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Mobilität und Karriere

Späte Heimatgefühle

15.01.2013


Karriere zu machen hat einen Preis. Unter anderem auch den, ein Leben fern der Heimat zu führen. Das stört junge Jobnomaden wenig. Aber das kann sich ändern.

Von Ursula Kals



8. Januar 2013 Den Dom mit zwei Türmen gibt es eben doch nur in Köln, auch wenn die große Kirmes in Hamburg so heißt.“ Ruth Henn sagt das humorvoll, aber ihr ist anzumerken, dass sie froh ist, wieder im Rheinland zu sein. „Wir haben uns in Hamburg wohl gefühlt, die Leute sind offen, verlässlich. Das war eine Superzeit, aber Zuhause, das ist etwas anderes.“ Die 39 Jahre alte Pressefrau eines großen Handelsunternehmens hat einige Umzüge hinter sich: Geboren in Köln, aufgewachsen in einem Dorf im Norden der Domstadt, ist sie nach ihrem Germanistik-, Geschichts- und Politikstudium zu einer Zeitung nach Hessen gewechselt. Dann kam die Medienkrise, sie zog nach Hamburg, machte Pressearbeit für die Stadt. Ihr Freund Thomas und heutiger Ehemann, ein Diplomkaufmann aus ihrem Geburtsort, arbeitet in der Automobilindustrie und ist ihr nach Jahren der Wochenendpendelei in die Hansestadt gefolgt. Dann kündigte sich nach Tochter Isabelle mit Felix das zweite Wunschkind an und für ihren Mann die Option, zurück nach Köln wechseln zu können. Die Henns kehrten heim ins 6000 Einwohner zählende Dorf, kauften ein Haus, genießen die Nähe der einsatzfreudigen Großeltern und das Gefühl, endlich angekommen zu sein. „Das macht das Leben leichter“, sagt die zierliche und tatkräftige Frau, die eine Teilzeitstelle hat. „Wir leben so richtig spießig, wie wir uns das gewünscht haben. Wir grillen mit Freunden, die Kinder rennen durch den Garten.“

Am Ende steht die Rückkehr, am Anfang der Aufbruchswille: Bloß raus aus der Provinz, rein in die Großstadt. Wie gut, dass es in Mindergangelt keine Universität gibt und die Koffer für Berlin schon gepackt sind. In jungen Jahren sind Wechsel keine Bedrohungen, sondern verheißungsvolle Aufbrüche. Gerade Akademiker sind im Beruf mobil. So wie bei den Henns: „Wir wollten einfach mal raus, uns auf neue Leute, eine andere Mentalität einstellen.“ Außerdem sind ja alle um einen herum mobil, mal beim Freiwilligen Jahr in der brasilianischen Favela, mal zum Praktikum in der Londoner Kanzlei, dann lockt der lukrative Posten in Stuttgart und drei Jahre später das Angebot aus Berlin, das man beim besten Willen nicht ausschlagen kann. Ein Schönheitsfehler, dass der Partner an der Spree keine Stelle findet. Aber auch die Fernbeziehung lässt sich schönreden. Zumindest eine Zeitlang.

Skiurlaub mit dem Nachbarjungen aus der Kindheit

Irgendwann ändert sich die positive Sicht auf die Unbeständigkeit. Spätestens dann, wenn Kinder kommen. Die Bereitschaft, alles der Karriere unterzuordnen, nimmt mit den Jahren ab, besagen Umfragen. Laut der Accenture-Studie „Die Generation Y im Berufsalltag“ müssen schon beim Berufseinstieg Kompromisse und Abstriche gemacht werden, unter anderem auch beim Standort des Arbeitgebers.

Sesshaft zu sein ist möglicherweise doch nicht der Inbegriff der Spießigkeit erkennt mancher, der früher die Reihenhausträume der anderen belächelt hat. Und es fühlt sich doch nicht so verkehrt an, Langzeitpläne zu machen und vor Ort einen stabilen Freundeskreis zu haben. Denn das ist der Preis, der zu zahlen ist, wenn man den Karrierestationen hinterherreist: Die wenigen, richtig guten Freunde, die leben meist woanders. Oder ziehen zurück an den Ort ihrer Kindheit. So wie der Freundeskreis der Familie Henn. „Wir fahren mit dem Nachbarjungen in Skiurlaub, der hat jetzt auch Familie“, sagt Ruth Henn.

