Öl- und Gasindustrie: Die umstrittene Förderung von Schieferöl sorgt in den Vereinigten Staaten für wirtschaftlichen Aufschwung
Während in Europa die Abhängigkeit von Öl und Gas wächst, könnte
Nordamerika dank neuer Fördermethoden weitgehend unabhängig von Importen aus
Nahost werden.
Von Marcus Theurer
LONDON, 28. Juni Es ist drei Jahrzehnte her, dass George Phydias Mitchell seine
Revolution begann. Mitchell, ein erfolgreicher Unternehmer im texanischen
Energiegeschäft, war damals bereits 63 Jahre alt. Aus dem Nichts hatte der Sohn
eines aus Griechenland eingewanderten Ziegenhirten seit dem Zweiten Weltkrieg
ein Erdgas-Unternehmen aufgebaut. Aber er machte sich Sorgen um die Zukunft der
Mitchell Energy & Development Corp. Die Lagerstätten, die das Unternehmen
ausbeutete, drohten auf längere Sicht zur Neige zu gehen. Da las Mitchell im
Jahr 1982 einen geologischen Fachaufsatz über die Förderung von Erdgas, das in
betonhartem Schiefergestein eingeschlossen ist. Die Erschließung solcher
Vorkommen war allerdings viel zu teuer und damit hoffnungslos unwirtschaftlich.
Das wollte Mitchell ändern.
Mehr als anderthalb Jahrzehnte ließ der sturköpfige Unternehmer im Rentenalter
seine Ingenieure und Geologen nach rentablen Methoden suchen, um das Schiefergas
abzuzapfen. Die Branche und selbst seine eigenen Mitarbeiter hielten den Spleen
des Seniors für Geldverschwendung, aber Mitchell lies sich nicht beirren. 1998
gelang endlich der Durchbruch: Das sogenannte Fracking war die erhoffte Lösung.
Durch das Bohrloch wird in großen Mengen ein Gemisch aus Wasser, Sand und
Chemikalien bis zu drei Kilometer in die Tiefe gepumpt, um die Felsformation
aufzubrechen und an das Erdgas zu gelangen.
Mitchells revolutionäre Methode hat den Energiemarkt auf den Kopf gestellt.
Fachleute erwarten, dass Nordamerika, bisher der größte Rohölimporteur der Welt,
in den kommenden zwei Jahrzehnten weitgehend unabhängig von ausländischen
Energielieferungen werden könnte - und dazu hat der Pionier aus Texas maßgeblich
beigetragen.
Seit 2005 ist die Erdgasförderung in den Vereinigten Staaten um mehr als ein
Viertel gewachsen. Vor drei Jahren hat das Land sogar Russland als größten
Erdgaslieferanten der Welt überrundet. Inzwischen wird das Fracking auch auf
Jagd nach Öl eingesetzt - was wesentlich höhere Gewinne verspricht. Vor allem
der amerikanische Bundesstaat North Dakota an der kanadischen Grenze ist zum
Zentrum eines neuen Ölaufschwungs geworden. Denn während in der Europäischen
Union die Ölförderung zwischen 2005 und 2011 um mehr als ein Drittel gefallen
ist, stieg sie in den Vereinigten Staaten um 14 Prozent und hat mittlerweile den
höchsten Stand seit knapp anderthalb Jahrzehnten erreicht.
Ein Ende des Wachstums ist so nicht in Sicht. Die Internationale Energieagentur
(IEA) in Paris erwartet, dass sich die amerikanische Schieferölförderung bis zum
Ende des Jahrzehnts auf über 1,4 Millionen Barrel (ein Barrel entspricht 159
Litern) am Tag mehr als verdreifachen wird und dann rund ein Sechstel der
gesamten Ölförderung im Lande ausmacht. Auch andere Bereiche der amerikanischen
Energiebranche expandieren. Im Golf von Mexiko dringen die Ölkonzerne dank des
technischen Fortschritts in immer größere Tiefen vor und treiben die
Fördermengen nach oben. Shell bohrt demnächst auch im amerikanischen Teil der
Arktis nach Öl. Die Vereinigten Staaten sind zudem der mit Abstand größte
Erzeuger von Biosprit auf der Welt. Im Nachbarland Kanada, wo große
Ölsandvorkommen ausgebeutet werden, wächst die Förderung ebenfalls rasant.
