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Trällern für den Teamgeist

19.05.2012



Firmenhymnen sollen Mitarbeiter bei Laune halten und deren Leistungen
steigern. Der Nutzen der meist seichten Liedchen ist umstritten. Dringen sie an
die Öffentlichkeit, wird viel gelästert.
Von Deike Uhtenwoldt
Zwei Wochen vor Abgabe setzt sich Thomas Hettwer ans Klavier, summt die
Silbenzahl, die ihm seine Texter vorgegeben haben und probiert aus, welcher
Rhythmus richtig ins Blut geht. Der Professor für Klavierimprovisation an der
Musikhochschule Hamburg produziert Firmenhymnen, unter anderen für die Edeka
Gruppe. Das Jubiläumslied "Wir leben" zum 100-jährigen Bestehen des
Lebensmittelhändlers geht ebenso auf sein Konto wie der Song "Wir lieben
Lebensmittel", der heute noch die Telefonwarteschleife im Unternehmen füllt.
"Ja, das müssten wir eigentlich mal ändern", sagt Nicole Wefers, Eventmanagerin
in der Edeka Zentrale. "Die Musik ist ja nicht mehr zeitgemäß." Sieben Jahre ist
das Stück alt, das ursprünglich nur für den internen Gebrauch gedacht war. "Aber
weil es erfolgreich war, hat es bald seinen Weg ins Netz gefunden." Edeka machte
aus der Not eine Tugend, kaufte die Rechte und verwertete den Jingle für die
Werbung sowie die Musik für die Warteschleife.

Dabei gäbe es inzwischen genug andere Lieder mit dem Zeug zum Ohrwurm: Jedes
Jahr komponiert Hettwer einen neuen Popsong für den Lebensmittelkonzern,
arrangiert und choreographiert ihn. Die Texte lässt er von befreundeten
Songwritern schreiben: "Ich gebe dafür nach Absprache mit dem Unternehmen die
Richtung vor", sagt Hettwer. In diesem Jahr stünden Nachhaltigkeit und der
Schutz der Umwelt obenan. Wie er das mit professionellen Sängern umsetzt und auf
der Jahrestagung vor Hunderten von Marktleitern, selbständigen Unternehmern und
Nachwuchskräften präsentiert, darf der Produzent und Komponist aber nicht
verraten: "Das ist ein internes Show-Programm für unsere Führungskräfte", sagt
Nicole Wefers.

So ist es mit den meisten Firmenliedern: Sie werden von oben beauftragt, von
außen professionell komponiert und sind nach innen gerichtet. Wie viele
Unternehmen eigene Hymnen haben und ob es mehr werden, sei nicht genau
auszumachen, sagt Rudi Maier. Er ist empirischer Kulturwissenschaftler und
sammelt Firmenhymnen. Schon 280 Exemplare, viel Pop, kaum Punk, finden sich in
seinem Ludwigsburger Büro. Imagesongs, die eher nach außen gerichtet sind, seien
auch darunter. In der Mehrheit handele es sich aber um Motivationsstücke für die
Mitarbeiter: "Firmenhymnen zielen auf das Wir-Gefühl ab, Firmenlieder auf den
Einzelnen."

Als Beispiel führt Maier das Kaufland-Lied von 2003 an: "Doch ohne dich ist
nichts zu machen, bist sehr wichtig sogar. Wir brauchen dich, mach mit, sag
einfach ja! Dann sind wir die Nummer eins, bei unseren Kunden, ist doch klar."
Diese Strophe stehe für die Subjektivierung der Arbeit, so der
Kulturwissenschaftler: "Kundenorientierung und Selbstopferung werden gefordert,
die Anforderungen an den Einzelnen steigen." Eine Hymne zum Mitsingen ist
dagegen der VW-Refrain: "Wir bei VW, wir bei VW, sind echt okay, sind echt okay.
Ein echtes Super-Team, das fest zusammenhält."

Wie es die Firmenhymnen von der internen Kommunikation nach außen schaffen, ist
nicht immer ganz klar. Maier vermutet, dass frustrierte Beschäftigte die
Mitschnitte als kleine Rache anonym ins Netz stellen. Da ist die Außenwirkung
bisweilen verheerend: Zwar findet das Kaufland-Lied, Version 2003 bei Youtube
mehr Zustimmung ("gefällt mir") als Ablehnung, aber die Kommentatoren lästern
über "Gehirnwäsche", "Parodie" oder "rausgeschmissenes Geld" und diskutieren
über Mitarbeiterausbeutung. "Die Leute spüren, wenn etwas behauptet wird, das
mit der Realität nichts zu tun hat", so Maier.

In seinem Fundus findet sich schon die neue Version des Kaufland-Songs: "Ein
Land, Deine Welt, in der der Mensch noch zählt, ein Lächeln, Dich gewinnt und
alle freundlich sind. Ein Land, Deine Welt, Verantwortung, die zählt", singen in
unterschiedlichen Versionen, mal Schnulze, mal Hip-Hop, mal Englisch, mal
Deutsch vier Mitarbeiter. Es sind die Gewinner des "Kaufland-Castings", eines
firmenweiten Wettbewerbs um Gesangstalente. Der Text wurde nach Vorgaben der
Geschäftsleitung geschrieben, Musik und Aufnahme übernahm die Hamburger
Produktionsfirma music 'n'motion und die CD ging als Weihnachtsgeschenk an alle
Mitarbeiter.

Mitarbeiterbindung ist das Ziel jeder Firmenhymne, aber nicht immer wird es auch
erreicht. Wenn ausgewählte Beschäftigte den zweitägigen Workshop "Firmenhymnen
komponieren" der Hamburger Agentur Maus & Möller besuchen, kommt da zwar
meistens eine Teambildung, aber nicht immer eine Hymne heraus. Wenn
Geschäftsführer Songs in Auftrag geben, mag noch lange nicht jeder Mitarbeiter
mitsingen: "Das passt nicht in die deutsche Unternehmenskultur, das ist doch
eher eine japanische oder amerikanische Tradition", urteilt
Führungskräftetrainerin Jacqueline Groher. Die Betriebswirtin wünscht sich von
den Leitbildern "Ecken und Kanten" anstelle der "Weichspülersongs": "Wenn die
Mitarbeiter keine emotionale Heimat in ihrem Unternehmen finden, kann man das
nicht durch irgendwelche Personalführungsinstrumente erzwingen", sagt Groher.
Vielmehr müsse die Führungskraft sich selbst ändern, auch mal die Brille der
Mitarbeiter aufsetzen, Sinn stiften und Leistungen anerkennen: "Ein spezifisches
Lob, warum und für wen eine Arbeit nützlich war, ist viel motivierender als
Schüttelreime für alle."