Claudia Haney leitet als erste Frau in Deutschland einen Grubenbetrieb. Ein
rascher Aufstieg unter Tage.
Von Sarah Engel
NEUHOF, im Juni. Claudia Haney liebte schon immer alles, was aus der Erde kommt.
Im Alter von elf Jahren sammelte sie am Wegesrand bunte Steine: "Wenn etwas
schön gefunkelt hat, landete es sofort zu Hause. Mein Elsterauge war damals sehr
aktiv." Die Faszination für Gestein und Geröll sollte ihren Berufsweg prägen.
Rund zwei Jahrzehnte später leitet Claudia Haney als erste und einzige Frau in
Deutschland einen Grubenbetrieb. Seit 2010 trägt die Dreiunddreißigjährige im
Kali- und Salzbergwerk Neuhof-Ellers des Unternehmens K+S die alleinige
Verantwortung für 300 Mitarbeiter.
Ihr Hobby, das Sammeln und Archivieren von Steinen, wurde ihr immer mehr zur
Wissenschaft. Haney, die in Jena aufwuchs, machte ihr Interesse zum beruflichen
Lebensinhalt. An der Technischen Universität Bergakademie Freiberg studierte sie
Geotechnik und Bergbau. Unter Tage wollte sie damals gar nicht unbedingt
arbeiten: Hauptsächlich beschäftigte sie sich mit Fels- und Tunnelbau.
Das änderte sich schlagartig mit einem Praktikum unter Tage. Sechs Wochen
absolvierte sie Schichten in der Deutschen Steinkohle, eine prägende Erfahrung.
Sie trotzte der staubigen Luft und entdeckte die schönen Seiten. Als Bergfrau
fuhr sie "zu Fuß" in die Steinkohle: Auf dem Förderband und der warmen Kohle
liegend, erreichte man den Arbeitsplatz. Sie war begeistert. Es waren die
härtesten Schichten ihres Lebens: "Wenn man einmal Hunderte Meter
Hochspannungskabel auf Haken gehoben hat, dann weiß man, was man getan hat."
Aber für Claudia Haney steht fest: Ihr künftiger Arbeitsplatz soll unter Tage
sein. Frauen im Bergbau? Und überhaupt: Bergbau? Was hat Deutschland denn noch
für Rohstoffe? Und ist das nicht ein gefährlicher Job? Ihre Eltern teilten die
Zweifel nicht, zum Glück. "Besonders bei dieser Arbeit muss man sich wirklich
wohl fühlen", sagt sie. "Für mich war das von Anfang an ein Arbeitsplatz wie
jeder andere auch." Natürlich sei sie sich bewusst, dass man mehr als 500 Meter
unter der Erde agiere. Aber wenn man Vertrauen in die Arbeit der Kollegen habe,
rücke die Bedrohung in den Hintergrund.
Tatsächlich war es Frauen wegen der Räumlichkeiten und der harten Arbeit unter
Tage lange verboten, in einem Bergwerk zu arbeiten. Sie sollten nicht - wie zu
den Zeiten der Industrialisierung - in den Minen ausgebeutet werden. Nur in
Führungspositionen oder in einer Ausbildung durften Frauen in einem Schacht
beschäftigt sein. Erst 2008 wurde das Gesetz vom Europäischen Parlament gekippt,
um die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen zu garantieren. Auch
herrschte lange der Aberglaube: "Frauen im Bergbau bringen Unglück." Claudia
Haney kann mit diesem Mythos nicht viel anfangen: "Ich verstehe das gar nicht.
Denn die heilige Barbara, also eine Frau, ist die Schutzpatronin der Bergleute.
Ihre Anwesenheit ist ausdrücklich erwünscht."
