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Flaute im Land der Windmühlenbauer

15.07.2012



Es ist wie verhext: Deutschland forciert die Energiewende. Doch die
natürlichen Profiteure liegen am Boden. Nach der Solarindustrie trifft es die
Hersteller der Windkraftanlagen.
Von Winand von Petersdorff
Für die deutschen Wind-Industrie ist Joachim Fuhrländer einen der Pioniere. Er
hat aus dem metallverarbeitenden Betrieb seiner Eltern im Westerwald einen
Hersteller von Windkraftanlagen gemacht, der zeitweise 250 Millionen Euro Umsatz
im Jahr hereinholte.

Das letzte offizielle Bild Fuhrländers stammt von der Industriemesse in
Hannover. Da durfte der sendungsbewusste Mann noch einmal sein wallendes Haar in
die Kamera halten und Angela Merkel und dem chinesischem Staatspräsidenten eine
seiner Windmühlen zeigen.

Jetzt ist er sang- und klanglos aus dem Unternehmensvorstand ausgeschieden,
ukrainische Investoren bestimmen inzwischen die Linie beim Windkraftpionier,
zehn Prozent der 700 Mann starken Belegschaft haben ihre Arbeit verloren. Der
frühere SPD-Politiker Rudolf Scharping ist Aufsichtsratsvorsitzender der Firma
und versucht, sie in ruhige Gewässer zu lenken.

Ein Trost ist es für Fuhrländer zwar nicht, aber den anderen Herstellern geht es
nicht besser. Umsatz-Milliardär Nordex schreibt rote Zahlen, der Aktienkurs geht
seit Jahren zumeist nach unten, selbst der Einstieg der BMW-Aktionärin Susanne
Klatten konnte den Abwärtskurs nicht bremsen. Suzlon, der indische Käufer des
Hamburger Windpioniers Repower ist hoch verschuldet und versucht, Gerüchte zu
unterdrücken, die deutsche Tochtergesellschaft stehe zum Verkauf. Der spanische
Produzent Gamesa behilft sich in seiner Not, indem er selbst Windparks
entwickelt, um sie dann zu Schleuderpreisen zu verkaufen.

Der stolze Elektrokonzern Siemens, der auf Windanlagen und Umspannwerke fürs
Meer setzt, bekam technische Probleme lange nicht in den Griff. Die Folge: Ein
Ergebniseinbruch von 300 Millionen Euro. Und Vestas, Weltmarktführer aus
Dänemark, strich in zwei Wellen mehr als 5000 Arbeitsplätze, weitere 1600 sind
bedroht. Allein der deutsche Branchenprimus Enercon scheint noch gut
zurechtzukommen.

Die Flut schlechter Nachrichten erinnert an die Solarindustrie. Doch die
naheliegende Begründung für die Misere greift nicht: Die Chinesen sind diesmal
nicht schuld. Zwar haben sich vier chinesische Anbieter in die Gruppe der zehn
größten Produzenten vorgearbeitet, aber diese Firmen produzieren - noch -
weitgehend fürs eigene weite Land. Das ist der wichtigste Unterschied zur
Solarzellen-Industrie, in der Chinesen vor allem für die Industrienationen
fertigen.

Noch muss Europa die chinesischen Windmühlenbauer auf dem Heimatmarkt nicht
fürchten, Europa hat noch einen technologischen Vorsprung bei den
anspruchsvollen Maschinen. Und: Windkraftanlagen sind nicht so leicht zu
transportieren, weil sie so schwer und sperrig sind. Das gilt vor allem für die
Flügel, die 35 Meter und länger sein können.

Der Hauptgrund für die Probleme der Branche ist: Euphorie. Die Produzenten
wähnten sich als die Surfer auf einem Megatrend. Alle Industrie- und
Schwellenländer hatten den Ausbau der Windenergie angekündigt und damit die
Hersteller animiert, ihre Fabriken zu vergrößern.

Jetzt werden in Europa viel mehr Windmühlen feilgeboten als gefragt sind. Die
Bestellungen verzögern sich: In Ländern wie Deutschland sind die besten
Windstandorte schon längst besetzt. Die 1-B-Lagen werden neu kalkuliert, weil
der Wind selbst den Projektentwicklern einen Strich durch die Rechnung gemacht
hat: Er blies zumindest bis 2011 weniger als kalkuliert. Zudem gibt es zunehmend
Schwierigkeiten bei der Genehmigung der immer größer werdenden Windanlagen, wie
Nord-LB-Analyst Holger Fechner berichtet.

Global aufgestellte Konzerne wie die dänische Vestas schauen überdies sorgenvoll
über den Atlantik. In den Vereinigten Staaten, wo zuletzt nach China die meisten
Windanlagen installiert wurden, haben sich die Marktbedingungen dramatisch
verschlechtert. Im Land hat sich der Gaspreis so sehr verbilligt, dass das Gas
nicht nur die Kohle als Stromproduzenten verdrängt, sondern auch Investitionen
von der Windenergie abzieht. Dazu kommt die große Sorge, dass das in diesem Jahr
auslaufende Steuerprivileg nicht verlängert wird. Ohne Förderung aber wären die
neuen Windparks kaum konkurrenzfähig.

Manche europäische Hersteller versuchen sich mit Fabriken in China, um
Windmühlen mit europäischem Know-how und chinesischen Produktionskosten an Ort
und Stelle zu verkaufen. Doch diese Unternehmungen sind reihenweise gescheitert,
die Chinesen kaufen von Chinesen. So kommen sie dann doch wieder als
Mitschuldige ins Spiel.

Und schließlich ist da noch die Finanzkrise: Die Banken zögern mit Krediten, zum
Beispiel wegen schlechter Erfahrungen: Für die deutsche
Unicredit-Tochtergesellschaft HVB hat sich das Kreditgeschäft für einen großen
Offshore-Windpark zum Milliarden-Risiko entpuppt, auch die Commerzbank knausert,
heißt es in der Branche.

Wenn die Entwickler von Windparks aber keinen Kredit mehr bekommen, dann
bestellen sie auch keine Anlagen.

Und nun? Die Europäer müssen billiger werden. Siemens-Chef Peter Löscher
kündigte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon an, von Einzelfertigung
auf Massenproduktion umzusteigen, um die Produktionskosten weiter nach unten zu
bringen.

Eine andere Idee kommt von Rudolf Scharping, der sich als Unternehmensberater
eine neue Karriere aufgebaut hat. Er schlägt vor, Versicherungen und
Pensionsfonds die Investition in Windparks zu erleichtern. Dafür müsste die
Bundesregierung die Anlageregeln anpassen. "Im Moment", sagt Scharping, "können
noch nicht einmal die KfW-Mittel für Windenergie ausgeschöpft werden, weil das
Geld zur Finanzierung fehlt." Die staatliche Bank darf nur kofinanzieren, wenn
ein privater Investor da ist.

Und noch eine Idee kursiert: Die Windlobby in Deutschland will die Waldgebiete
erobern. Doch hier kommt Widerstand von unerwarteter Seite: Fritz Vahrenholt,
bis vor kurzem Chef der RWE-Sparte für Ökoenergie und Käufer zahlreicher
Windparks, sagt: "Ein solches Gerät kommt mir nicht in den Wald." Vahrenholt
leitet vom 1. August an die Hamburger Stiftung Wildtier. Sie will Lebensräume
für Deutschlands wild lebende Tiere bewahren.