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Über Abwege und Umwege zum Erzieher

06.07.2012



Ministerin von der Leyen will Arbeitslose für die Arbeit in Kitas
qualifizieren. Eine Einrichtung in Frankfurt zeigt, dass das gelingen kann - mit
gewissen Vorkehrungen.
Von Andreas Nefzger
FRANKFURT, im Juli. Mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten wollte Gert Hartmann
eigentlich, seit er sich im Zivildienst um einen Jungen kümmerte, der an
multipler Sklerose litt. Er begleitete ihn in die Schule, half beim Essen wie
auf der Toilette und fuhr ihn zu Ausflügen. Zuvor hatte er Elektroniker gelernt,
weil seine Eltern das für vernünftig hielten. Nach der Ausbildung wollte er aber
nie wieder in diesem Beruf arbeiten. Also jobbte er in seinen Zwanzigern und
Dreißigern, richtete Computernetzwerke ein, hob Gruben für Archäologen in der
Wetterau aus und wusch Scherben aus der Steinzeit. Dazwischen war er immer
wieder für mehrere Monate ganz ohne Arbeit. Die Vierzig hatte er schon erreicht,
als ihn die Werkstatt Frankfurt, eine städtische Qualifizierungsgesellschaft,
einlud, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen. "Ich war total begeistert", sagt
Hartmann, "ich hätte nie gedacht, dass ich diese Chance noch mal bekomme."
Heute, mit 44 Jahren, arbeitet er in seinem, wie er sagt, Traumjob - und zahlt
nach Jahren wieder Beiträge in die Sozialversicherung.

Nach dem Willen der Bundesregierung soll es bald möglichst viele Menschen wie
Hartmann geben. Vom 1. August 2013 an haben Eltern in Deutschland einen
Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder, die den ersten Geburtstag
hinter sich haben. Bislang mangelt es jedoch an Personal, um ausreichend Plätze
zu schaffen. Nach Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts fehlen etwa 25 000
Erzieher. Deshalb planen das Bundesarbeitsministerium und die Bundesagentur für
Arbeit (BA), mehrere tausend Arbeitslose zu Erziehern auszubilden. Als die
Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker zur Gewissheit wurde, nannten
Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und BA-Chef Frank-Jürgen Weise die
Schlecker-Frauen als Zielgruppe für diesen Plan.

Das alarmierte die Berufsverbände. Sie befürchten nämlich, dass das Ansehen von
Erziehern leiden könne, wenn der Eindruck entstünde, jeder könne den Beruf
ausüben. Auch wurden Zweifel laut, ob Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt
gescheitert sind, die Eignung besitzen, Kinder zu erziehen. Hartmann sagt: "Eine
Kita kann davon profitieren, wenn dort Menschen mit verschiedenen Erfahrungen
arbeiten."

Auch der Erziehungswissenschaftler Thomas Rauschenbach, der das Deutsche
Jugendinstitut in München leitet, vertritt die Meinung, dass die Lebenserfahrung
von Menschen, die im fortgeschrittenen Alter noch Erzieher werden wollen, in
Betreuungseinrichtungen nützlich sein kann. "Diese Menschen haben vielleicht
eigene Erfahrungen im Umgang mit Kindern, die Zwanzigjährige in der Regel nicht
haben." Solange Frau von der Leyen bei ihrem Vorstoß die Qualität der Ausbildung
sicherstelle, sei dieser nicht nur "legitim", sondern auch zukunftsweisend: "Wir
werden den Bedarf an Menschen für diesen Beruf nicht allein in der
nachwachsenden Generation finden."

Das Arbeitsministerium kündigte an, dass Arbeitslose die klassische
Fachschulausbildung durchlaufen sollen. Da diese je nach Bundesland bis zu fünf
Jahre dauert, wird die Initiative allerdings nicht helfen, die Lage in den Kitas
rechtzeitig zum Beginn des Rechtsanspruchs im Jahr 2013 zu entspannen. Der
eigentliche "Skandal" in der Sache liegt für den Bundesvorsitzenden des Verbands
Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, darin, dass dem absehbaren Mangel nicht
frühzeitig begegnet wurde. Um den Erzieherberuf attraktiv zu machen, müsse der
Lohn erhöht und die Ausbildung wie in den meisten anderen europäischen Ländern
an Fachhochschulen verlagert werden.

Auch im Familienministerium, das für den Krippenausbau zuständig ist, weiß man,
dass die Initiative von Weise und Frau von der Leyen allein das Problem nicht
lösen wird. Doch dort ist man "sehr froh" über die Hilfe aus dem
Arbeitsministerium und hofft auf weiteren Beistand auch aus anderen Häusern.
"Wenn jeder einen Mosaikstein beisteuert, ist das Problem schon kleiner", sagt
ein Sprecher. Wie groß die Hilfe von Arbeitsministerium und Bundesagentur sein
wird, ist noch unklar. Im Familienministerium ist von 5000 Arbeitslosen die
Rede, die Erzieher werden sollen.

Dass der Plan durchaus funktionieren kann, hat - zumindest im kleinen Maßstab -
Frankfurt gezeigt. Die größte Beschäftigungsgesellschaft der Stadt, die
Werkstatt Frankfurt, die in der Vergangenheit Erwerbslose schon für andere
Mangelberufe qualifiziert hat, macht seit 2009 aus Arbeitslosen Erzieher. Die
zentrale Erfahrung dort ist, dass das aber nur über die sorgsame Auswahl
geeigneter Kandidaten geht. 2009 schrieb die Werkstatt Frankfurt 2000
Arbeitslose mit mittlerer Reife an, 500 kamen zu einer
Informationsveranstaltung, 140 traten zum Vorbereitungsjahr mit Theorieeinheiten
und Praktika an. Rund 75 Arbeitslose begannen schließlich die zwei Jahre
dauernde Ausbildung an der Fachschule, 57 schlossen im Februar ab und machen
jetzt ein Anerkennungsjahr in einer Einrichtung; 14 weitere sollen folgen. "Wer
nicht über die Begabung verfügte, mit Kindern zu arbeiten, ist abgesprungen -
und das ist auch gut so", sagt der Geschäftsführer der Werkstatt Frankfurt,
Conrad Skerutsch.