Ein Trainee-Programm bei K+S und die guten Berufsperspektiven helfen ihr, an
ihrem Traum festzuhalten. "Deutschland verfügt sehr wohl über heimische
Rohstoffe", sagt sie. Vor allem der Niedergang der Steinkohle habe zum
verzerrten Bild des Bergbaus geführt. So wünscht sich die Bergbauingenieurin,
dass der Bergbau in Deutschland nicht mehr als Stiefkind der Industrie
wahrgenommen werde. "In unserem Land besteht, was die Wertschätzung gegenüber
heimischen Rohstoffen betrifft, Nachholbedarf."
Wegen der verzerrten Wahrnehmung gab es auch nur wenige Studenten. Als einziges
Mädchen ihres Jahrgangs bestritt sie mit einer Handvoll männlicher Kommilitonen
das Studium in Freiberg. Geschenkt wurde ihr nichts: "Unter Tage herrscht ein
rauher, aber herzlicher Umgangston. Da muss man schon den einen oder anderen
Spruch vertragen können."
Ihr schneller Aufstieg an die Spitze des Grubenbetriebs in Neuhof-Ellers zeigt,
dass in der Branche gute Leistungen zählen - nicht das Geschlecht. Seit 2006
arbeitet die junge Frau im drittgrößten Werk des Bergbauunternehmens K+S. Als
man ihr nur vier Jahre später die Leitung der Grube anbot, war sie zunächst
überrascht. "Eigentlich bin ich zu jung für das, was ich hier mache." Aber vor
der Verantwortung für 300 Mitarbeiter versteckt sie sich nicht: "Die
Verantwortung erdrückt mich nicht - aber sie begleitet mich bei allem, was ich
tue."
Als Leiterin des Kali-Werks muss sie alles können. Besprechungen und Telefonate,
Sicherheits- und Budgetfragen bestimmen den Alltag. Die geliebte Grube zu
besuchen, die Luft der glitzernden weißen Welt des Kalis zu schnuppern - das
bleibt oft auf der Strecke: "Wenn ich es einmal die Woche schaffe, unter Tage zu
fahren, dann freue ich mich."
Das merkt man sofort, wenn es nach unten geht. Kaum hat sie ihr schwarzes Kostüm
und die Pumps gegen eine weiße Kumpel-Kluft eingetauscht, blüht sie auf. Mit
zehn Metern pro Sekunde rast der Aufzug in die Tiefe. Seit über 100 Jahren wird
im Schacht Neuhof-Ellers auf einer Fläche, die so groß ist wie Würzburg,
Kalisalz gewonnen. Pro Jahr fördert die Grube in der Nähe von Fulda rund vier
Millionen Tonnen Rohsalz - aus dem Düngemittel für die Landwirtschaft
hergestellt werden.
535 Meter unter der Erdoberfläche wird regelmäßig neues Gestein gesprengt. Die
Schachtarbeit ist in drei Schichten aufgeteilt, jede endet mit einer neuen
Sprengung. Ein ohrenbetäubendes Brummen deutet darauf hin, dass ein Kumpel
Sprengbohrlöcher bohrt. "Das ist für mich der wahre Bergbau", ruft Claudia Haney
fröhlich. Auf der Fahrt durch die kilometerlangen dunklen Gänge erzählt sie,
dass die Arbeit des Bergmanns ein einsamer Job sei. Beim Transport des Gesteins
oder beim Berauben des Deckgebirges arbeitet man auf sich gestellt. Trotzdem
herrscht hier unten Zusammenhalt. "Man arbeitet Hand in Hand. Man muss sich auf
seine Kollegen und deren Arbeit verlassen können. Nur wenn der Vorgänger seine
Aufgaben gewissenhaft ausgeführt hat, garantiert das die Sicherheit und den
Erfolg der eigenen Tätigkeit."
Den Zusammenhalt spürt man am herzlichen Umgang. Kaum erscheint die Chefin, wird
geredet. Im Scheinwerferlicht des Sprenglochbohrers werden technische Abläufe
besprochen - und natürlich Fußballfragen. Auch da muss frau, allein unter
Männern, mithalten können.