Home


FAZ.NETStellenangebote für Fach- und Führungskräfte auf FAZjob.NET, jetzt informieren
Das Jobportal für Fach- und Führungskräfte

Twitter - FAZjob.NET Facebook - FAZjob.NET




Roland Lindner

Jenseits der Garagenlegende

29.09.2012



In der Diskussion über die Fusion der Rüstungskonzerne EADS und BAE geht es
auch um die Zukunft europäischer Hochtechnologie. Warum das so ist, zeigt ein
Blick auf die Entstehung des Silicon Valley.
Das Wahrzeichen des "Silicon Valley" ist leicht zu übersehen: ein schlichtes
Anwesen mit einer Garage in einem ruhigen Wohngebiet in Palo Alto, der Stadt
inmitten der kalifornischen Technologieregion südlich von San Francisco. Die
Erinnerungstafel vor dem Haus sieht unspektakulär aus, aber sie erhebt einen
großen Anspruch: Die Garage sei "Geburtsort des Silicon Valley", heißt es
darauf. Denn hier haben William Hewlett und David Packard 1938 ihr erstes
Produkt ertüftelt. Es war ein Oszillator, ein von Toningenieuren verwendetes
Testinstrument, für das sich bald der Unterhaltungskonzern Walt Disney als Kunde
fand. Das war die Keimzelle für den späteren Technologiegiganten
Hewlett-Packard, der bis heute trotz einiger Turbulenzen der größte Hersteller
von Personalcomputern in der Welt ist. Die karge Garage in Palo Alto wurde zum
kraftvollen Symbol für Generationen von Unternehmern im Silicon Valley. Wer
genug Erfindergeist und Hingabe mitbringt, kann aus kleinsten Anfängen heraus
atemberaubende Erfolgsgeschichten schreiben oder gar die Welt verändern - dafür
steht die Garage bis heute.

Es ist populär, den Aufstieg der amerikanischen Technologiebranche im Silicon
Valley und auch anderswo auf diese Garagenmentalität zurückzuführen. Diese
Sichtweise hat etwas Romantisches, ist aber unvollständig, denn sie unterschlägt
die Hilfe der amerikanischen Regierung, die das Silicon Valley mit
Militärausgaben hochgepäppelt hat. Forschungsgelder und Aufträge der Regierung
waren Initialzündung und Katalysator für viele Unternehmen in der Region, nicht
nur für hier ansässige Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin. "Es ist eine schöne
Idee, dass jemand etwas ganz ohne fremde Hilfe aufbaut. Aber so hat es hier
nicht funktioniert", sagt Doug Henton, Vorstandschef der regionalen
Beratungsgesellschaft Collaborative Economics aus San Mateo im Silicon Valley.

Heute hängt die Region zwar nicht mehr annähernd so stark am Staatstropf wie vor
fünfzig Jahren. Noch immer aber spielt die Regierung eine bedeutende Rolle. Es
gibt staatlich finanzierte Forschungsinstitute, und immer wieder profitieren
private Unternehmen von Projekten, die von der Regierung angestoßen wurden -
etwa Siri, die sprachgesteuerte Assistentenfunktion, die Apple in seinem
iPhone-Handy einsetzt. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch
Cyberkrimininalität forciert die Regierung derzeit wieder die Kooperation mit
der Privatindustrie, mit einer zum Geheimdienst CIA gehörenden
Wagniskapitalgesellschaft agiert sie sogar als Investor.

In der Entstehungsgeschichte des Silicon Valley als Technologiehochburg gibt es
eine überragende Figur: Frederick Terman, Professor an der hiesigen
Stanford-Universität. Terman wird oft "Vater des Silicon Valley" genannt und war
berühmt dafür, seine Studenten zur Gründung eigener Unternehmen zu ermutigen.
Sein Verdienst bestand aber auch darin, dass er seine glänzenden Verbindungen
zur amerikanischen Regierung zu nutzen wusste. Während des Zweiten Weltkriegs
wechselte er für einige Jahre von Stanford an die Harvard-Universität an die
Ostküste. Dort führte er im Staatsauftrag eine geheime Forschungsgruppe, deren
Ziel es war, deutsche Radarsysteme zu verstehen und zu stören. Nach dem Krieg
kam er nach Stanford zurück und baute auch hier staatlich finanzierte
Forschungslabore auf, die sich auf militärrelevante Elektronik spezialisierten.

Die Arbeit in diesen Forschungseinheiten resultierte in einer ersten großen
Welle von Start-up-Unternehmen im Silicon Valley. Deren Sprung in die
Selbständigkeit wurde meist ebenfalls vom Staat erleichtert, denn viele
Unternehmen konnten auf Regierungsaufträge zählen. Diese Anschubhilfe war
wichtig, weil es noch kaum privates Wagniskapital gab. "Ohne Frederick Terman
und seine Fähigkeit, Geld vom Staat anzulocken, würde es das Silicon Valley, wie
wir es heute kennen, nicht geben", sagt Steve Blank, Unternehmer und Dozent an
der Stanford-Universität, der sich seit Jahren mit den militärischen Wurzeln der
Region beschäftigt. Auch die Rüstungsindustrie fühlte sich vom Silicon Valley
angezogen. Lockheed Martin siedelte sich Mitte der fünfziger Jahre neben dem
riesigen Militärflughafen Moffett Field an. Der Konzern wuchs rasant, es war aus
Sicht der Rüstungs- und der Raumfahrtindustrie eine goldene Zeit: Die
Sowjetunion hatte die Amerikaner 1957 mit dem erfolgreichen Start des ersten
künstlichen Erdsatelliten Sputnik aufgeschreckt. Die Vereinigten Staaten sahen
sich in dieser Zeit des Kalten Krieges unter Handlungsdruck, die Sowjets in der
Rüstungs- und der Raumfahrttechnologie nicht davonziehen zu lassen, entsprechend
groß war die Investitionsbereitschaft. In diese Zeit fiel auch die Gründung der
Raumfahrtbehörde Nasa und von Arpa (heute Darpa), eine zum Pentagon gehörende
Forschungsinstitution. Beide Organisationen wurden zu wichtigen Impulsgebern für
die Technologieindustrie. Ein von der Arpa angestoßenes Netzwerkprojekt mit dem
Namen Arpanet etwa wurde zu einem Vorläufer für das Internet.