MARKT & STRATEGIE
Die Chemie- und Pharmaindustrie muss in moderne Anlagen investieren / Messe Achema in Frankfurt
FRANKFURT, 19. Juni Eine Schnitzeljagd gibt es noch nicht im Programm der
Fachmesse Achema - aber so mancher Besucher hat dennoch das Gefühl, auf einer
solchen zu sein. Anders als auf den meisten Industrieschauen präsentiert sich in
den Frankfurter Messehallen dieser Tage nicht eine Branche in ihrer ganzen
Breite. Die Achema zeigt vielmehr die gesamten chemischen und pharmazeutischen
Verfahrensketten - von der Erst- und Weiterverarbeitung eines Materials bis zu
seiner Abfüllung oder Verpackung. Nacheinander können die Anlagen für die
verschiedenen Bearbeitungsschritte in Augenschein genommen werden.
Das Konzept funktioniert: Die Hallen sind gut gefüllt; viele Aussteller loben
die deutlich gestiegene Zahl internationaler Besucher. Verunsicherung wegen der
andauernden Krise im Euroraum oder dem schwächeren Wachstum in China?
Fehlanzeige. "Die Angst ist in der Realität noch nicht angekommen", sagt
Heinrich Meintrup, Geschäftsführer von Gea Pharma Systems. "Aufträge werden
vielleicht nicht mehr ganz so schnell abgeschlossen wie vor drei bis sechs
Monaten", ergänzt Friedbert Klefenz, der Vorsitzende des Bereichsvorstands von
Bosch Packaging Technology. Aber die Bestellungen kommen weiterhin. Von 717 auf
791 Millionen Euro habe Bosch den Umsatz mit Verpackungsmaschinen im vergangenen
Jahr steigern können. Der Auftragseingang sei um gut 100 Millionen Euro höher
gewesen als im Vorjahr. "Und wir wollen dieses Jahr nochmals rund 100 Millionen
Euro draufpacken", sagt Klefenz.
Aber auch ganz am Anfang des Verarbeitungsprozesses, im Bau der Raffinerien und
chemischen Großanlagen, herrscht kein Katzenjammer. "Unbefriedigend waren die
vergangenen zwei Jahre. Jetzt wird in vielen Ländern wieder in Großanlagen
investiert, es gibt keine Verschiebungen", sagt Ulrich Berger, Geschäftsführer
der Lurgi GmbH, die unter dem Dach des französischen Konzerns Air Liquide
operiert. Die Petrochemie zum Beispiel stelle sich darauf ein, zunehmend Gas als
Rohstoff einzusetzen, während in China weiter neue Verarbeitungsanlagen für
Kohle gebaut werden. "Es wird nachgeholt, was in den vergangenen Jahren
liegengeblieben ist", sagt Berger.
Einig sind sich die Aussteller, dass die Chemie- und Pharmabranche, aber auch
die Nahrungsmittelindustrie derzeit von langfristigen Trends geprägt wird, die
Investitionen nötig machen. Das komme den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern
zugute, die die gewünschte Qualität liefern können. China verordne dem
Pharmasektor im eigenen Land europäische Qualitätsstandards, erläutert
Gea-Manager Meintrup. "Dafür müssen die Verfahren modernisiert werden, zum
Beispiel für die Handhabung von Humanblut." Auch hätten sich die großen
Pharmakonzerne zu lange zu sehr auf die Suche nach neuen
Blockbuster-Medikamenten konzentriert, ergänzt Bosch-Geschäftsführer Klefenz.
"Die Effizienz in vielen Pharma-Produktionsstätten ist grottenschlecht." In der
Folge habe die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA schon mehrfach ganze
Fabriken zeitweise geschlossen. Jetzt werde modernisiert: Gefragt sind nicht
Anlagen, die nur ein einzelnes Medikament abfüllen oder verpacken, sondern
solche, die sich rasch für verschiedene Produkte umrüsten lassen.
Die Effizienzsteigerung in der industriellen Produktion ist ohnehin das
Lieblingsmotto der deutschen Maschinenbauer, für die Verfahrenstechnik gilt dies
in besonderem Maße. Wenn rund um den Globus Gesetze den Umgang mit Energie,
Abfallstoffen oder Rohmaterialien verschärfen, dann folgt unmittelbar die Suche
nach neuen Produktionsverfahren. "Deshalb erleben Prozessautomatisierer nach wie
vor eine robuste Konjunktur", sagt Stephan Neuburger, Geschäftsführer des
Messgeräteherstellers Krohne. Das heißt für ihn: Nach einem deutlich
zweistelligen Wachstum des Duisburger Familienunternehmens auf mehr als 400
Millionen Euro Gruppenumsatz in 2011 winke ein Zuwachs von 5 bis 7 Prozent in
diesem Jahr. Praktisch alle Kunden wollten Energie und Material in ihrer
Produktion einsparen. Dazu müsse der Verbrauch immer genauer gemessen werden,
beschreibt Neuburger die Chancen des Unternehmens: "Dafür sind immer wieder neue
Geräte notwendig, das ist für uns eine permanente Innovationsaufgabe."
Für viele Mittelständler ist neben ihrer Innovationskraft entscheidend, ihre
Kunden aus möglichst vielen Abnehmerbranchen zu finden, ergänzt Wolfgang Bremer,
leitender Manager der Sparte Industrie im Pumpenkonzern Pfeiffer Vacuum. Wer
einen breitgefächerten Kundenkreis hat, muss weniger Dellen befürchten, auch
wenn einzelne Branchen vorsichtiger bestellen. Zumal, wenn es gelingt, die
eigenen Produkte und Lösungen in immer mehr industrielle Produktionsverfahren
einzubringen. Während zum Beispiel die Herstellung von Massenstahl niemandem
mehr Freude macht, schreitet der Trend zum Spezialstahl voran. "Dort werden auch
Großprojekte durchgezogen, und wir sind mit unseren Vakuumpumpen dabei", sagt
Bremer und denkt schon weiter. "Auch die Brennstoffzelle ist noch lange nicht
tot. Für uns tun sich immer wieder neue Geschäftsfelder auf."
Daher nehmen es die rund 3800 Aussteller auf der Achema auch hin, dass sie bis
Ende dieser Woche zwar rund 180 000 Besucher erwarten können, dafür aber auch
erhebliche Kosten haben. 400 Euro je Quadratmeter, so wird kolportiert, koste
die Ausstellungsfläche - deutlich mehr als auf vielen anderen Messen. "Die
Achema ist eine wichtige Standortbestimmung", sagt Gea-Manager Meintrup. Und sie
zeige auf, wohin die Reise in der Verfahrenstechnik gehe. "Medikamente oder
Nahrungsmittel sind Grundbedürfnisse, die vielerorts noch völlig unbefriedigend
verarbeitet oder verpackt werden. Das wird uns noch die nächsten 10 bis 20 Jahre
beschäftigen", erwartet Bosch-Manager Klefenz.
HOLGER PAUL