Unkenntlichkeit übermalt. Je näher man darauf zugeht, desto mehr verschwindet der Kopf, stattdessen werden Wörter sichtbar: Waiting steht auf dem Bild. Careful und Detail auf einem anderen. Für die Kunsthistorikerin die perfekte Analogie zum Büroalltag. Nähe und Distanz gehören zu den wichtigsten Komponenten der Kommunikation, sagt Christina Leber.
Dann rückt sie mit einem Paradebeispiel in Sachen Mitarbeiterbindung heraus: Ein anderes Bild - diesmal ist es in Grün gehalten - zeigt einen ehemaligen Mitarbeiter, der über Jahre hinweg hier in der 38. Etage am Empfang saß, hinter sich sein eigenes Porträt, von dem amerikanischen Künstler Barry fotografiert und bearbeitet, von seinem Arbeitgeber bezahlt. Christina Leber beschreibt nicht, wie sich der Mitarbeiter all die Jahre mit dieser Wertschätzung im Rücken gefühlt haben muss. Sie verkneift sich den Hinweis, dass Mitarbeiter anderer Unternehmen jeden Morgen an der Ahnengalerie längst verflossener Vorstandschefs vorbeihetzen, während die Wände der Genossenschaftsbank acht zufällig ausgewählte Mitarbeiter zieren. Sie sagt nur: Das Bild hätte er bei seinem Ruhestand gerne mitgenommen. Er hat natürlich einen Abzug bekommen.
Außen Prestigeprojekt, innen Kommunikationsmotor - diese Mischung scheint nur Kunst und Kultur zu gelingen. Schon vor Jahrhunderten sind Bankiers in die Rolle der reichen Mäzene geschlüpft, haben Kunstwerke gesammelt und damit mehr oder weniger bedürftige Künstler unterstützt. Das ist auch heute nicht anders, doch lange Jahre haben Banken und Unternehmer gerne Stillschweigen über ihr Engagement gewahrt und in hausinternen Ausstellungen allenfalls ihre Mitarbeiter mit ihren Schätzen beglückt. Spätestens der weithin beachtete Umbau und die Eröffnung des spektakulären Erweiterungsbaus des Frankfurter Städel-Museums Anfang des Jahres hat das Engagement der Banken wieder in das Licht der -ffentlichkeit gerückt. Am Museumsufer spricht man ganz offen über die Schwächen der eigenen Sammlung, stolz verweist man auf die umfangreichen Dauerleihgaben aus dem Bankenviertel, die diese Lücken schließen. Die zeitgenössische Kunst im neuen Städel-Erweiterungsbau? Dank Leihgaben der Deutschen Bank ein Aushängeschild des Museums. Die Fotografie als aufstrebende Kunstrichtung? Ohne die DZ Bank quasi nicht vertreten.
Erst Anfang des Monats hat eine neue Stiftung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) das Licht der Kulturwelt erblickt. Das Stiftungsvermögen beläuft sich auf eine Million Euro und stammt aus einer Spende der Commerzbank aus dem Jahr 2010, als die finanzielle Lage der Bank eigentlich keine großen Sprünge zuließ. Das Geld floss aus dem Verkauf einer Plastik des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti. Das Kunstwerk hatte die Commerzbank nach dem ansonsten ziemlich missratenen Zusammenschluss mit der Dresdner Bank geerbt. 75 Millionen Euro spülte die Auktion in die Kasse der klammen Bank, ein Weltrekord. Damals übergab die Commerzbank dem MMK zusätzlich 17 Dauerleihgaben aus der Kunstsammlung der früheren Dresdner Bank, vier andere Museen in ganz Deutschland profitierten auch von Gemälden. Mit den Dauerleihgaben konnten wir bei den Museen Lücken in bestimmten Sammlungsbereichen schließen, sagt der Kurator Hannes Glock. Mit Spenden wolle man zudem nachhaltig die Bereiche Museumspädagogik und Restaurierung fördern. Und nun auch noch die neugegründete MMK-Stiftung: Es schließt sich ein Kreis, sagt er. Damit haben wir vor zwei Jahren etwas angestoßen, das bleibt.