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"Wir sind die schlaueste Region der Welt"

09.10.2012


Die Brainport-Stiftung soll dem Großraum Eindhoven Innovationen bescheren und den Niederlanden Wachstum und Wohlstand sichern / Von Michael Stabenow


EINDHOVEN, 8. Oktober. Auf dem Campus der Technischen Universität Eindhoven
herrscht an diesem Herbstmorgen reges Treiben. Studenten strömen von der einen
zur nächsten Vorlesung. Einige hundert Meter weiter geht es in einem
zweistöckigen Neubau geruhsamer zu. Dort bietet der "Catalyst Technology &
Business Incubator Eindhoven" Forschern mit unternehmerischer Ader eine Bleibe.
Elf Mieter zählt das kürzlich eingeweihte Gebäude. Noch stehen zwei Drittel der
Räume leer. Aber es ist anscheinend nur eine Frage der Zeit, bis manche der
Studenten, die derzeit auf dem Campus eifrig büffeln, hier ihren ersten
Arbeitsplatz finden.

Auch Dirk van Asseldonk, einer der Mieter, hat einst in Eindhoven studiert.
Zunächst arbeitete der Chemiker für den Konsumgüterriesen Unilever. Aus Freude
daran, Forschungsergebnisse praktisch anzuwenden, sei er zum Unternehmer
geworden, erzählt van Asseldonk. So sei 2004 seine auf Medizintechnik
spezialisierte Gesellschaft Dolphys entstanden. Große Hoffnungen ruhen auf einer
von Dietmar Enk, einem Mediziner des Universitätsklinikums Maastricht,
entwickelten Beatmungstechnik namens Ventrain.

Anders als bei gängigen Produkten lässt sich mit Hilfe einer in die Luftröhre
ohne komplizierten Eingriff eingeführten Kanüle Patienten in Notfällen nicht nur
Sauerstoff zuführen, sondern auch Atemluft aus der Lunge absaugen. Es gebe schon
Vertriebspartner in mehr als zehn Ländern, sagt van Asseldonk. Auf seiner
zweiten unternehmerischen Spielwiese hat er mit der Gesellschaft Afira eine
Wasserenthärtertechnik entwickelt, die ohne umweltbelastende salzhaltige
Produkte auskommt. Dass er sich auf dieses Terrain gewagt hat, erklärt er so:
"Mein Unternehmerblut begann zu kochen." Bescheiden fügt er hinzu: Ja, es gebe
10 bis 15 Ideen für Neuerungen; aber bei sieben Mitarbeitern und vier
Praktikanten müsse man eigene Grenzen erkennen.

Auf Leute vom Schlage van Asseldonks setzt Edgar van Leest. Er ist für das
strategische Management der Stiftung Brainport zuständig. Unternehmen,
Hochschule und öffentliche Hand haben sie mit dem Ziel gegründet, Forschung und
Innovation im knapp 750 000 Einwohner zählenden Großraum Eindhoven sowie im
gesamten Südosten des Landes zu fördern. "Wir sind die schlaueste Region der
Welt", sagt van Leest augenzwinkernd. Tatsächlich hat sie 2011 die seit 1999 vom
New Yorker "Intelligent Community Forum" vergebene Auszeichnung als "cleverste
Region" erhalten.

Dann rasselt van Leest beeindruckende Zahlen herunter: 4 Prozent der
niederländischen Bevölkerung lebten in und um Eindhoven. Der Raum sorge aber für
8 Prozent der Exporte des Landes, für 21 Prozent der Forscher und sogar für 27
Prozent aller privaten Forschungsinvestitionen. Gelte in der EU das Ziel, dafür
3 Prozent der Wirtschaftsleistung aufzuwenden, so liege der Anteil in und um
Eindhoven bei 9,3 Prozent (davon 7,9 Prozentpunkte aus privater Hand); im
Großraum Stuttgart seien es "nur" 5,3 Prozent.

