MENSCHEN & WIRTSCHAFT
Ob Herbert Lütkestratkötter bei Hochtief, Eckhard Cordes bei Metro oder
Fritz Oesterle bei Celesio - im vergangenen Jahr nahmen in Deutschland
überdurchschnittlich viele Top-Manager ihren Hut. Insgesamt wurde jeder sechste
Chefsessel im deutschsprachigen Raum neu besetzt, in der Pharmabranche sogar
jeder dritte, hat die Unternehmensberatung Booz & Company in einer neuen Studie
ausgerechnet. Die Fluktuationsrate betrug 16,7 Prozent, fast doppelt so viel wie
im Jahr zuvor. Im internationalen Vergleich stelle dies den stärksten Anstieg
dar, schreiben die Berater. Über alle Regionen der Welt stieg die
Fluktuationsrate unter den Vorstandschefs lediglich von 11,6 auf 14,2 Prozent.
Untersucht wurden die 2500 größten börsennotierten Unternehmen.
Grund zur Beunruhigung sieht Klaus-Peter Gushurst, Sprecher der Geschäftsführung
von Booz & Company in Deutschland, dennoch nicht: "Ein Großteil der Wechsel war
von langer Hand geplant", sagt er. "Die Zahl der unfreiwilligen Abgänge ist im
Vergleich zu früheren Jahren deutlich gesunken." Zum Kreis der geplanten Abgänge
zählen etwa die Generationswechsel bei BASF, Lufthansa und Thyssen. Hinzu kommt,
dass die durchschnittliche Verweildauer der ausscheidenden Vorstandschefs im
deutschsprachigen Raum mit 7,6 Jahren höher ist als anderswo - im europäischen
Durchschnitt bleiben Vorstandschef im Schnitt fast ein Jahr weniger. Mindestens
fünf Jahre sollte ein Vorstandschefs nach Meinung von Gushurst Zeit bekommen, um
seine Pläne umzusetzen.
Die höchste Fluktuation gab es im deutschsprachigen Raum in der
Gesundheitsbranche, dort betrug die Rate 33,3 Prozent. Auch in
Industrieunternehmen war mit einer Wechselquote von 26,1 Prozent viel Bewegung
auf den Chefsesseln. Für das laufende Jahr erwartet Gushurst mit Blick auf den
Atomausstieg besonders viele Wechsel in der Energiebranche. Dort würden wohl
eher kurz- als mittelfristig neue Köpfe die notwendigen
Restrukturierungsprogramme erarbeiten und umsetzen. Intern rekrutierte
Vorstandschefs erwirtschaften statistisch betrachtet eine höhere Rendite als
solche, die von außen geholt werden.
Lobende Worte findet der Berater für die Aufsichtsräte der Unternehmen. "Sie
sind auf Führungswechsel viel besser vorbereitet als früher." Die meisten
betrieben mittlerweile eine professionelle Nachfolgeplanung, was zuvor - die
Studie wird bereits das elfte Jahr durchgeführt - selten der Fall war.
Allerdings gibt es noch immer Ausnahmen, wie der Fall Metro zeigt. Im
vergangenen Herbst lieferte sich dort Aufsichtsratschef Jürgen Kluge mit
Vorstandschef Eckhard Cordes eine öffentliche Schlammschlacht um dessen
Vertragsverlängerung. Am Ende verließen sowohl Kluge als auch Cordes als
Verlierer das Feld.
Als eine Herausforderung sieht Gushurst den Trend zu vergleichsweise jungen
Vorstandschefs. Der neue Puma-Lenker Franz Koch zum Beispiel ist gerade mal 33
Jahre alt, Olaf Koch, der neue Mann an der Metro-Spitze, 42. Auch sonst wurden
in den vergangenen Monaten oft eher Mittvierziger als Mittfünfziger berufen.
"Die haben dann gerade einmal zehn Jahre Berufserfahrung", gibt Gushurst zu
bedenken. Zudem habe der Druck zugenommen, ständig Höchstform zu beweisen.
"Durch Internetdienste wie Twitter spricht sich jede unbedachte Äußerung in
Minutenschnelle herum." Wenn es gilt, ein Unternehmen zu restrukturieren, sieht
der Berater ältere und damit erfahrenere Vorstandschefs im Vorteil - wie den
Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn bei Air Berlin.
Die höchste Fluktuationsrate im internationalen Vergleich wiesen Brasilien,
Russland und Indien auf, dort betrug sie im Schnitt 22 Prozent. Am niedrigsten
lag sie mit 6,8 Prozent in China, was die Berater darauf zurückführen, dass
viele der Unternehmenslenker dort einerseits noch sehr jung seien, andererseits
die Nähe der Wirtschaft zum Staat für eine gewisse Kontinuität sorge. Wie viele
Frauen den ausscheidenden Männern im Durchschnitt nachrückten, haben die Berater
in ihrer Studie nicht vermerkt. Die Zahl sei so gering, dass sie statistisch
nicht ins Gewicht falle, hieß es zur Begründung.
JULIA LÖHR