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Das Glücksspiel mit der 1:300-Chance

16.05.2012


Wenn Deutschland wissenschaftlichen Nachwuchs will, muss es auch etwas für ihn tun / Von Peter-André Alt


Die Quote derjenigen, die nach der Promotion den Weg bis zur Professur
erfolgreich absolvieren, liegt in Deutschland bei weniger als fünf Prozent. Zwar
führt anders als vor hundert Jahren die akademische Globalisierung zur
Verbesserung der allgemeinen Erfolgschancen, aber nur wenige junge
Wissenschaftler sind wirklich bereit, auf Dauer eine Position im Ausland zu
akzeptieren. Daraus ergeben sich die Kernpunkte einer aktuellen Diskussion über
universitäre Laufbahn-Perspektiven, die von Kultusministern, Wissenschaftsrat
und Hochschulrektorenkonferenz mit prinzipiellen Forderungen nach einer
Verbesserung der Situation junger Wissenschaftler gefüttert wurde.

Zwei zentrale Kategorien beherrschen die Debatte: Befristung und
Qualitätssicherung. Unter dem Begriff der "prekären Beschäftigungsverhältnisse"
hat man die Frage der Planbarkeit akademischer Karrieren ins Blickfeld gerückt.
Kritisch vermerkt wurde die Tendenz zu immer kurzzeitigeren
Vertragsverhältnissen bei jungen Wissenschaftlern. In der Tat ist ein Missbrauch
von Befristungsmöglichkeiten zu konstatieren, wo hochqualifizierte Mitarbeiter
zwischen Projektstellen mit maximal einjähriger Dauer hin- und hergeschoben
werden. Rationale und faire Planung der Nachwuchsförderung sieht anders aus.

Das neue Wissenschaftszeitvertragsgesetz trägt nur einem Teilproblem Rechnung,
indem es die Beschränkung befristeter Beschäftigung auf die Dauer von insgesamt
zwölf Jahren punktuell aufhebt. Wesentlich ist aber auch, dass junge
Wissenschaftler Planungssicherheit durch gut strukturierte Karrierepfade
gewinnen. Die Schaffung einer größeren Zahl von Dauerstellen jenseits der
Professur ist zwar wünschenswert - Deutschland weist in diesem Bereich weltweit
unterdurchschnittliche Anteile auf -, angesichts notorisch knapper
Grundhaushalte allerdings wenig realistisch. Um das Prinzip der
Chancengleichheit und Zugangsgerechtigkeit zu wahren, können Entfristungen bei
Zeitstellen nur erfolgen, wenn es gleichzeitig nicht zur Verringerung
befristeter Positionen kommt. Machbar wäre das allein mit Etat-Aufwüchsen, die
beim jetzigen Stand der Hochschulfinanzierung kaum zu erwarten sind.

In Deutschland gibt es zur Zeit 30 000 Doktorandinnen und Doktoranden. Bis 2020
werden etwa 1000 Professuren wiederbesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein
heutiger Doktorand auf eine dieser Professuren berufen wird, liegt also bei
1:300. Daraus ergibt sich zweierlei: Zum einen müssen die deutschen
Universitäten ihre Promovierenden auf eine Beschäftigung in Sektoren jenseits
akademischer Karrieren vorbereiten. Zum anderen ist denjenigen, die für einen
weiteren Verbleib im akademischen System die notwendigen Voraussetzungen
mitbringen, eine sichere Karriereplanung zu ermöglichen.

Autonomie der Drittmittel-Hamster Dazu gehören Brückenkonzepte, die etwa nach
dem Auslaufen einer Juniorprofessur eine Fortsetzung der wissenschaftlichen
Laufbahn auf einer W2-Zeitprofessur ermöglichen und absehbar auf eine frei
werdende Professur führen sollten. Da universitäre Stellenpläne in der Regel -
wiederum unter den Bedingungen budgetärer Beschränkung - nicht beliebig
erweitert werden können, verlangt die Planung hier entsprechende
Langzeitperspektiven. Jede Disziplin muss dazu beitragen, indem sie ein
bestimmtes Kontingent der ihr zustehenden Professuren für die Absicherung des
eigenen Nachwuchses bereitstellt.

Das führt zum zweiten Stichwort: Qualitätssicherung. Postdoc-Karrieren verlaufen
heute anders als noch vor zehn Jahren. Sie eröffnen größere Grade an
akademischer Selbständigkeit, weil das alte Lehrstuhlprinzip sich vielfach
aufgelöst hat. Nachwuchsgruppen-Leiter und Juniorprofessoren verfügen über eine
institutionelle Autonomie, die sie den Seniorprofessoren gleichstellt. Das ist
sinnvoll und war dringend geboten. Während in den Vereinigten Staaten und
Großbritannien junge Wissenschaftler traditionell in relativ großer
Selbständigkeit arbeiten, hat das deutsche System sich lange Zeit beharrlich
gegen eine diesbezügliche Freiheitsermöglichung gewehrt. Aber die alten
Bastionen fallen, und der Nachwuchs ist kein Nachwuchs mehr, sondern auto-nomes
Mitglied der akademischen Gemeinschaft.

Zugleich gilt, dass jede Freiheit auch neue Belastungen erzeugt.
Juniorprofessuren bringen eine Vielzahl von zusätzlichen Aufgaben mit sich:
Betreuung eigener Doktoranden, Drittmitteleinwerbung und Administration. Das
genau war der Verdacht, mit dem Kritiker der damaligen Wissenschaftsministerin
Bulmahn vor zehn Jahren entgegenhielten, die Einführung von Juniorprofessuren
bewirke keinen Zuwachs an Autonomie, sondern eine schlichte Überforderung durch
Multitasking. Zwischen Selbstverwaltung, gewachsener Lehrverpflichtung,
Drittmittelprojekten und Kooperationsvorhaben laufen manche Juniorprofessoren
Gefahr, die eigene Forschung und Weiterqualifizierung aus dem Auge zu verlieren.

Aufschlussreich ist dabei, dass die Bereitschaft zur Habilitation unter
Juniorprofessoren inzwischen deutlich gesunken ist. War dieser Befund in den
ersten Jahren nach der Einführung der neuen Stellenkategorie vor allem für die
Naturwissenschaften gültig, so lässt er sich jetzt auch auf die Geistes- oder
Sozialwissenschaften ausdehnen.