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Berufe im Handwerk

Die Anspruchsvollen

06.03.2013


Von wegen Bier holen und Werkstatt fegen: Manche Lehren im Handwerk haben ein ausgezeichnetes Image. Wir erzählen, wie vier junge Menschen ihre ehrgeizigen Pläne umsetzen.

Von Ursula Kals



6. März 2013

Die Schneiderin: Vom Tierkostüm zur Robe

Pailletten und Glitzer mag sie gern. Und das Gefühl, wenn seidiger Stoff unter ihren Händen Gestalt annimmt und zu einer traumhaften Robe wird. Marie-Sophie Kellermann ist 23 Jahre alt und Schneiderin im Münchener Atelier von Talbot Runhof. Zurzeit ist im Glockenbachviertel viel zu tun, Anfang März ist die Defilee-Schau in Paris. Die zierliche, brünette Frau arbeitet an einem Abendkleid aus zartem, grau-braun meliertem Stoff. Es ist schön, mit dem tollen Material zu arbeiten und ein Kleid fertigzustellen, dass vor einem Tag noch eine Stoffrolle war. Bald trägt es ein Modell im Scheinwerferlicht, das fasziniert mich. Zu den Kunden gehören Schauspielerinnen und Moderatorinnen, die in der benachbarten Boutique ihre Kleider auswählen. Mit 15 Jahren liebäugelte auch Kellermann mit der Schauspielerei. Zum Glück hätten ihre Eltern sie in Richtung Handwerk beeinflusst. Schon als Kind hat sie viel gebastelt und Schmuck angefertigt. Ihr Schülerpraktikum machte sie bei einer Modedesignerin und verließ deren Atelier mit einem selbstgenähten Tulpenform-Wollrock und dem Gefühl, ihren Traumberuf gefunden zu haben.

Sie informierte sich bei der Innung der Maßschneider und machte nach dem Abitur eine Schneiderlehre beim Kostümverleih Breuer in Schwabing. Ich wollte etwas Handfestes haben. Alles von der Pike auf lernen und wissen, was mit welchen Stoffen möglich ist. In ihrer ersten Tagen nähte sie eine König-Ludwig-Schärpe. Wir durften sofort ran. Die Meisterin hat Schritt für Schritt erklärt, stand beim Zuschnitt neben uns und sagte: ,Ja, mach! Lehrling Kellermann machte viel, schneiderte Biedermeierkostüme, Charlestonkleider, aber auch Tierkostüme wie den Sid, das Faultier aus Ice Age.

Fürs Gesellenstück nach drei Lehrjahren nähte sie vier Tage unter Aufsicht aus marineblauem Lodenflanell Rock und Kurzmantel, handgestochene Knopflöcher inklusive. Zuvor hatte sie bei der Theorieprüfung unter anderem bewiesen, dass sie fit in Fachrechnen und Kostümkunde ist. Maschinenkunde fand sie etwas fad, da musste man viel auswendig lernen. Keineswegs fad fanden die Prüfer ihren Zweiteiler: Kellermann wurde Landessiegerin. Vorab hatte sie sich bei Talbot Runhof beworben, wurde zum Probearbeiten eingeladen und genommen. Ihr Wunschtraum, nachdem sie eine Show-Kollektion der Designer in der Vogue gesehen hatte. Seitdem habe ich das verfolgt, all die raffiniert geschnittenen Paillettenkleider, die auf dem roten Teppich getragen werden und ausschließlich in Deutschland hergestellt werden.

Welche Eigenschaften sollen Schneiderinnen mitbringen? Geduld und einen gewissen Ehrgeiz. Geduld, weil Auftrennen zum Alltag der 42,5-Stunden-Woche gehört wie die Nadel zum Faden. Man darf nicht genervt sein, ein Teil umzuändern, etwas auch mehrfach aufzutrennen. Der übliche Ablauf: Die Designer geben ihre Skizzen an die Schnittmacher weiter, welche die Ideen in einen Schnitt umsetzen. Wir nähen zunächst aus Probestoff, sehen, wie es ausschaut am Model. Danach werde überlegt: die Ärmel etwas länger, der Ausschnitt etwas tiefer. Auch unsere Vorschläge sind gefragt.

Das bekräftigt Hanna Kristina Meyer, die das Atelier leitet. Wir suchen Leute, die mitdenken, eine gute Vorstellungskraft haben. Alle sind aufgefordert, ihre Ideen einzubringen. Das ist ja das Schöne, wir haben ständig neue Herausforderungen, neue Stoffe. Realitätsfernen Irgendwas-mit-Mode-machen-Träumen nachzuhängen, das bringe den Nachwuchs nicht weiter, betont die Meisterin und rät zu einer Lehre, falls man seine Zukunft in der Praxis sieht. In einem Modedesignstudium sind die Schwerpunkte anders gesetzt. Fertigungstechniken werden in der Tiefe theoretisch vermittelt, die Praxis hingegen erfordert zusätzlich Eigeninitiative. Ihre Kollegin Kellermann möchte auf jeden Fall noch die Meisterschule für Mode in München besuchen. Und danach vielleicht eine Designassistenz haben oder mit einer Freundin ein eigenes Atelier mit einem Label führen.

Der Zahntechniker: Im Zeichen der Krone

Um eine ungefähre Vorstellung davon zu erlangen, was ein Zahntechniker macht, ist es erhellend, sich die Gesellenstücke anzusehen, die Hannes Roithmeyer vor wenigen Wochen für seine Prüfung angefertigt hat. Der sportliche, 23 Jahre alte Bayer zählt auf, was er unter anderem in den vier Prüfungstagen vor der Kommission herstellen musste: Eine Oberkiefer- und Unterkiefer-Totalprothese in Wachs. Eine Unterkiefer-Klammermodellgussprothese mit Sublingualbügel. Eine dreigliedrige Edelmetallbrücke für den Oberkiefer mit keramischer Frontzahnverblendnung und Vollgusskrone für den Oberkiefer. Die Ergebnisse erfährt er in fünf Tagen. Ich habs annehmlich hinbekommen, schätzt der aus Berchtesgaden stammende Abiturient nach 2,5 Jahren Lehrzeit. Eigentlich wäre es ein Jahr mehr gewesen, aber er konnte verkürzen.

Was ist das Schwierigste an der Ausbildung? Die Chefs! Er lacht vergnügt. Denn die Inhaber der MC-Dentaltechnik in Putzbrunn im Süden von München stehen neben ihm. Offenkundig ist das Arbeitsklima hier gut. Matthias Stabel und Franz Weinberger haben sich vor 30 Jahren auf der Berufsschule kennengelernt. Die Zahntechnikermeister mögen ihren Beruf, weniger aber die wechselnden Auswirkungen, die die Gesundheitspolitik auf ihren Arbeitsalltag nimmt und das Gerangel um die Kosten. Davon sind sie abhängig, ebenso wie von ihren Auftraggebern, den Zahnärzten, und ihren präzisen Vorarbeiten und Abdrücken der Patientengebisse. Da fügt es sich bestens, dass zwei Brüder von Matthias Stabel Zahnärzte sind. Für Kundschaft ist gesorgt, wenn es auch wie bei vielen Selbständigen immer wieder zu unplanbarem Termindruck kommt. Eine gute Kommunikation zwischen Zahnarzt und Techniker ist wichtig, wir sind häufig bei Einproben von größeren Arbeiten dabei, sagt Weinberger.