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Kolumne

Drei Minuten nach sechs

06.12.2012


Henk wartete auf sie. Und schließlich, kurz nach Dienstschluss, um achtzehn Uhr zwei, kam sie auch. Nicht, dass er sie gekannt hätte. Aber er wusste doch gleich, dass sie es war.

Von Georg M. Oswald



6. Dezember 2012 Henk sah auf die Uhr über dem Eingang, als sie auf siebzehn Uhr neunundfünfzig umschaltete. In sechzig Sekunden war alles vorbei. Dann konnte er sich umziehen, hinausgehen, die Tür hinter sich zuziehen, als einer von vielen in der Masse verschwinden. Doch zuvor hatte er noch etwas zu erledigen. Er hoffte, es würde ihm gelingen, denn es klappte nicht immer. Eigentlich nur selten. Doch wenn es gelang, war es jedes Mal ein Fest.

Er wartete auf sie. Und schließlich, um achtzehn Uhr zwei, kam sie auch. Nicht, dass er sie gekannt hätte. Aber er wusste doch gleich, dass sie es war. Sie musste es sein. Die, auf die er gewartet hatte. Wenn sie kam, sah sie immer so aus. Eine Frau in ihren Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern. Fast immer stieg sie aus einem SUV, fast immer waren ihre Haare lang und gefärbt, fast immer hatte sie eine atemberaubend schlanke Figur, die sie, zumindest von ferne, weit jünger erscheinen ließ, als sie war. Sie wusste nichts von Nullrunden, verlorenen Privilegien, aufgeschobenen Zusagen, leeren Versprechungen. Überhaupt wusste sie nichts von: schlechten Aussichten. Fast immer hatte sie dieses hübsche Lächeln im Gesicht, dem man ansah, dass sie es gewohnt war, zu überzeugen, zu gewinnen, zu bekommen, was sie wollte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak

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