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Die Solarlobbyisten malen in düsteren Farben

14.06.2012


Stimmung auf der Messe Intersolar so schlecht wie selten


tih. FRANKFURT, 13. Juni. Die Solarwirtschaft steckt im Umbruch wie kaum
eine andere Branche. Besonders deutlich sichtbar wird dies auf der Intersolar,
der größten Solarmesse der Welt, die am Mittwoch in München ihre Pforten
öffnete. Über Jahre hinweg kannte die Zahl der Aussteller und der
Flächenquadratmeter nur eine Richtung. Diesmal sind die prozentual zweistelligen
Wachstumsraten der Vergangenheit erst einmal passé. Die Messefläche stagniert,
zum ersten Mal sinkt die Zahl der Aussteller kräftig. Nach rekordträchtigen 2286
Unternehmen im vergangenen Jahr präsentieren 2012 nur noch 1909 Unternehmen ihre
Solarzellen, Module, Kollektoren, Wechselrichter und Dienstleistungen rund um
Sonnenstrom und Sonnenwärme.

Die Messeentwicklung spiegelt den starken Konsolidierungsdruck - ein technischer
Begriff für die laufende Auslese - wider. Seit dem vergangenen Jahr schwappt die
Insolvenzwelle von einem Unternehmen zum nächsten. Getroffen hat sie
Schwergewichte wie Q-Cells und Solon genauso wie einige kleinere
Branchenvertreter. Da verwunderte es kaum mehr, dass quasi pünktlich zum
Messestart mit der Dresdner Solarwatt AG ein weiteres Unternehmen Insolvenz
anmeldete. Und so korrespondiert die Stimmung der Unternehmen mit dem Dauerregen
über den Münchner Messehallen. In einer Umfrage zur Geschäftslage der
Photovoltaik äußern sich die Unternehmen pessimistischer als je zuvor seit
Beginn der Befragung 2005. "Es war noch nie so schlecht", sagt der
Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft, Carsten Körnig, zur
Messeeröffnung.

Branchenfachleute wecken zugleich wenig Hoffnung. "Die Entwicklungsperspektiven
für die Solarindustrie sind, auch vor dem Hintergrund der zu erwartenden
politischen Rahmenbedingungen, in Deutschland begrenzt", konstatiert Wolfgang
Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung. In einer noch unveröffentlichten
Studie mit dem Titel "Im Kampf gegen den Abstieg" stellt der Branchenkritiker
der deutschen Industrie ein schlechtes Zeugnis aus, was die Wettbewerbsfähigkeit
angeht. Chinesische Unternehmen dominierten das inländische
Photovoltaikgeschäft, und die deutsche Branche könne von den Vorteilen des
Heimatmarktes nicht profitieren.

Eine Teilschuld weist Hummel der Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz
(EEG) zu. Die habe zu einer Zersplitterung des deutschen Marktes geführt. "Die
Marktzersplitterung lässt die rund ein Dutzend innovativen deutschen
Hightech-Solarfirmen nicht auf die Größe wachsen, die notwendig wäre, um den
chinesischen Unternehmen Paroli bieten zu können", heißt es in der Untersuchung.

Das EEG und die Abhängigkeit von der Förderung spielen in der Diskussion über
die Zukunft der Solarindustrie stets eine Rolle - auch zur Intersolar kochte die
Debatte wieder hoch. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler verteidigte in
einem Interview die Pläne der Regierung zur Kürzung der Solarsubventionen. Die
Solarindustrie erhalte von der Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien
mehr als die Hälfte, obwohl sie nur 3 Prozent des Stroms produziere. Statt der
Solarenergie will Rösler eher die Entwicklung von Speichertechnologie gefördert
sehen.

Die Solarlobbyisten malten dagegen, wie schon oft in der Vergangenheit, die
Zukunft der Branche in düsteren Farben und fuhren starkes verbales Geschütz auf.
Der Energiewende dürfe nicht "auf den letzten Metern die Luft ausgehen", sagte
Solarverbands-Geschäftsführer Körnig. Das Image Deutschlands als
Technologienation hänge davon ab, dass man hier nicht strauchele. Am
Mittwochabend kam in Berlin der Vermittlungsausschuss von Bundestag und
Bundesrat zusammen, um nach einem Kompromiss zu suchen: Im Mai hatte die
Länderkammer die Regierungspläne zur drastischen Kürzung der Solarförderung
zunächst gestoppt.

Jenseits der deutschen Grenzen macht sich unterdessen sogar Optimismus breit.
Nach einer globalen Studie sind die Investitionen in erneuerbare Energien im
vergangenen Jahr auf der ganzen Welt um 17 Prozent auf einen Rekordwert von 257
Milliarden Dollar gestiegen. Dabei hätten die Anleger die Solarenergie gegenüber
der Windenergie bevorzugt. Gegenüber 2010 stiegen 2011 die Gesamtinvestitionen
in Solarenergie um 36 Prozent auf 137 Milliarden Dollar. "Die Erneuerbaren
konnten erneut ein Rekordjahr verbuchen", heißt es in der Untersuchung des FS
Unep Centre.

Auch in Deutschland blühen mancherorts Solarunternehmen wieder ein wenig auf,
die schon am Ende schienen. Das Unternehmen First Solar will die für Oktober
geplante Schließung der beiden Werke in Frankfurt (Oder) verschieben. "Neuer
Termin ist Ende Dezember", sagte ein Unternehmenssprecher. Zur Begründung führte
er unerwartete neue Aufträge an. An den endgültigen Schließungsplänen des
amerikanischen Konzerns dürfte die neue Situation allerdings nichts ändern. Bis
Oktober sollen alle 1200 Mitarbeiter in Vollzeit arbeiten, dann werden die Werke
schrittweise heruntergefahren. Im April war bekanntgeworden, dass die Oderstadt
wegen der Schließung von First Solar in diesem Jahr 28,5 Millionen Euro an
Gewerbesteuern verliert.