Brainport passe gut zur EU-Wachstumsstrategie "Europa 2020". "Wir wollen
Wirtschaft und Wohlstand nachhaltig fördern und dabei alte Stärken nutzen",
erläutert van Leest. Unterschiedlichste Neuerungen, vom Videorekorder bis hin zu
den auf Leuchtdioden (LED) beruhenden Sparlampen, stammten aus der Region. Dass
klassische CD in der Mitte eine Öffnung in der Größe eines "Dubbeltje", der
früheren niederländischen 10-Cent-Münze, aufweisen, liege auch an Eindhoven. Mit
zuletzt jährlich 1100 Patenten (42 Prozent aller niederländischen Patente) liege
der Raum Eindhoven deutlich vor Stockholm (851), München (844) und Paris (767).

Ein Großteil der Eindhovener Patente findet ihren Ursprung in dem am südlichen
Stadtrand gelegenen "High Tech Campus". Auf einem Quadratkilometer tummeln sich
115 Betriebe, darunter 38 deutsche, mit mehr als 8000 Mitarbeitern. Seit 1998
diente das Gelände dem in Eindhoven entstandenen Elektronikkonzern Philips als
Herzstück für Forschung und Entwicklung. Obwohl heute rund die Hälfte der
Beschäftigten auf dem Campus auf Philips entfällt, hält sich der Riese im
Hintergrund. Es gelte die Devise: "offene Innovation", sagt Frans Schmetz. "Wer
am Markt erfolgreich sein will, muss mit anderen zusammenarbeiten. Wir benutzen
dafür auch den Begriff der Kreuzbestäubung", erläutert der Geschäftsführer des
Campus, der selbst drei Jahrzehnte lang in Diensten von Philips stand.

Bis 2006 gehörte auch der Halbleiterhersteller NXP zu Philips. Heute erforschen
und entwickeln NXP-Mitarbeiter auf dem Campus neue Anwendungen, nicht zuletzt
mit Hilfe der auf elektromagnetischen Wellen beruhenden RFID-Technik. Zu sehen
ist ein Kühlschrank, dessen Innentemperatur zwischen 2 und 6 Grad Celsius
schwankt. Dabei wird die Temperatur automatisch dann gesenkt, wenn der
Strompreis günstig ist. Mit Hilfe eines Modellautos führt NXP die Pannenhilfe
der Zukunft vor: Bleibt ein Fahrzeug liegen, erfasst ein Bordcomputer die
Ursache und funkt sie weiter. Die Hilfsdienste soll dies in die Lage versetzen,
unverzüglich erforderliche Ersatzteile mitzubringen.

Einige hundert Meter weiter stehen zwei Elektroautos des Typs Nissan Leaf an
einer Ladestation für die Batterien. "Normalerweise dauert der Ladevorgang sechs
bis acht Stunden. Hiermit ist es innerhalb einer Viertelstunde möglich", sagte
Hans Streng. Sein Unternehmen Epyon hat die Technik samt Software entwickelt.
Seit 2011 gehört es zum schweizerischen ABB-Konzern. Glaubt man Streng, dann ist
die weitverbreitete Skepsis gegenüber Elektroautos reichlich unbegründet.

Den High-Tech-Campus hat Philips unlängst für 425 Millionen Euro an private
Investoren verkauft. Aufgabe der Betreibergesellschaft ist es, den hier
ansässigen Unternehmen eine Palette an Dienstleistungen anzubieten. Sie reicht
von der Verwaltung der Gebäude mit den dazugehörigen Parkplätzen und
Konferenzräumen bis hin zur praktischen Beratung der Unternehmen. Bewusst seien
auch Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen zentralisiert worden. "Das
fördert den Kontakt und den Erfahrungsaustausch zwischen den hier arbeitenden
Menschen", sagt der Campus-Geschäftsführer Schmetz. Dies sei auch unbedenklich,
da es um eine dem Wettbewerb am Markt vorgelagerte Zusammenarbeit gehe. "Sie
entwickeln zusammen Technologien, keine Produkte."

Für die Wirtschaft der Niederlande sei Brainport mehr als nur eine Quelle der
Innovation. "Wir leben vom Export. Aber das funktioniert nur, wenn es eine
entsprechende industrielle Basis in den Niederlanden gibt", sagt Schmetz.