Entwicklungshilfe
An der Entwicklungshilfe lockt die Aussicht auf fremde Länder und Kulturen. Doch die Arbeit ist nicht nur schön, die Stellen sind rar, und die Konkurrenz ist groß.
Von Julian Staib

4. September 2012 Vor dem Abflug aus der Heimat kam in all der Aufbruchsstimmung doch ein wenig Melancholie auf. Denn der Abschied wird von Dauer sein. Philipp Kuehl arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im südafrikanischen Pretoria. Dort bleibt er für zweieinhalb Jahre - vorerst. Danach kommt vielleicht das nächste Land, dann eventuell eine Station in der Zentrale in Deutschland, und dann muss er wahrscheinlich wieder raus.
In der Vorstellung vieler junger Menschen ist Kuehls Job ein Traumberuf. Wer sich auf eine solche Stelle bewirbt, den reizen die Abwechslung und das Reisen - ein wenig Altruismus ist manchmal auch dabei. Entwicklungshilfe nannte man das früher, aber nur Hilfe klingt heute manchen zu passiv, daher spricht man lieber von Zusammenarbeit.
Vereinfacht gesagt geht es darum, andere Länder in ihrer wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung von außen zu unterstützen. Ob das funktionieren kann, ob Entwicklung nicht von innen kommen muss, darüber streitet die Wissenschaft heftig. Die Praxis macht unterdessen in großem Umfang weiter: Etwa 11 Milliarden Euro gab Deutschland 2011 für Entwicklungszusammenarbeit aus.
Wenig Geld und viel zu tun - das liest man immer wieder, wenn es um das Thema geht. Aber das stimmt oft nicht: Es sind selten Gesinnungsethiker, die hier arbeiten, sondern oft sehr gut bezahlte Experten auf recht bürokratischen Stellen. Doch wie wird man Entwicklungshelfer? Die Antwort ist keine einfache, denn das Berufsfeld ist unübersichtlich, die Konkurrenz ist groß und das Stellenangebot sehr klein. Für Berufseinsteiger ist es geradezu winzig.
Berufsanfänger Philipp Kuehl arbeitet seit Juli als Juniorberater - das sind die Nachwuchsstellen der GIZ - in einem vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beauftragten Projekt zur Gewaltprävention in Südafrika. Die GIZ will hier Initiativen vernetzen und Projekte mit Jugendlichen vorantreiben. Die Arbeit mache ihm großen Spaß, erzählt Kuehl.
Das Programm wird erst aufgebaut, daher habe ich die Chance, hier etwas mitzugestalten. Pretoria sei ein toller Standort, abgesehen von der Sicherheit. Was ihm fehle, sei die Freiheit, abends auf die Straße zu gehen, Fahrrad zu fahren. Aber irgendetwas tauscht man immer ein.
Der 28-Jährige hat nach dem Abschluss zweieinhalb Jahre gebraucht, bis er dorthin kam, wo er nun ist. Nach dem Studium der Verwaltungswissenschaften mit internationalem Fokus jobbte er, bildete sich weiter und machte Praktika, unter anderem in Indien und Kambodscha. Das war ein steiniger Weg mit vielen Kurven, sagt er.
Sein Arbeitgeber ist ein Unternehmen, das sich fast nur durch Steuergeld finanziert und eine Monopolstellung in Deutschland hat. Fast 17000 Menschen arbeiten in der GIZ, davon sind aber 12000 sogenannte nationale Mitarbeiter in Projekten im Ausland. Nur etwa 2000 Mitarbeiter sind vor Ort als entsandte Berater, etwa 3000 arbeiten in Frankfurt in der Zentrale. Ein kleiner Arbeitsmarkt ist das also. Noch kleiner ist er für Berufseinsteiger. Wir stellen im Jahr etwa 80 bis 100 Juniorfachkräfte ein, sagt Ulrich Heise, der für die Nachwuchsprogramme der GIZ verantwortlich ist.
Daneben gebe es die Einstiegsmöglichkeit als Entwicklungsstipendiat. Das war früher ein Nachwuchsprogramm des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED), der zweiten großen staatlichen Entwicklungshilfe-Organisation. Doch seit Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) 2011 den DED mit der früheren GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) zur GIZ fusionierte, scheinen die Ansätze des DED zu schwinden. Das Programm laufe zwar weiter, erzählt Heise, aber statt 100 gebe es jetzt noch 30 bis 40 Stellen im Jahr.
Direkt nach dem Studium gelinge nur wenigen ein Einstieg in die GIZ, sagt Heise. Für die Stellen als Juniorfachkraft sind häufig schon ein oder zwei Jahre Berufserfahrung gewünscht. Eine andere Möglichkeit sei ein Praktikum, 1200 junge Menschen absolvierten jedes Jahr eines. Dafür gibt es im Inland 950 Euro monatlich und im Ausland eine länderabhängige Pauschale.
Einige der Praktikanten werden dann als Juniorfachkräfte weiterbeschäftigt, sagt Heise. Die erhalten eine attraktive Vergütung, etwa 2900 Euro plus Auslandszulage. Zudem: Wenn das ein Entsendeland mit entsprechenden Abkommen ist, dann zahlt man wenige bis gar keine Steuern.
Das ist viel Geld. Aber der Beruf hat auch andere Seiten: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind in manchen Ländern herausfordernd, wenn nicht gar gefährlich. Oft erweisen sich die Partner im Ausland als recht beratungsresistent. Auch ist der Alltag geprägt von bürokratischen Strukturen. Und die häufigen Standortwechsel sind äußerst schwierig mit einer Familienplanung zu vereinen; sie führen zudem bei vielen Mitarbeitern irgendwann dazu, dass der Begriff interkultureller Austausch keinen positiven Unterton mehr hat.