Der Aufschwung hat seine Schattenseiten. Praktisch alle Wachstumssektoren im
amerikanischen Öl- und Gasgeschäft sind ökologisch stark umstritten: Kanadas
Ölsandindustrie gilt Gegnern wegen Landschaftszerstörung, Schadstoffen im Wasser
und hoher Klimagas-Emissionen als Umweltfrevel und Gesundheitsrisiko. In den
Vereinigten Staaten wächst der Widerstand gegen das Fracking, weil eine
Vergiftung des Grundwassers befürchtet wird. Die meisten Fachleute bezweifeln
deshalb, dass das Schiefergas im dichter besiedelten Europa eine ähnlich große
Bedeutung erlangen wird wie in Amerika.
Die Umweltbedenken sind diesseits des Atlantiks noch viel größer. Großbritannien
will zwar die Suche vorantreiben, aber in Nordrhein-Westfalen stoppte die
Landesregierung im Frühjahr ein Pilotprojekt des amerikanischen Energiekonzerns
Exxon-Mobil ("Esso"). In Frankreich und in Bulgarien verboten die Regierungen
das Schiefergas-Fracking ebenfalls. Auch in Rumänien und Tschechien wächst der
Widerstand.
Dabei ist der Energiehunger der Welt so groß wie noch nie. Inflationsbereinigt
kletterte die Notierung für den wichtigsten Treibstoff der Weltwirtschaft auf
den höchsten Wert seit 1864 zu Zeiten des Pennsylvanian Oil Rush, der ersten
Hochkonjunktur der Geschichte. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist der
globale Ölverbrauch um mehr als ein Drittel gewachsen, und die IEA rechnet bis
2035 mit einem weiteren Anstieg um bis zu 20 Prozent. Der Erdgasbedarf der Welt
werde sogar um bis zu zwei Drittel zulegen, prognostizieren die Energieexperten.
In Europa droht vor allem die Abhängigkeit von Gasimporten drastisch zu steigen.
Aber zugleich verschiebt die starke Nachfrage auf der anderen Seite des
Atlantiks die Machtverhältnisse im globalen Energiegeschäft: Die Vereinigten
Staaten könnten in den kommenden zwei Jahrzehnten weitgehend unabhängig von den
Lieferungen des Förderkartells der Opec-Länder werden, erwartet Christof Rühl,
der Chefökonom des britischen Ölkonzerns BP. Nordamerika insgesamt sei auf dem
Weg zu einer annähernden Autarkie. Rühl prognostiziert, dass die Vereinigten
Staaten und Kanada im Jahr 2030 rechnerisch nur noch rund ein Zehntel ihres
Ölverbrauchs durch Importe decken müssen. Heute liegt der Anteil der Einfuhren
dagegen bei fast 40 Prozent.
Längst lässt das Energie-Wunder die Preise in Nordamerika und Europa
auseinanderdriften. Nordsee-Öl der Sorte Brent ist mit 93 Dollar je Barrel um 13
Dollar teurer als das amerikanischen West Texas Intermediate (WTI), obwohl beide
Sorten von ähnlicher Qualität sind. Der WTI-Preis wird auf Basis der Bestände im
zentralen Öldepot in Cushing im Bundesstaat Oklahoma bestimmt. Aber dort hat
sich wegen der wachsenden Ölschiefer- und Ölsandförderung ein beträchtlicher
Lagerüberhang herausgebildet, der seit zwei Jahren den WTI-Preis relativ zum
Nordseeöl drückt.
In Europa trieben dagegen Bürgerkriege in Libyen oder Syrien sowie das drohende
Lieferembargo gegen Iran den Preis nach oben. Noch sehr viel größer sind die
Unterschiede auf den Erdgasmärkten. In den Vereinigten Staaten hat die wachsende
Schiefergas-Förderung seit 2008 zu einem Preisrutsch um mehr als 80 Prozent
geführt. Erdgas ist dort heute weniger als halb so teuer wie in Deutschland.