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Computer Nachdem amerikanische Anbieter den Markt über Jahre geprägt haben, rücken Hersteller aus China immer mehr ins Rampenlicht

Eine neue Hackordnung droht

05.10.2012



Lenovo wird sich bis Jahresende wohl zum größten PC-Hersteller der Welt
aufschwingen. Damit verdrängen die Chinesen erstmals die Amerikaner von der
Spitze.
Von Stephan Finsterbusch
FRANKFURT, 4. Oktober Yang Yuanqing war sich seiner Sache ganz sicher. Er hatte
ein großes Ziel, eine gute Mannschaft und dazu noch Geld in der Hinterhand. Die
Computerbranche ging gerade durch eine schwere Krise, und der
Vorstandsvorsitzende des chinesischen Herstellers Lenovo zeigte sich überzeugt,
dass sein Unternehmen nicht nur gestärkt aus dem damaligen Branchentief
herauskommen werde, es werde auch die Gunst der Stunde nutzen, um zum stärksten
Computerunternehmen der Welt aufzusteigen.

Yang saß damals in einem kahlen Besprechungszimmer eines feinen Wiener Hotels.
Er nippte zwischen den Antworten immer mal wieder an einer Tasse Kaffee, und am
Ende eines einstündigen Interviews mit dieser Zeitung erklärte er dann: "Der
Stärkste wird früher oder später auch der Größte sein." Das war vor zweieinhalb
Jahren. Die Konkurrenz horchte auf und wiegelte ab. Was konnte sie auch anderes
tun?

Der damalige Vorstandsvorsitzende DES BranchenführerS Hewlett-Packard (HP)
bezeichnete die Führungsposition seines Unternehmens als ungefährdet. Michael
Dell vom gleichnamigen texanischen Computerhersteller gab den chinesischen
Plänen nach eigenen Worten "keine Chance". Die Wettbewerber aus Taiwan waren da
schon vorsichtiger. Der starke Mann von Asustek, Johnny Shin, sagte: Lenovo sei
nicht zu unterschätzen. Gianfranco Lanci, der einstige Vorstandsvorsitzende von
Acer, meinte gar: "Die könnten es schaffen." Heute arbeitet der italienische
Manager in den Diensten von Lenovo. Lanci hatte nach einem heftigen Streit mit
der taiwanischen Acer-Gründerfamilie über die weitere Ausrichtung des
Unternehmens rechtzeitig die Fronten gewechselt.

Denn Lenovo ist gerade dabei, Hewlett-Packard von der Spitzenposition der
Branche zu verdrängen, die die Amerikaner nun seit fast zehn Jahren innehatten.
Noch bis zum Ende diesen Jahres dürfte es so weit sein: Dann könnten die
Chinesen nach vorsichtigen Einschätzungen der jüngsten Verkaufszahlen durch die
beiden Analystenhäuser Gartner und IDC ganz oben stehen. Spätestens dann ist die
Branche wieder in Bewegung.

Noch im Oktober wird Microsoft sein neues Windows-Betriebssystem auf den Markt
bringen. Das soll im Weihnachtsgeschäft die PC-Verkäufe ankurbeln. Der
Chiphersteller Intel versucht seit Frühjahr, mit den sogenannten Ultrabooks eine
neue Produktklasse im Markt für sehr flache und sehr leichte Laptopcomputer zu
etablieren. Doch trotz der beiden wichtigen Zulieferer der PC-Industrie werden
im klassischen ComputerGeschäft vor allem auf deN westeuropäischen Märkten die
Gewinnspannen nur sehr dürftig bleiben, schreibt Meike Escherich, Analystin von
Gartner, in ihrem aktuellen Bericht. Staatsschuldenkrise und schwache
Konjunkturaussichten hinterlassen tiefe Spuren. Auch greifen viele Kunden zu
einer anderen Generation von Computern.

