Microsoft blockiert eine unliebsame Spendenseite
Nein, "fsf.org" ist keine Glücksspielseite, sondern die Netzrepräsentanz
der ehrwürdigen Free Software Foundation, einer vor mehr als fünfundzwanzig
Jahren gegründeten gemeinnützigen Organisation, die sich der Unterstützung
freier, also nicht kommerziell entwickelter Software verschrieben hat. Und die
auf Spendengelder angewiesen ist.
Nutzt man beim Surfen im Netz jedoch ein spezielles Programm des kommerziellen
Softwarekonzerns Microsoft, ist die Spendenseite "donate.fsf.org" nicht zu
erreichen: "Forefront Threat Management Gateway" soll Unternehmensnetzwerke, mit
den Worten Microsofts, "vor zahlreichen internetbasierten Bedrohungen" schützen.
Und verweigert den Zugriff auf die genannte Spendenseite, mit Fehlermeldung 403
und dem Hinweis, es handele sich dabei um eine Glücksspielseite.
Was ist das? Ein Witz? Ein bedauerliches Missverständnis? Ein technischer
Fehler? Oder doch das, wofür manche Aktivisten es halten, die im Internet gegen
die Vorherrschaft der Softwaregiganten und für die Verbreitung freier Software
eintreten: ein Akt der Zensur?
Er käme zu passender Zeit, schließlich führt die Free Software Foundation gerade
eine Kampagne gegen Microsoft - gegen die Vorgabe, dass Computerhersteller nur
dann ihre Produkte damit bewerben dürfen, kompatibel mit dem kommenden
Betriebssystem Windows 8 zu sein, wenn sie eine sogenannte "Secure
Boot"-Funktion vorinstallieren, die den Computer daran hindert, während des
Hochfahrens unautorisierte Programme zu laden. Andere Betriebssysteme müssten
damit nicht nur ebenfalls einmalig autorisiert werden, sondern bei jedem
einzelnen Update. Und die sind, jeder Firefox-Nutzer weiß das, bei freier
Software nicht unbedingt selten. Es wird den Nutzern also nach Kräften
verleidet, etwas anderes als Windows zu nutzen. Auch gegen Windows 7 hatte die
Free Software Foundation Front gemacht. Die Vorwürfe hier: Windows schränke die
Rechte der Nutzer ein, missachte ihre Privatsphäre, mache sie regelrecht
abhängig von den eigenen Produkten und deren Updates.
John Sullivan, Geschäftsführer der Stiftung, will dem Konzern vorerst keine
Böswilligkeit unterstellen, wartet lieber auf eine Stellungnahme Microsofts und
belässt es einstweilen bei dem Hinweis, dass eine Software, die nicht zwischen
einer Glücksspiel- und einer gemeinnützigen Stiftungsseite unterscheiden könne,
jedem, der sie einsetze, womöglich mehr schade als nütze.
Für die Nutzer tritt mit diesem Zwischenfall eine weitere Einschränkung der
eigenen Bewegungen im Netz in den Fokus: Zu den umstrittenen staatlichen
Netzsperren und den Grenzen, die von und über Suchmaschinen gesetzt werden
können, kommt über die Sicherheitsdienstleister eine weitere Option. Über den
Browser, über umfangreiche Schutz-Services spezialisierter Softwarefirmen oder
eben über die Voreinstellungen von Netzwerken.
Bewegen auch wir uns letztlich im Netz wie unsere Kinder, denen spezielle
Programme Zugang tunlichst nur zu einem unbedenklichen Ausschnitt des Internets
gewähren? Was erfahren wir über diese heimlichen Bedenkenträger und ihre
eigentümliche Balance zwischen Schutz und Bevormundung, wie können wir uns davor
schützen, wie notfalls dagegen angehen?
Wenige Tage nach dem Tod des Schriftstellers Ray Bradbury machte jüngst der
Vorschlag im Internet die Runde, im Gedenken an den visionären Autor und seinen
berühmtesten Roman, in dem eigenständiges Denken verfolgt wird und der Besitz
von Büchern unter Strafe steht, einen neuen HTTP-Code für Internetseiten
einzuführen, die der Zensur zum Opfer gefallen sind und deshalb nicht angezeigt
werden dürfen: Error 451.
FRIDTJOF KÜCHEMANN