Längst sitzen Hacker im Parlament und in Talkshows. Für manche heißt das, jetzt erst recht ihr Biotop zu verteidigen. Ein Besuch in der Berliner Hackerhöhle c-base
Ich bin ein Außerirdischer, gestrandet in einem Raumschiff und auf der
Suche nach Kaffeemaschinen, die Toasts zubereiten können. Das habe ich bei Wau
Holland gefunden, einer der Leitfiguren des Chaos Computer Clubs (CCC), der
einst gesagt hat: "Ein Hacker ist jemand, der versucht, einen Weg zu finden, wie
man mit einer Kaffeemaschine Toasts zubereiten kann." Vielleicht finden sich
jene Maschinen im Berliner Hackerspace namens c-base - einer Art Fuchsbau der
Computerfreaks.
In den Clubräumen des gemeinnützigen Vereins trifft sich seit Jahren die
Berliner Hackerszene. Hier gründeten sich einst die deutschen Piraten, hier
wurde die erste Multitouch-Console produziert, ein Jahr bevor es überhaupt das
iPhone gab. Eine Art digitaler Underground geht in der c-base ein und aus, die
Aktivisten des Freifunks, einer Initiative mit dem Ziel, selbstverwaltete und
offene W-Lan-Netze zu bauen, oder der Berliner Stammtisch der
Wikipedia-Enzyklopädie. Das subkulturelle Ambiente, das das Haus an der Spree
vermittelt, vor allem im Mitgliederbereich im Keller, wirkt dabei zunehmend
anachronistisch. Denn das Klischee des würmerproduzierenden Eigenbrötlers mit
Pizzaresten im Bart hat die Figur des Hackers längst hinter sich gelassen.
Spätestens seit Julian Assange gelten Hacker wahlweise als Computerfreaks, die
ein Bewusstsein für Sicherheitslücken schaffen, immer wieder politische Diskurse
befeuern oder in Arbeitsgruppen des Bundestages netzpolitische Probleme lösen.
Oder, andererseits, als kriminelle Heimarbeiter, wie die Gruppe junger
Amerikaner, die kürzlich vom FBI festgenommen wurde, weil sie Kreditkartenbetrug
im großen Stil geplant hatte. Wer sind also die Hacker in der c-base?
Aliens willkommen Vor den Vereinsräumen an der Spree ist alles sehr gewöhnlich:
Auf einer Terrasse stehen Bierbänke, Tische und Strandstühle. Vier Männer sitzen
in der Sonne. Auf dem Tisch Laptops, beklebt mit skurrilen Aufklebern:
Hello-Kitty-Kätzchen in Antifa-Montur, bunte Science-Fiction-Bildchen und
merkwürdige Zahlen-Codes. Daneben lauter Club-Mate-Flaschen. Die uringelbe
Brause gilt seit Jahren als das Hackergetränk, weil übermäßig dosiertes Koffein
hilft, tagelang wach zu bleiben. Die Hacker verraten statt ihrer Namen nur ihre
Nicks. Sie sprechen im Community-Slang. Als Nicht-Mitglied werde ich deswegen
hier von einigen nur mit "Alien" angesprochen. Außerirdische sind der
Vereinssatzung nach willkommene Wesen, sie dürfen meist kostenlos an Vorträgen
teilnehmen, mit ihrem Computer im Dunstkreis der Member verkehren oder an den
Spielautomaten zocken. "Hackerspaces sind wie die Kaffeehäuser in der
Renaissance, gemischt mit Hippie-Kommunen und Bildungseinrichtungen der
Zukunft", erklärt mir einer der Computernerds.
Im großen Saal des Clubraumes ist es dunkel, den dreckigen Bodenbelag pflastern
Asche und Zigarettenstummel. Ein Ambiente zwischen vergammeltem Wohnzimmer und
alter Science-Fiction-Kulisse. Grund für die Wahl des kuriosen Mobiliars ist der
fiktive Gründungsmythos. Demnach stürzte vor 4,5 Milliarden Jahren ein
Raumschiff namens c-base über Berlin ab, dessen Trümmer seitdem unter dem
Stadtzentrum begraben liegen. Die Antenne des Raumschiffs ragt heute noch in
Gestalt des Berliner Fernsehturms aus dem Boden. Der Turm allerdings ist ein
Tarnmantel, errichtet zu DDR-Zeiten, damit die Amerikaner sich nicht der
außerirdischen Technologie bemächtigen. Einzige Ausgrabungsstätte jener
Raumstation ist das Vereinshaus an der Spree.
Mit einer Mate aus dem nach "Star Trek"-Vorbild "Replikator" genannten Automaten
bewaffnet, suche ich das Gespräch mit den Hackern. Wozu sind die alten
Schaltbretter und Messgeräte an den Wänden da? Im Fachjargon nennt man das
"nerdporn", erklärt mir mein erster Gesprächspartner freundlich. Unter
"nerdporn" verstehen Hacker belanglose, aber intelligente Spielereien. Das
Messgerät ist eine Art Karma-Anzeige, die aus dem Chat generiert wird: Benutzen
viele Member im Messenger ein Minuszeichen, sinkt die Karma-Zahl und die
Mitglieder wissen, dass die Stimmung "auf Deck" schlecht ist.
Ein lebensgroßes Spielzeugmodell im Eingangsbereich erinnert an eine
Raumschiffschleuse und leuchtet abwechselnd in Blau-, Grün- und Rottönen.
Überall stehen Alienfiguren aus Pappmaché. Hinter der Bar dann ein Seminarraum,
in dem es gerade um Penisse geht, genauer genommen um beschnittene Penisse. Ein
junger Biologe resümiert auf Englisch einen Aufsatz von Christopher G. Wilson
über männliche Beschneidungen und die damit angeblich einhergehenden
Beeinträchtigungen der Fortpflanzung. Die Zuhörer, ebenfalls Wissenschaftler,
treffen sich wöchentlich zum sogenannten "Journal Club", um über aktuelle
Studien und Essays zu debattieren.
Der Vortrag will nicht enden. Über Hacker sagt er naturgemäß wenig. Also weiter
suchen. Die c-base hat immerhin mehr als 400 Mitglieder. Auf einer der Bierbänke
vor der c-base sitzt ein jüngerer Mann, der an seiner Semesteraufgabe arbeiten
will. Freundlich versucht er zu erklären, was er da tut. Ein anderer Hacker
mischt sich mit Worten in das Gespräch, die ich noch nie zuvor gehört habe -
wieder irgendetwas, das mit Programmieren zu tun hat. "Hör auf zu trollen", sagt
der Langhaarige, was im Netzjargon das Stören einer Kommunikation bedeutet. Die
beiden Hacker machen dann unverständliche Witze über Programmsysteme und feixen
dabei merkwürdig.