MARKT & STRATEGIE
Der neue Präsident von Fraunhofer will aus der Forschung mehr herausholen.
Damit soll der Fall "MP3-Player" vermieden werden, den die deutsche Industrie
partout nicht wollte.
Von Rüdiger Köhn
MÜNCHEN, 1. Oktober Mit dem Wechsel in der Präsidentschaft von Hans-Jörg
Bullinger zu Reimund Neugebauer wird nicht der große Ruck durch die
Fraunhofer-Gesellschaft gehen; vielleicht einmal abgesehen von einem neuen
Dialekt an der Spitze des Instituts für angewandte Forschung. Kontinuierlich
muss sich die Arbeit entwickeln, um Ergebnisse aus der Forschung an Unternehmen
für deren verbesserte Wettbewerbsfähigkeit weiterzu geben. Davon sind beide
überzeugt: der 68 Jahre alte Schwabe Bullinger, der nach zehn Jahren abtritt,
und der zehn Jahre jüngere Sachse Neugebauer, der am Montag die Nachfolge
angetreten hat. Beide wissen jedoch um die Herausforderung für die Forschung in
Deutschland, die mit Tempo zu tun hat.
"Die Halbwertzeit unseres Wissens wird immer kürzer", sagt Neugebauer, der
bislang das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen in Chemnitz leitete. "Die
Dynamik in der Forschung hat sicherlich nicht nachgelassen", tröstet sich der
Maschinenbauingenieur. Es ist für ihn vielmehr das Umfeld, das die Spielregeln
neu definiert: "Die Dynamik im Markt wird immer größer." Daraus leitet er ab,
dass die Finanzierungen für die Grundlagen- und die Vorlaufforschung erhöht
werden müssen. Die kommen, vom Staat bezahlt, den Forschungseinrichtungen
zugute; also auch der Fraunhofer-Gesellschaft, die nicht nur die größte
Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen mit
ihren 20 000 Mitarbeitern in Europa ist. Sie ist auch Teil des deutschen
Netzwerkes von Hochschulen, Max-Planck-Instituten, Helmholtz-Gemeinschaft oder
Leibniz-Gesellschaften.
Neugebauer treibt der wachsende Wettbewerb in der Welt. Seit 2010, nennt er ein
Beispiel, bilde China je Jahr mehr englischsprachige Ingenieure aus als die
Vereinigten Staaten. Für Bullinger, Professor für Arbeitswissenschaft und
Technologiemanagement an der Universität Stuttgart, können noch so kompetente
Forscher und Entwickler nicht alles herausreißen: "Wir dürfen in der
Vorlaufforschung nicht ausbluten, da wir sonst mit dem Tempo nicht mithalten
können", warnt er. Da sei die Unterstützung der Politik erforderlich. Bullinger,
der in den Senat - quasi den Aufsichtsrat - von Fraunhofer wechselt, fügt hinzu:
"Die Inhalte unserer Arbeit und der Forschung ändern sich in vier oder fünf
Jahren dramatisch; deshalb kann Kontinuität nicht heißen, dass wir einfach so
weitermachen wie bisher." Die Identifizierung der Potentiale und die
Ergebnisverwertung müssten weiter professionalisiert werden.
Der neue Präsident hat konkrete Vorstellungen, was die Nutzung
auftragsunabhängiger Forschungsarbeit angeht, die durch öffentliche
Grundfinanzierung möglich wird und Voraussetzung für eine in der
Unternehmenspraxis angewandte Forschung ist. "Wir müssen mehr aus unserer
Vorlaufforschung machen; das heißt, wir müssen unsere Ergebnisse mehrfach
verwerten", sagt er. "Originalität ist schließlich die Basis für unser Geschäft
mit den Kunden, also den Unternehmen." Mit einer Strategie der
Mehrfachverwertung von Ergebnissen will er Potentiale heben.
Das 1949 in München gegründete Fraunhofer-Modell steht zwischen der Forschung im
frühen Stadium, wie es Max-Planck-Institute betreiben, und privater Wirtschaft
sowie öffentlicher Hand. Neben der Grundlagenarbeit forscht die Gesellschaft im
Auftrag von Unternehmen, die Hälfte von ihnen aus dem Mittelstand. Der
eingetragene Verein finanziert seine Arbeit größtenteils selbst. Im Jahr 2011
verfügte er über ein Forschungsvolumen von insgesamt 1,85 Milliarden Euro. Davon
entfielen 1,5 Milliarden Euro auf die Vertrags- oder Auftragsforschung - 70
Prozent dieser Mittel generiert Fraunhofer aus der Auftragsforschung; rund 30
Prozent steuern Bund und Länder als Grundfinanzierung bei. Die Themen sind
vielfältig, wie die hohe Zahl von 80 Forschungseinrichtungen unter dem Namen
Fraunhofer in Deutschland zeigt - von Arbeitswirtschaft, Biomedizin, Logistik
über regenerative Energien, Elektro- und Produktionstechnik bis hin zu Software
oder Halbleitertechnik.
Für 2011 hatte die Gesellschaft über 673 Erfindungen berichtet, das entspricht
drei Erfindungen je Arbeitstag Tag; fast 500 davon wurden zum Patent angemeldet.
Der Name tritt meistens in Erscheinung, wenn es um neue Entwicklungen geht, etwa
batteriebetriebener Fahrzeuge oder Werkstoffe. Neuestes Projekt ist die
"Morgenstadt", die Bullinger angestoßen hat. Sie ist die Vision einer
nachhaltigen und zukunftsfähigen Stadt und folgt dem Trend immer größer
werdender Metropolen. Es geht um die Entwicklung von effizienten Verkehrs-,
Energie-, Ver- und Entsorgungssystemen.
Das bekannteste Beispiel, das sich - für Fraunhofer zu spät - als
Erfolgsgeschichte entwickelte, ist der digitale Musikspieler MP3. Die
UN-Organisation Unesco initiierte das Projekt zur Entwicklung eines
satellitengestützten Digitalradios. Fraunhofer hatte die Lösung gefunden, doch
die Industrie in Deutschland wollte sie nicht, da sie das Risiko scheute.
Jahrelang ging man mit der Technologie vergebens hausieren. Der erste MP3-Player
kam schließlich 1989 aus dem Silicon Valley. Heute freut sich Fraunhofer zwar
über jährliche Lizenzeinnahmen; 2011 waren es 92 Millionen Euro. Das aber ist
nicht einmal 1 Prozent der gesamten Wertschöpfung aus dieser Technologie. Dieses
unrühmliche Beispiel zeigt, wie wichtig eine Verwertungsstrategie ist.
Es gibt aber noch mehr Herausforderungen für den neuen Präsidenten. "Die knapper
werdenden Mittel in den öffentlichen Haushalten und das verhaltenere
Wirtschaftswachstum vergangener Jahre zwingen dazu, in der Forschung den Euro
zweimal umzudrehen", sagt Neugebauer. Nach seinen Ideen für neue Konzepte
gefragt: "Wir werden das Fraunhofer-Modell weiter entwickeln und auch
internationalisieren." Nach Frankreich oder Polen etwa.
Bullinger richtet ebenfalls den Fokus auf das europäische Ausland: "Wenn Europa
eines Tages kommen sollte, wird Fraunhofer eine europäische Gesellschaft sein."
Er macht damit deutlich, dass sie auch ein Unternehmen ist, sich
wirtschaftlichen Spielregeln folgend positionieren muss. Denn: "Es wird quasi
einen Verteilungskampf zwischen allen Beteiligten geben, etwa mit den
Universitäten und den außeruniversitären Einrichtungen."