Diese Geräte sind kleiner, leiser; netzwerkfähig und passen in jede Hand- oder
auch Hosentasche. Von den durch Antippen des Bildschirms (Touch-screen) zu
bedienenden internetfähigen Tabletcomputern könnten in diesem Jahr mit 120
Millionen Einheiten doppelt so viele abgesetzt werden wie noch im vergangenen
Jahr. In der Branche werden diese Geräte statistisch gesehen nicht als
Personalcomputer erfasst. HP und Dell haben hier faktisch nichts auf Lager.

Lenovo, Acer, Asus und Sony hatten auf der Internationalen Funkausstellung in
Berlin (IFA) Anfang September eine ganze Reihe dieser flachen, leichten und
multimedial einsetzbaren Rechenwunder vorgestellt. "Die Verbraucher in aller
Welt greifen massenhaft zu Tabletcomputern", erklärte Tom Mainelli,
Marktbeobachter vom Analystenhaus IDC. "Die gehen weg wie warme SemmelN."
Schlecht für all jene, die keine passenden Geräte im Angebot haben.

Die verfehlte Produktpolitik der Computerhersteller HP und Dell hat den
Softwarekonzern Microsoft handeln lassen. Er wird mit einem eigenen
Tabletrechner auf den Markt kommen, sich erstmals im Computer-Hardwaregeschäft
engagieren und - wie Apple - Hard- und Software aus einer Hand anbieten.
PC-Hersteller wie Acer, Asus und auch Toshiba sehen in Microsoft künftig nicht
nur einen Zulieferer von Software, sondern auch einen Konkurrenten bei der
Hardware. Während HP und Dell auf dem PC-Weltmarkt weitere Marktanteile
verlieren dürften und Apple mit seinen Tabletcomputern der Marke iPad und seinen
internetfähigen iPhone-Mobiltelefonen (Smartphones) der klassischen
Computerbranche Millionen Kunden abwirbt, hat Lenovo still und leise seine
Position in der Branche zielstrebig ausgebaut.

Die Chinesen hatten 2005 das PC-Geschäft von IBM gekauft und erwarben im
vergangenen Jahr den letzten namhaften deutschen PC-Hersteller Medion.
Gleichzeitig gingen sie am anderen Ende der Welt eine breit aufgezogene
Zusammenarbeit mit der PC-Sparte der japanischen NEC-Gruppe ein. Darüber hinaus
kooperieren sie in der Entwicklung einer neuen Generation von Netzwerkrechnern
(Servern) mit dem amerikanischen EMC-Konzern. Derzeit greifen sie nach dem
brasilianischen PC-Produzenten CCE. Yang Yuanqing ist auf Einkaufstour, und
nichts scheint ihn zu stoppen.

So stehen den Konkurrenten harte Zeiten bevor. Die nach mehreren
Großakquisitionen, gewinnarmen Geschäftsergebnissen und durch die Ankündigung
massenhafter Stellenstreichungen in Aufruhr befindliche HP-Gruppe kommt mit dem
geplanten Konzernumbau hin zu einem integrierten IT-Dienstleister nicht so
schnell voran. Dell geht es mit seinen Umbauplänen ähnlich. In Aktionärskreisen
von Acer und Asustek sind schon mal einige Übernahme- und Fusionspläne
durchgespielt worden.

Kein Wunder: "Die beiden Marken haben sich ergänzenden Stärken", erklärte Jenny
Lai, Analystin von HSBC. Die Vorstände halten sich bedeckt oder wiegeln ab.
"Solche Pläne gibt es nicht", sagte der Finanzvorstand von Asustek, David Chang.
"Kein Kommentar", hieß es bei Acer. Der Computerhersteller kontrolliert die
amerikanischen Traditionsmarken Gateway und Packard Bell.

Beide Konzerne stehen unter Druck. Acer hatte im vergangenen Geschäftsjahr
erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausgewiesen und binnen der
vergangenen beiden Jahre mehr als eine Halbierung des Marktwertes an der Börse
verkraften müssen. Asustek zählt in der Rangliste der PC-Anbieter zu den
kleineren und kann dadurch weniger als die Wettbewerber mit Größenvorteilen
kalkulieren. Im margenschwachen PC-Massengeschäft ist das ein Nachteil. Der
Vorteil liegt beim Angstgegner Lenovo.