Die Veränderungen auf dem Papiermarkt haben Voith viel schneller erreicht
als erwartet. Der Maschinenbaukonzern sieht sich inzwischen aber wieder auf dem
richtigen Weg - und denkt an den Verkauf seines Lokomotivengeschäfts.
hpa. STUTTGART, 12. Dezember. Die drastischen Veränderungen auf dem Markt für
Papiermaschinen werden dem Heidenheimer Anlagenbauer Voith GmbH noch längere
Zeit zu schaffen machen, aber mit dem inzwischen eingeleiteten Konzernumbau
sieht sich die Geschäftsführung auf dem richtigen Weg. Bestellungen für große
Maschinen für hochwertige grafische Papiere gebe es international praktisch
keine mehr, und auch in Zukunft werde allenfalls noch "die eine oder andere
Maschine dieser Art bestellt", sagte Hubert Lienhard, der Vorsitzende der
Geschäftsführung, auf der Jahrespressekonferenz des Familienkonzerns. Dafür
wachse der Bedarf an kleineren Maschinen für Verpackungs- oder Hygienepapier in
Wachstumsländern wie China und Brasilien.
Voith hatte daher im Mai dieses Jahres angekündigt, in mehreren Standorten knapp
1000 Stellen zu streichen (davon 670 in Deutschland und Österreich) und im
Gegenzug die Kapazität im chinesischen Kunshan zu verdoppeln. Eine
Papiermaschine speziell für den chinesischen Markt sei schon entwickelt worden,
sagte Lienhard. Für die Restrukturierung und den Stellenabbau seien 95 Millionen
Euro an Rückstellungen gebildet worden, die maßgeblich für den Rückgang des
Jahresüberschusses um mehr als 40 Prozent auf 114 Millionen Euro im abgelaufenen
Geschäftsjahr 2011/12 (30. September) ursächlich waren, erläuterte
Finanz-Geschäftsführer Hermann Jung.
Ziel sei weiterhin, diese Umstrukturierung ohne betriebsbedingte Kündigung
durchzuführen, betonte Lienhard. In Heidenheim und Ravensburg verbleiben demnach
in der Papiersparte von Voith noch Forschungsaufgaben und Teile-Produktion.
Pläne für einen weiteren Umbau der Sparte gebe es nicht. "Papier wird auch
weiterhin eine entscheidende Säule des Voith-Konzerns bleiben", sagte der
Konzernchef. Die Geschäftsführung habe auch nicht zu spät auf die
Marktveränderungen reagiert. Vor einem Jahr sei die Auftragspipeline der großen
Maschinen zumindest mit Absichtserklärungen noch bis Ende 2013 gefüllt gewesen.
Doch die Wirtschaftskrise in Europa und eine zyklische Abschwächung in China
hätten die Ausgangslage drastisch verändert, viele Projekte wurden auf Eis
gelegt. "Wir hatten vor, die Konzernveränderungen 2014 durchzuführen, der Markt
hat sich aber schneller verändert, als wir dachten", räumte Lienhard ein.
Insgesamt habe sich der Konzern mit seinen mehr als 42 000 Beschäftigten im
abgelaufenen Geschäftsjahr trotz des Rückgangs der Ergebnisse gut geschlagen,
betonte die Geschäftsführung. "Wir haben stabile Zahlen in einem
herausfordernden Umfeld erreicht und den Umsatz auf den neuen Rekordwert von 5,7
Milliarden Euro gesteigert", sagte Lienhard. Für das laufende Geschäftsjahr
erwarte er "eine stabile Geschäftsentwicklung mit leicht wachsendem Umsatz und
einem signifikant besseren Jahresüberschuss."
Eine Veränderung strebt Voith auch im Geschäftsfeld Lokomotiven an, mit deren
Produktion der Konzern in einem neu errichteten Werk in Kiel erst vor sieben
Jahren begonnen hatte. Ohne Zahlen zu nennen, deutete Lienhard an, dass bislang
spürbare Verluste mit dem Bau von Rangierlokomotiven gemacht wurden. Nun prüfe
Voith, ob es einen Käufer für das Werk geben könnte, und will demnächst
entsprechendes Material an Interessenten verschicken. "Ein neuer Investor, der
dieses Geschäft als Kerngeschäft versteht, wäre sicher am besten für den
Standort", sagte er. Voith wolle sich dagegen noch stärker auf Zulieferungen für
die Bahnindustrie konzentrieren, wo der Konzern schon lange einer der
wichtigsten Hersteller für Getriebe oder Zugkupplungen ist. Insbesondere der
wachsende Bedarf an Metro- und Nahverkehrslinien in vielen neuen
Millionenstädten eröffne Chancen, sagte Lienhard.
Auch im Wasserkraftgeschäft fühlt sich der schwäbische Konzern gut aufgestellt -
zum Beispiel mit seinen Turbinen. Die Energiewende und der Ausbau der Windkraft
könnten nur funktionieren, wenn Pumpspeicherwerke erneuert und auch hierzulande
neue Speicher gebaut werden, sagte Lienhard. "Das ist die einzige verlässliche
Speichertechnologie, die schon auf dem Markt ist." Voith sieht aber auch großes
Potential für eine neu entwickelte Kleinturbine, die in bestehende Flussdämme
und Wehre eingebaut werden kann. (Kommentar Seite 18.)