Der Vorstandsvorsitzende des Maschinenbauers Meyer Burger, Peter Pauli, spricht von "Überheblichkeit" - und glaubt trotzdem an die Branche
tih. FRANKFURT, 17. Juli. Wenn es um die miserable Lage der Solarindustrie
in Deutschland geht, ist die Branche mit Ursachenforschung und -findung schnell
zur Hand. Zwei Gruppen werden dann gerne als die Schuldigen identifiziert: Zum
einen die Politiker, die allzu eilig die Subventionen für die erneuerbaren
Energien kürzen. Und auf der anderen Seite die Chinesen, die mit Dumpingpreisen
eine mörderische Konkurrenz betreiben.
Nicht ganz so einfach macht es sich Peter Pauli, Vorstandsvorsitzender der
Technologiegruppe Meyer Burger. Seine Sicht ist auch deswegen interessant, weil
sie mit einer gewissen Distanz zu Deutschland erfolgt. Der Schweizer Pauli
leitet einen schweizerischen Technologiekonzern. Und in dieser Position scheut
der 52 Jahre alte Unternehmer offene Worte keineswegs. Argumente, die auch
Kritiker immer wieder anführen, die aber umso wertvoller sind, wenn sie aus der
Branche selbst kommen.
"Es gab eine gewisse Überheblichkeit", sagt Pauli. Er spricht von überbordender
Euphorie in der Vergangenheit, von "Diversifizierungswahn", von übertriebenen
Akquisitionsstrategien in Fällen, wo man lieber den Spruch "Schuster, bleib bei
deinen Leisten" hätte beherzigen sollen. Einige Branchengrößen sind nach seiner
Ansicht letztlich daran gescheitert, dass sie zu spät oder gar nicht mehr auf
die rasch einsetzenden Veränderungen im Markt reagierten.
Neben dem Beharren auf einem Machbarkeitsglauben hat die Solarindustrie Pauli
zufolge auch den Fehler begangen, die Fernost-Konkurrenz zu lange unterschätzt
zu haben. Eine Geschichte illustriert dies besonders schön. Vor rund sechs
Jahren - also zu einer Zeit, als es der deutschen Solarindustrie noch richtig
gut ging - lud der Meyer-Burger-Chef einige Kollegen zu einer Reise ein. Sie
sollten Wettbewerber in China vor Ort studieren. "Damals dachte man noch, die
Chinesen werden das nie können, was wir können", erinnert sich Pauli an die
Stimmung in der Branche. Entsprechend fand sich nur ein einziger
Solarfirmenchef, der mitreiste. "Heute sind chinesische Kunden die größten
Abnehmer unserer Anlagen", resümiert Pauli.
Trotz der Fehler in der Vergangenheit und trotz der gegenwärtig düsteren Lage:
Schwarzsehen mag Peter Pauli für die Branche nicht. "Die Solarindustrie ist bei
weitem nicht tot." In dieser Einschätzung steckt vielleicht ein wenig
Zweckoptimismus, ist doch Meyer Burger letztlich davon abhängig, dass es noch
Solarunternehmen gibt, die neue Produktionsanlagen kaufen.
Bislang galten die Anlagenbauer als halbwegs sichere Bank: Schließlich sind für
sie die Chinesen keine Konkurrenten, sondern Kunden. So entfällt rund drei
Viertel des Geschäfts Meyer Burgers auf Asien. Doch die Solarkrise verschont
auch die fernöstlichen Zellen- und Modulhersteller nicht, zumal auch sie unter
den gewaltigen Überkapazitäten auf der ganzen Welt leiden. So kommt die Krise
zuletzt auch bei den Maschinenbauern an. Im zweiten Halbjahr 2011 sind die
Auftragseingänge für Meyer Burger deutlich zurückgegangen. Nach einem Umsatz von
1,3 Milliarden Franken im vergangenen Jahr rechnet Meyer Burger nun nur noch mit
Erlösen zwischen 600 und 800 Millionen Franken. Der Konzern wurde auf schlank
getrimmt und Pauli schloss eine Verringerung der 2500 Stellen um rund 15 Prozent
nicht aus.
Wie diffizil die Lage auch für die Solarmaschinenbauer ist, zeigte sich in der
vergangenen Woche, als das schwäbische Unternehmen Centrotherm Insolvenz
beantragte. Insider hatten davon berichte, dass dem Solarkonzern vor allem
Aufträge aus Asien weggebrochen seien. Zuletzt kamen massive
Finanzierungsprobleme dazu, weil Kreditversicherer Warenlieferungen an die Firma
nicht mehr weiter versichern wollten.
Für Pauli sind solche Entwicklungen kein Anlass für gute Laune, sondern im
Gegenteil "sehr unerfreulich". "Wenn einer strauchelt, ist das für uns von
Nachteil. Das ist ein Imageschaden für die gesamte Industrie." Trotz allem sieht
der Meyer-Burger-Chef, der mit einem Anteil von 3,2 Prozent selbst zu den
größten Aktionären seines Konzerns gehört, "erste Silberstreifen". Es gebe
Unternehmen, die in neue Technologien investieren wollten, und das
Projektgeschäft laufe wieder langsam an. Die Auftragseingänge seien zwar nicht
weltbewegend, aber immerhin gebe es "hier und da mal etwas".
Auch den Maschinenbauer Roth & Rau sieht Pauli jetzt "auf gutem Weg, sich so
aufzustellen, wie wir das erwarten". Meyer Burger hatte im vergangenen Jahr die
Mehrheit an dem sächsischen Wettbewerber übernommen - nach Ansicht von
Beobachtern zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das inzwischen konsolidierte
Unternehmen trug zuletzt zwar 126 Millionen Franken zum Umsatz bei, belastete
aber das Vorsteuerergebnis (Ebit) mit 107 Millionen Franken. "Roth & Rau passt
strategisch bestens zu uns", sagt Pauli und fügt mit Blick auf die seinerzeit
bezahlten 288 Millionen Franken hinzu: "Der Preis war zu jenem Zeitpunkt in
Ordnung."