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Das grüne Jobwunder

27.06.2012



Wird der ökologische Umbau unserer Wirtschaft zugleich auch zur Jobmaschine
der Zukunft? Die diesbezüglichen Erwartungen sind, erst recht seit Verkündung
der "Energiewende" vor einem Jahr, immens.
VON KLAUS F. ZIMMERMANN.
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte im vergangenen Jahr, Deutschland könne
allein im Bereich der Energieeffizienz in den kommenden zehn Jahren 800000 neue
Jobs gewinnen. Nach Zahlen des Bundesumweltministeriums arbeiteten im Jahr 2010
rund 367000 Menschen in diesem Bereich.

Für Unternehmensberater Roland Berger wird Umweltschutz sogar der bedeutendste
deutsche Industriezweig von morgen. Seine Prognose lautet, im Jahre 2020 werde
die Umweltbranche mehr Mitarbeiter ernähren als die beiden heutigen Leitbranchen
Automobilbau und Maschinenbau zusammen. Das ist ehrgeizig, denn von insgesamt
rund 41,6 Millionen Erwerbstätigen arbeiten derzeit in Deutschland etwa zwei
Millionen Menschen in "Green-Tech"-Sektoren der Energietechnik,
Elektromobilität, Infrastruktur, Gebäudesanierung und -management, Abfall- und
Wasserwirtschaft, umweltverträgliche Industrieanlagen und Maschinen.

Dennoch besteht kein Zweifel, dass die "grüne Welle" begonnen hat, unsere
Wirtschaft nachhaltig zu verändern. Umwelttechnologien gehören nicht nur in
Deutschland, sondern weltweit zu den wichtigen Wachstumshoffnungen. Allerdings
wissen wir über die Beschäftigungseffekte der neuen "grünen Leitmärkte" noch
vergleichweise wenig. Nicht nur wegen der statistischen und methodischen
Herausforderungen ist es schwierig, die Konsequenzen eines ökologiegetriebenen
Wirtschaftens für den Arbeitsmarkt seriös zu beurteilen. Problematisch ist zum
Beispiel, dass Art und Umfang der Veränderungen noch immer nicht genau bekannt
sind. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, den zukünftigen Bedarf in einem
Maße abzuschätzen, der es der Angebotsseite gestattet, entsprechend frühzeitig
zu reagieren.

Wissenschaftliche Evaluierung Völlig zu Recht hat die "Ethik-Kommission" unter
Leitung von Klaus Töpfer in ihren Empfehlungen Ende Mai vergangenen Jahres
geschrieben, der Prozess der "Energiewende" erfordere ein umfassendes
Projektmanagement sowie ein zielorientiertes, politisch wirksames Monitoring.
Deshalb bedarf dieses Großprojekt einer sorgfältigen wissenschaftlichen
Evaluierung - und zwar gerade auch im Blick auf die Beschäftigungswirkungen.

In eine solche Analyse und darauf aufbauende Zukunftsprognosen gehören
selbstredend auch die Befürchtungen, die neue Energiepolitik gefährde die
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie - etwa im Bereich der
energieintensiven Unternehmen. Immerhin räumte auch die Töpfer-Kommission ein,
die Energiewende werde zu dem ohnehin zu beobachtenden Anstieg der Preise für
Energie und Kohlendioxidemissionszertifikate beitragen. Diese Risiken und
Nebenwirkungen dürfen nun nicht dazu führen, dass innovative Jobs ins Ausland
abwandern - sonst werden die Blütenträume vom "grünen Jobwunder" schnell welk.

Soll die "Öko-Wende" gelingen, benötigen wir rasch die erforderlichen
Fachkräfte. Dies gilt etwa für Energie-, Klima- oder Umweltingenieure. Aber auch
für den handwerklichen Bereich. Ausbildung, Weiterbildung und Zertifizierung von
Handwerkern haben zum Beispiel Einfluss auf die Qualität energetischer
Sanierungen und bestimmen, ob diese einfach, erfolgreich und damit
nachahmenswert sind. Nur wenn ein erfolgreicher Service auch sicherstellt, dass
die energiesparenden Systeme und Produkte zuverlässig und effektiv arbeiten,
werden sich diese durchsetzen.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) hat bereits darauf aufmerksam
gemacht, dass für den Ausbau erneuerbarer Energien nach dem Atomausstieg
Spezialisten fehlen. Schon derzeit herrsche in der Solarindustrie und der
Windkraftbranche akute Personalnot zum Beispiel für Betrieb und Wartung der
neuen Techniken. Auch für Ingenieure, die die künftige Energieversorgung durch
intelligente Netze beherrschen ist die Nachfrage schon heute größer als das
Angebot. Der dringende Ausbau der Stromnetze droht sich auch aus diesem Grund zu
verzögern. Das Ziel, bis 2020 den Stromanteil erneuerbarer Energien auf
mindestens 35 Prozent zu steigern, ist also auch unter
Beschäftigungsgesichtspunkten sehr ambitioniert.

Personelle Engpässe zeichnen sich auch in anderen Sektoren ab. So sucht die
Automobilindustrie vielfach vergeblich Entwickler für klimafreundliche und
sparsamere Motoren. Gleiches gilt generell für den Gesamtbereich
ökologiegetriebener Forschung und Entwicklung.

Wenn wir für diesen wachsenden Bedarf im Bereich der "Green-Tech"-Berufe nicht
rasch zielgerichtet ausbilden, könnten die hochfliegenden deutschen Energie- und
Umweltpläne ernsthaft gefährdet werden. Deshalb sollten Politik und Wirtschaft
gemeinsam eine entsprechende Qualifizierungsoffensive starten. Diese
Wissensvermittlung muss bereits in den Schulen einsetzen, soll sie nachhaltig
wirken. Doch selbst wenn beispielsweise die Hochschulen heute neue
spezialisierte Studiengänge schaffen, ihre Kapazitäten umschichten und ausbauen,
wird es Jahre dauern, bis die gesuchten Experten zur Verfügung stehen. Deshalb
muss sich Deutschland parallel zu einer Ausbildungsoffensive und einem generell
technikfreundlichen gesellschaftlichen Klima durchringen und sich durch eine
gesteuerte Zuwanderung verstärkt für solch begehrte Fachkräfte von außen öffnen.

Schon vor dem Japan-Schock gingen Experten davon aus, dass die Ausgaben für
Umwelt- und Klimaschutzgüter weltweit bis 2020 dreimal so schnell steigen
könnten wie die übrige Weltwirtschaft. 2008 wurden global erstmals 120
Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert. Im Jahr 2012 werden es
nach Schätzungen bereits 800 Milliarden Dollar sein.

Nimmt man nicht nur die alternativen Energien, sondern beispielsweise auch
Maßnahmen in den Bereichen Infrastruktur und Gebäude, Mobilitätskonzepte, die
Abfall- und Wasserwirtschaft sowie umweltverträgliche Industrieanlagen hinzu, so
werden die jährlich in naher Zukunft erwarteten ökologie-orientierten
Investitionen weltweit auf ein Volumen zwischen rund 1200 Milliarden Dollar und
1900 Milliarden Dollar geschätzt. Zu Recht setzen gerade die schwächer
entwickelten Länder hier auf erhebliche Arbeitsmarktimpulse. Nicht zuletzt
deshalb gehört die Beschäftigungsfrage ins Zentrum jeder ökologischen
Umbaustrategie.

Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn