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Google marschiert ins Hardwaregeschäft

29.06.2012



Der Internetkonzern greift Apple und Amazon mit dem Tabletcomputer "Nexus
7" an. Damit vollzieht Google einen ähnlichen Strategieschwenk wie kürzlich der
Software-Anbieter Microsoft.
lid. NEW YORK, 28. Juni. Der Internetkonzern Google wagt sich immer weiter aus
seinem klassischen Geschäft mit Online-Diensten heraus: Auf einer Konferenz in
San Francisco startete Google in der Nacht zum Donnerstag seine bislang größte
Offensive im Hardwaresegment und stellte gleich mehrere elektronische Geräte
vor. Kernstück ist der erste Tabletcomputer, den Google selbst entwickelt hat
und nun in Eigenregie vermarkten will. Das Gerät mit dem Namen "Nexus 7" wird es
vorläufig noch nicht in Deutschland geben. Es kommt Mitte Juli in den
Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien und Australien auf den Markt. Andere
Länder sollen folgen, ein Zeitplan dafür wurde aber nicht genannt.

Mit dem Nexus 7 greift Google in erster Linie Apple und Amazon an, und zwar auf
mehrfache Weise. Das Gerät soll ein Rivale für das iPad von Apple werden, das
den Tabletmarkt bislang dominiert, und auch für den Kindle Fire von Amazon,
einen der wenigen Herausforderer, der bislang Punkte im Wettbewerb mit dem iPad
machen konnte. Jenseits der eigentlichen Hardware geht es Google aber auch um
den Vertrieb digitaler Inhalte wie Musik, Filme, Applikationen ("Apps") und
Spiele. Google hofft, mit dem Nexus 7 seiner eigenen Online-Plattform Google
Play einen Schub zu geben, die heute im Vergleich zum marktführenden Rivalen
iTunes von Apple noch keine bedeutende Rolle spielt.

Für Google geht es aber auch darum, sein angestammtes Revier mit Online-Diensten
zu verteidigen, in das wiederum Rivalen wie Apple verstärkt eindringen. So
kündigte Apple kürzlich an, bei der nächsten Generation seines Betriebssystems
für internetfähige Mobiltelefone und Tablets einen eigenen Kartendienst als
Standardeinstellung einzurichten und nicht mehr denjenigen von Google.

Das Nexus-7-Tablet ist dem ebenfalls in Deutschland bisher nicht verkauften
Kindle Fire um einiges näher als dem iPad. Die Geräte von Google und Amazon
haben beide einen Sieben-Zoll-Bildschirm und einen Startpreis von 199 Dollar.
Nach Auffassung von Analysten dürfte die Hardware an sich damit für beide
Unternehmen nicht sonderlich profitabel sein, wenn sie nicht sogar
Verlustgeschäfte sind. Das Kalkül besteht offensichtlich eher darin, mit dem
Gerät andere Einnahmequellen zu erschließen, etwa mit Vertrieb digitaler Inhalte
oder mit Werbung. Für Apple dürfte das iPad dagegen sehr profitabel sein: Das
Gerät kostet in der billigsten Version in Amerika 499 Dollar. Das iPad ist mit
seinem 9,7-Zoll-Bildschirm auch deutlich größer als die beiden Produkte der
Wettbewerber.

Mit dem neuen Google-Gerät nimmt die Konkurrenz auf dem Tabletmarkt deutlich zu:
Erst vor gut einer Woche hat der Softwarekonzern Microsoft sein erstes eigenes
Tablet mit dem Namen "Surface" vorgestellt, das mit seinen Dimensionen deutlich
näher am iPad liegt. Einen Preis für das Gerät, das wohl im Herbst auf den Markt
kommen wird, hat Microsoft bislang nicht genannt. Ebenso wie für Google kommt
auch für Microsoft ein eigenes Tablet einem Strategieschwenk gleich. Denn
traditionell liefert Microsoft für Computer die Software und überlässt die
Hardware Partnern wie Hewlett-Packard oder Dell. Auch Google war mit seinem
Betriebssystem Android für Smartphones und Tablets bisher in erster Linie
Softwarelieferant, die Geräte kommen von Herstellern wie Samsung oder HTC.
Sowohl für Microsoft als auch für Google besteht daher nun die Gefahr, das
Verhältnis zu ihren Hardwarepartnern zu belasten.

Google stellt allerdings auch das Nexus 7 nicht ganz alleine her. Das Gerät wird
vom taiwanischen Hersteller Asus gefertigt, dessen Name auch auf der Rückseite
steht. Vermarkten wird Google das Tablet indessen komplett selbst über Google
Play. Einen ähnlichen Weg ging das Unternehmen schon einmal im
Smartphone-Geschäft: 2010 verkaufte Google über seine Internetplattform ein
Handy mit dem Namen "Nexus One", das von HTC aus Taiwan gefertigt wurde. Nach
kurzer Zeit gab Google den Vertrieb des Geräts in Eigenregie aber wieder auf.

Asus lag als Partner für das neue Gerät nicht unbedingt nahe, weil Google seit
kurzem selbst einen Hardwarehersteller unter seinem Dach hat: Vor wenigen Wochen
vollzog das Unternehmen den Kauf von Motorola Mobility. Motorola ist vor allem
für Handys bekannt, macht aber auch Tablets. Google hat in der Vergangenheit
wiederholt darauf hingewiesen, durch die Motorola-Akquisition solle sich an der
Zusammenarbeit mit den bisherigen Partnern nichts ändern.

Google zeigte bei der Konferenz noch eine andere Neuheit, die ein
Konkurrenzprodukt zum digitalen Fernsehempfänger "Apple TV" werden könnte: Es
ist ein kugelförmiges Gerät mit dem Namen "Nexus Q", das es Nutzern von
Android-Telefonen und -Tablets erlaubt, ihre Musik und Videos über das Internet
auf Fernsehgeräten und Musikanlagen abspielen zu lassen. Mit diesem Produkt
verfolgt Google alles andere als eine Billigstrategie: Es soll 299 Dollar
kosten, während Apple TV für 99 Dollar zu haben ist. Google lässt das Gerät
außerdem in Amerika fertigen - ein ungewöhnlicher Schritt in einer Zeit, in der
die meisten elektronischen Produkte in Asien zusammengebaut werden.

Am Ende der Veranstaltung in San Francisco überraschte Google noch mit einem
Knalleffekt und demonstrierte seine internetfähige Brille "Project Glass", über
die das Unternehmen vor wenigen Monaten erstmals gesprochen hat. Dazu ließ
Google eine Gruppe von Fallschirmspringern, die die Brillen trugen, aus einem
Zeppelin abspringen. Das Publikum konnte den Sprung aus der Perspektive der
Sportler live mitverfolgen. Google will Prototypen der Brillen im kommenden Jahr
für jeweils 1500 Dollar an Softwareentwickler abgeben. 2014 soll es sie für die
Allgemeinheit zu kaufen geben.