MARKT & STRATEGIE
Der Branchenprimus untermauert seinen Führungsanspruch in der IT-Industrie,
findet neue Freunde und macht alte Partner zu Kontrahenten.
Von Stephan Finsterbusch
FRANKFURT, 12. Juni Apple hat einen neuen Freund: Facebook. Während die
Zusammenarbeit mit dem alten Partner Google nach den Produktpräsentationen auf
der Entwicklungskonferenz am Montag in San Francisco auf einem neuen Tiefpunkt
ankam, darf sich das gerade mit viel Tamtam und einigen Enttäuschungen an die
Börse gegangene soziale Netzwerk tief in die Funktionalität der Betriebssysteme
von Apple integrieren. In Verbindung mit Apples Siri-Software zur
Spracherkennung hört Facebook künftig aufs Wort.
Einerseits sollen durch die neue Allianz die Anwenderprogramme aus dem
Apple-App-Store leicht über die Internetseite von Facebook abrufbar sein.
Andererseits können über Facebook verwaltete Adressbücher, Kontakte und Termine
über die Apple-Geräte-Palette hinwegsynchronisiert werden. An der Zusammenarbeit
sollen die Manager beider Unternehmen ein Jahr gearbeitet haben. Nun loben sie
sich selbst. Der Vorstand des sozialen Netzwerks erklärte: "Das sind großartige
Nachrichten für Facebook-Nutzer." Apple sieht sich abermals als Schrittmacher
der Entwicklung.
Zwar hatte der Vorstandsvorsitzende Tim Cook auf der Hausmesse zum Wochenauftakt
nicht die von vielen Analysten erwarteten Überraschungen rund um den seit Jahren
in der Entwicklung befindlichen Apple-Fernseher vorgestellt. Doch mit einer
Reihe neuer Computermodelle und Softwareprogramme sandte er auf der großen Bühne
ein klares Signal an den einstigen Verbündeten und nun rasch wachsenden
Konkurrenten Google: Die Zeiten der engen Zusammenarbeit sind vorbei. Aus
Freunden wurden Erzrivalen. "Apple sucht und beschreitet neue Wege, die nichts
mehr mit Google zu tun haben", sagte Benedict Evans von Enders Analysis. "Mit
Maps greift es Google vielmehr frontal in einem seiner Kernprodukte an, um es
dort dann auch zu schlagen."
So solle im Herbst eine hauseigene Software für Navigationsdienstleistungen auf
den Markt kommen. Colin Gillis, Analyst von BGC Partners, sagte, Apple könne es
sich nicht mehr leisten, auf Produkte eines Konkurrenten angewiesen zu sein.
Hätte doch Google irgendwann keine Karten mehr zur Verfügung stellen können, und
die Apple-Nutzer stünden dann auf verlorenen Posten. So beschritt der Vorstand
um Cook neue Pfade. Er unterzeichnete neben der Allianz mit Facebook eine
Vereinbarung mit der niederländischen Tomtom-Gruppe über Karten- und
Informationsdienstleistungen. Das ließ am Tag danach den Kurs der Aktie von
Tomtom vorübergehend 14 Prozent ansteigen. "Das Geschäft mit Apple gibt Tomtom
Aufschwung wegen der riesigen Zahl an Bestandskunden von Apple-Produkten und
wegen der Marke und allem, wofür sie steht: Innovation, einfache Nutzung und
Qualität", sagte Martijn den Drijver, Analyst von SNS-Securities. Bislang hatte
Apple hier ganz auf Google gesetzt.
Der im vergangenen Jahr verstorbene Gründer und einstige Vorstandschef Steve
Jobs hatte im Mai 2007 gesagt: "Google Maps ist eine wundervolle Sache." Es
treffe die Wünsche der Nutzer, laufe zuverlässig und sei leicht zu bedienen.
"Warum sollten wir so was selber entwickeln, wenn es schon da ist." Es war nicht
wirklich eine Frage. Im Juni des gleichen Jahres kam das Modell des
internetfähigen Mobiltelefons iPhone auf den Markt. Im April 2010 stellte Apple
die ersten Tabletcomputer seiner Hausmarke iPad in die Regale. Das iPhone
revolutionierte den Handymarkt, das iPad den Computermarkt. Das Internet wurde
mobil.
Google Maps gab vielen iPhone-Nutzern die Richtung vor. Facebook wurde mit
seinem Geschäftsmodell, Hunderte Millionen Computernutzer über das Internet
miteinander kommunizieren zu lassen und sie dabei hin und wieder mit Werbung zu
berieseln, das, was Apple in den frühen achtziger Jahren mit seinen Computern
und Google Ende der neunziger mit seiner Internet-Suchmaschine wurde: Der neue
Star der IT-Branche. Damit er sich nach dem verpatzten Börsendebüt nicht als
Sternschnuppe herausstellt, rückt der Facebook-Vorstand um Mark Zuckerberg enger
an die alten Trendsetter heran. Erste Schritte machte er bereits vor zwei
Jahren.
Apple stand da schon ganz oben auf seiner Liste. Doch da saß der einstige
Vorstandsvorsitzende von Google, Eric Schmidt, schon nicht mehr im
Verwaltungsrat von Apple. Im August 2009 hatte er sich nach drei Jahren aus dem
Gremium verabschiedet. Grund: "Da Google mit Produkten wie Chrome OS und Android
mehr und mehr in Geschäftsbereiche vordringt, die zum Kerngeschäft von Apple
gehören, ist Erics Effektivität im Board entscheidend eingeschränkt." Mit
anderen Worten: Schmidt muss gehen, und er ging.
Seitdem liefern sich beide Häuser im Geschäft mit Betriebssystemen sowie im
schnell wachsenden Markt für Cloudcomputing einen harten Wettbewerb. Google
beliefert Hersteller flacher Tabletcomputer wie Samsung, Acer oder Asus mit
seinem Betriebssystem Android; Apple setzt auf seine hausgemachte
Grundlagensoftware iOS. Google dringt mehr und mehr in den Markt für
Anwendungsprogramme vor; Apple hat hier eine Schar eigener freier Entwickler,
eine Bibliothek mit mittlerweile mehr als 650 000 verschiedenen App-Programmen
und eine Kundschaft von 400 Millionen Nutzern in aller Welt. Vernetzung pur.
Auf der Entwicklerkonferenz am Montagabend verglich Scott Forstall, Apples Chef
für das iOS-Betriebssystem für mobile Geräte, ein ums andere Mal die Programme
seines Hauses mit der Android-Software von Google. Über die auch als
Vorstandsassistent vorgestellte Spracherkennungssoftware Siri ließ die
Führungsriege von Apple mit Bezug auf verschiedene Versionen von Android die
Frage in den Saal werfen: "Hey, hat einer von euch Burschen schon mal mit Ice
Cream Sandwich oder Jelly Bean gearbeitet? Wer hat sich eigentlich diese
Codenamen ausgedacht: Ben und Jerry?" Der Saal lachte. Dann packte Apple aus,
legte sein Navigationsprogramm auf den Tisch und rief Facebook als neuen Freund
aus. (Kommentar, Seite 16.)