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Brückenbauerin

25.08.2012



Diese Frau hat ihren Mann gestanden. Anita Jokiel aus Neumarkt in der
Oberpfalz leitete während der vergangenen Tage das Einschwimmen der neuen
Osthafenbrücke über den Main in Frankfurt. Die 35 Jahre alte Bauingenieurin vom
bayerischen Unternehmen Max Bögl hat die äußerst anspruchsvolle technische
Herausforderung glänzend gemeistert. Zentimeter um Zentimeter drehten unter
ihrer Regie zwei Speziallastwagen auf engstem Raum den 2200 Tonnen schweren
Stahlkoloss um 90 Grad. Anschließend wurde die Brücke Meter für Meter über die
Kaimauer hinweg auf zwei Pontons geschoben, von diesen 150 Meter flussaufwärts
zu den Widerlagern gebracht und am südlichen und nördlichen Mainufer abgelegt.
Mit großem Interesse verfolgte die Bevölkerung der Mainmetropole den
spektakulären Brückenschlag, der drei Tage dauerte.

Freudestrahlend hob Frau Jokiel am frühen Donnerstagabend ein Apfelweinglas und
stieß mit Verkehrsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) auf das geglückte Werk an.
Man sah der Ingenieurin an, dass ihr ein Stein vom Herzen gefallen war. Nicht
auszudenken, wenn die 2200 Tonnen schwere Bogenbrücke von den zwei Pontons ins
Wasser gerutscht wäre. Eine solche Blamage wäre wohl in die Frankfurter
Geschichtsbücher eingegangen. Und Frau Jokiel hätte vermutlich von den
Ingenieuren dieser Republik, die in der Mehrzahl Männer sind, zu hören bekommen,
dass Frauen für diesen Männerberuf doch nicht recht geeignet seien.

Solche Vorurteile hat die jugendlich wirkende Brückenbauerin aus der Oberpfalz
glänzend widerlegt. Mit Umsicht leitete sie den komplizierten Transport des
Bauwerks. Schon während des vergangenen halben Jahres hatte Frau Jokiel ihre
organisatorischen und technischen Fähigkeiten beim Zusammenschweißen von etwa
100 vorgefertigten Stahlteilen zu einer 175 Meter langen und 24 Meter breiten
Brücke an Ort und Stelle am Main neben den im Bau befindlichen beiden Türmen der
Europäischen Zentralbank unter Beweis gestellt. Als die Stahlkonstruktion am
Donnerstagnachmittag auf ihren beiden Widerlagern niedergelegt wurde, passte sie
auf den Zentimeter genau.

Um jedes Ungemach zu vermeiden, ist die Herrin der Brücke keinerlei Risiko
eingegangen. Sie hat Nerven bewahrt, als der Chefstatiker für den Transport das
Anbringen zusätzlicher Sicherungsstreben verlangte und auch als der Wetterdienst
am Dienstag eine Gewitterwarnung aussprach. Jokiel nahm die Verzögerungen
gelassen in Kauf, denn Vorsicht ist die Mutter der Brückenbauer.

Die Bauingenieurin, die ursprünglich Architektin hatte werden wollen, sich aber
dann für das Ingenieurstudium entschied, hat schon andere Großprojekte
verantwortet. In Hamburg leitete sie den Bau des Dachs für das neue
Flughafengebäude, in Bukarest beaufsichtigte sie den Stahlbau am Stadion. In
Frankfurt hat die Ingenieurin, die am Ende als Erste die Brücke überschreiten
durfte, nun ein Meisterstück abgeliefert.

HANS RIEBSAMEN