Die juristische Niederlage gegen Apple hat die Samsung-Führung geschockt:
"Das ist absolut das schlimmste Szenario für uns." Am Ende könnte der Konzern
aus Südkorea davon aber sogar profitieren.
cag. TOKIO, 26. August. Mit einem Erfolg ausgerechnet vor einem Gericht im
Herzen des amerikanischen Silicon Valley haben die Manager des südkoreanischen
Elektronikkonzerns Samsung nie ernsthaft gerechnet. Das harte Urteil des
Gerichts in Kalifornien, das Samsung wegen Patentverletzungen zu
Schadensersatzzahlungen von 1,05 Milliarden Dollar (838 Millionen Euro) an Apple
verpflichtete, hat das Unternehmen dann aber doch überrascht. "Das ist absolut
das schlimmste Szenario für uns", sagte ein Samsung-Vorstand knapp, als er am
Sonntag zu einer Krisensitzung in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul eintraf.
Geleitet wurde die kurzfristig einberufene Krisensitzung von Choi Gee-sung, dem
einstigen Samsung-Vorstandschef, der jetzt für die Unternehmensstrategie des
Unternehmens verantwortlich ist. Schon dieses Treffen der Samsung-Spitze an
einem Sonntag zeigt, wie sehr der südkoreanische Konzern von dem Urteil
getroffen worden ist.
Entsprechend verschnupft fielen die offiziellen Stellungnahmen aus. "Das heutige
Urteil sollte nicht als ein Sieg für Apple, sondern als Niederlage für den
amerikanischen Verbraucher betrachtet werden", teilte Samsung in einer ersten
Stellungnahme trotzig mit. Der Spruch der amerikanischen Richter werde zu
weniger Auswahl, weniger Innovationen und möglicherweise zu höheren Preisen
führen. Es sei "bedauerlich, dass das Patentrecht so manipuliert werden kann,
dass ein Unternehmen ein Monopol über Rechtecke mit abgerundeten Ecken bekommt",
fügte Samsung dann noch hinzu. Gleichzeitig gab sich das Unternehmen, das mit
Abstand Weltmarktführer im Bereich von Smartphones - vor Apple - ist,
kämpferisch. Samsung wird das Urteil der amerikanischen Jury anfechten. "Dies
ist nicht das letzte Wort in diesem Fall oder Auseinandersetzungen, die vor
Gerichten und Tribunalen weltweit ausgefochten werden", erklärte der Konzern.
Samsung, hieß es in Seoul, sei bereit, den Konflikt notfalls bis zum Obersten
Gerichtshof zu tragen. Die Südkoreaner sehen in dem Urteil nicht mehr und nicht
weniger als amerikanischen Protektionismus.
Samsung hat Apple schon vor einiger Zeit vom ersten Platz im wachsenden Markt
für Smartphones verdrängt. Der südkoreanische Elektronikkonzern hat dank des
andauernden Smartphone-Booms im zweiten Quartal 2012 zudem abermals ein
Rekordergebnis eingefahren. Im Jahresvergleich stieg der Nettogewinn um 48
Prozent auf 5,2 Billionen Won (3,7 Milliarden Euro). Damit brach Samsung seine
bisherigen Rekorde bei Umsatz und Gewinn. Samsung hat noch nie in einem
Vierteljahr so viel verdient wie im abgelaufenen Quartal. Diese Kennzahlen
zeigen auch, dass das Urteil der kalifornischen Richter für Samsung schmerzhaft,
aber auch verkraftbar ist. "Die Auswirkungen auf Samsung werden sehr begrenzt
sein", erklärten daher viele Analysten in Seoul.
Der Konzern profitierte bei Umsatz und Gewinn wie schon in den vergangenen
Quartalen vor allem von der bleibend starken Nachfrage nach Smartphones der
Galaxy-Reihe. Die Verkäufe des neuen Modells Galaxy S III seien sehr stark,
sagte der Vizepräsident des Mobiltelefongeschäfts, Kim Hyunjoon, in Seoul nach
der Vorstellung der Quartalszahlen. Er rechne damit, dass auch dieses Smartphone
ein großer Erfolg werde, was im kommenden Quartal wieder zu einem sehr guten
Ergebnis führen werde. Samsung werde alles tun, fügte er hinzu, um die
Möglichkeiten des Smartphonemarktes auszuschöpfen. Das Unternehmen hat seine
Verkäufe im vergangenen Quartal auf 50,5 bis fast 52 Millionen Smartphones - die
Zahlen der Analysten variieren leicht - fast verdoppelt. Das hat noch kein
anderer Anbieter geschafft. Samsung ist damit mit einem Marktanteil von 34,6
Prozent unbestritten Marktführer, der amerikanische Wettbewerber Apple liegt mit
rund 26 Millionen verkauften iPhones und einem Marktanteil von 17,8 Prozent
mittlerweile weit abgeschlagen auf Rang 2. Smartphones und einfache
Mobiltelefone zusammengerechnet, hat Samsung in den vergangenen drei Monaten 93
Millionen Geräte verkauft. Auch das erreicht kein anderer Anbieter auf der Welt.
Diese Sonderstellung wird auch durch das Urteil nicht ernsthaft gefährdet. Zwar
schadet es dem Image Samsungs, jetzt als Unternehmen gebrandmarkt worden zu
sein, das seine Wettbewerber dreist kopiert. Doch in Asien ist Samsung
mittlerweile eine bekanntere Marke als Apple. Selbst ein mögliches
Verkaufsverbot würde den Höhenflug des südkoreanischen Konzerns nach Ansicht von
Marktbeobachtern nicht ernsthaft gefährden. Das Unternehmen ist bekannt dafür,
schnell zu reagieren und dürfte im Falle eines Verbots schnell leicht
veränderte, angepasste Produkte auf den Markt bringen. In früheren
Patentstreitigkeiten hatte Samsung neue Produkte schon fertig entwickelt, bevor
die Gerichtsverfahren abgeschlossen waren.
Der Analyst Chang-Won Chung von der japanischen Investmentbank Nomura
kommentierte das Urteil sogar so, dass es Samsung am Ende stärken könnte. Mit
allen Berufungen werde das Verfahren noch Jahre dauern, sagte er. Nach Chungs
Szenario könnten sich Samsung und Apple, die sich jetzt auf der ganzen Welt vor
den Gerichten streiten, am Ende gegenseitig Lizenzen gewähren. So würden sie
gemeinsam eine Patentmauer um ihren Teil des Smartphonemarkts aufbauen -
immerhin ein Markt mit einem Umsatz von derzeit mehr als 200 Milliarden Dollar
im Jahr. Für alle anderen Wettbewerber wäre das eine ernsthafte Bedrohung.
Kleinere Wettbewerber würden angesichts des Preiskampfs vom Markt verdrängt
werden, wenn Apple ähnliche Klagen gegen andere Hersteller von
Android-Mobiltelefonen anstrebte. Wie in Seoul am Sonntag zu hören war, ist die
Stimmung bei Samsung am Ende der Krisensitzung deswegen auch nicht mehr so
gedrückt gewesen wie zu ihrem Beginn.