Kontakte zu knüpfen, das fällt den meisten mit Mitte zwanzig leicht. Die anderen sind auch neu in Stuttgart oder Stralsund gestrandet und froh, abends mit der Nachbarabteilung kicken zu gehen. Aber die Lockerheit, auf andere zuzugehen, sich auf andere einzustellen, die schwindet. In Internetforen beklagen Berufstätige mittleren Alters die Einsamkeit und Oberflächlichkeit neuer Kontakte nach dem Umzug, davor bewahren auch die Relocation-Einsätze der Unternehmen nicht wirklich. Aber Mail-Marathons und Skype-Sessions ersetzen keinen Kneipenbummel. Irgendwann sind die meisten so mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, da bleibt keine Zeit, sich immer wieder auf andere einzulassen, die ohnehin auf Durchgangsstation und Lebensabschnittsfreundschaften programmiert sind.

„Kann keinen Flughafen mehr sehen“

“Ohne die Kinder war es cool. Du lebst viel für den Beruf, hast abends was mit deinen Kollegen unternommen“, sagt Nicole Elias in der Rückschau. Die Unternehmensberaterin ist in einem Dorf an der Elbe bei Tangermünde aufgewachsen, hat 1989 in Sachsen-Anhalt Abitur gemacht und „die Wahnsinnszeit der Wende erlebt“. Im Betriebswirtschaftsstudium in Berlin lernte sie ihren späteren Mann Alexander kennen. Die zwei lebten das moderne Jobnomadentum. Er ging nach Bad Hersfeld, später nach Frankfurt, sie blieb am Lehrstuhl in Berlin, zog dann mit ihm an den Main, allerdings blieb nur das Wochenende. Unter der Woche lebte die Unternehmensberaterin oft in Den Haag in einer Projektwohnung, „das ersparte wenigstens immer wieder neue Hotels“. Dann wechselte der gebürtige Berliner nach München. Sie zogen in eine Wohnung mit guter Erreichbarkeit des Flughafens. Dann hatte es sich ausgependelt: „Irgendwann kannst du keinen Flughafen mehr sehen.“ Als Sohn Leo auf der Welt war, wechselte die Diplomkauffrau nach dem Erziehungsjahr in den Verwaltungsbereich eines Consultingunternehmens. Spätestens seit Tochter Frederike auf der Welt ist, sind die Besuche bei langjährigen Freunden in Berlin selten. „600 Kilometer fährt man nicht für ein Wochenende.“ Auch nicht in ihr Heimatdorf zu ihrem Vater ins Elternhaus. In den Herbstferien war Nicole Elias mit den Kindern dort beim Opa: „Es ist schön, ihnen zu zeigen, wo ich herkomme.“ Toll auch die Zwergenschule mit 17 Schülern in einer Klasse, „für kleine Kinder ist das super, schwer wird es, sobald sie flügge sind. Jeder, dem der Beruf wichtig ist, muss weg.“

In Bayern hat die unkomplizierte Familie „ein bisschen Heimatgefühl entwickelt. Schon durch die Kinder sind wir ziemlich integriert und gesettelt.“ Nach Jahren in Mietwohnungen haben sie ein kleines Haus in einem Vorort gekauft. Seit Sommer leben sie dort, es sei schön, aber noch ein wenig fremd. „Es kostet Energie, sich das ganze soziale Umfeld wieder aufzubauen. Diese Kraft möchte ich in den kommenden Jahren nicht mehr aufbringen müssen“, sagt die Diplomkauffrau realistisch. Dem sportbegeisterten Neunjährigen und der lebenslustigen Vierjährigen kommt das Wort „Oachkatzlschwoaf“ locker über die Lippen, was Eichhörnchenschwanz heißt und in Bayern zum Basis-Sprach-Test gehört. Sie sind hier geboren. Schwerer tun sich oft die Großen, die die Zugereisten bleiben. Die anderen kennen sich zum Teil schon aus der Grundschule, ihre Netzwerke sind quasi wie von selbst gewachsen, mussten nicht erst geknüpft werden. Familie Elias möchte in Oberbayern bleiben, zumindest die nächsten 20 Jahre. „Wir wollen ein stabiles Umfeld für die Kinder und ihnen Wechsel ersparen. Was ich nicht weiß, was ist, wenn wir einmal Rentner sind“, sagt die 40-Jährige. Präsent ist auch die Sorge um die Eltern: Was wird, wenn die Oma in Köpenick und ihr Vater im Elbe-Dorf einmal Hilfe brauchen? Auch das ist ein gerne verdrängtes Problem, das zwangsläufig auf die Jobnomaden zukommt. Übrigens, Ruth Henn hat ab und zu auch Heimweh nach Hamburg. „Die Paten der Kinder leben da. Zweimal im Jahr fahren wir hin!“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak