Ein Weltrekord für die Zeitgenossen: Christie's hängt beim
Kopf-an-Kopf-Rennen der New Yorker Auktionen mit Gegenwartskunst Sotheby's
völlig ab.
Dass alles Geschehen in so jenseitigen Dimensionen, wie sie gerade die New
Yorker Prestigeauktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst bestimmt haben,
vom Angebot abhängt, hat sich dort einmal mehr gezeigt. Die aktuellen
Zeitgenossen-Ergebnisse bilden diese Tatsache ziemlich simpel ab: Konnte gegen
einen "Schrei" von Munch keine noch so wichtige Studie zu den "Kartenspielern"
von Cézanne stechen (F.A.Z. vom 5. Mai), so kann gegen einen aufregenden Rothko
kein noch so charmanter früher Lichtenstein bestehen - Spitzenlos gegen
Spitzenlos.
Bei den Contemporary Art Evening Sales hatte Christie's absolut die Nase vorn:
Das urbritische Haus, das zum Portfolio des französischen Luxusunternehmers
François Pinault gehört, kann mit einem Umsatz von 388,5 Millionen Dollar die
höchstdotierte Versteigerung von Gegenwartskunst bisher überhaupt verzeichnen;
die prognostizierte Erwartung hatte bei 252 bis 352 Millionen gelegen. Zum
Zugpferd avancierte der - selbstredend anonym zugeschlagene - Rothko "Orange,
Red, Yellow" von 1961: Bei einer Taxe von 35 bis 45 Millionen Dollar angesetzt,
fand sich ein Interessent, der 77,5 Millionen bot, mithin inklusive des
Käuferaufgelds knapp 86,9 Millionen Dollar zu bezahlen bereit ist. Ja, auch die
Gegenwartskunst flirtet mit der Hundert-Millionen-Dollar-Marge - diesem
Spielraum, der für die Moderne längst gilt. Aber es geht weiter so, Schlag auf
Schlag.
Ein prächtiges Feuerbild "FC1" von Yves Klein spielt einen Auktionsrekord ein,
mit 32,5 Millionen (Taxe 30/40 Millionen); Jackson Pollocks "Number 28, 1951"
tut das Gleiche mit 20,5 Millionen Dollar (20/30 Millionen). Weiter noch
oberhalb der Schätzung von zehn bis fünfzehn Millionen landet das "Onement V"
von Barnett Newman, nämlich beim Hammerpreis von zwanzig Millionen Dollar. Der
Pollock und der Newman kamen - wie auch der Rothko und ein attraktiver Willem de
Kooning "Untitled I" von 1980 für 12,5 Millionen (8/12 Millionen) - aus dem
Nachlass des Unternehmers und Sammlers David Pincus. Dass Gerhard Richter für
eine seiner Arbeiten, "Abstraktes Bild (798-3)", ebenfalls ein neuer
Auktionsrekord zuteil wurde, wundert auch schon niemand mehr: Jetzt sind 19,4
Millionen Dollar (10/15 Millionen) zu toppen. Immerhin reüssierte sein schönes
großes "Seestück (leicht bewölkt)" von 1969 mit 17,2 Millionen Dollar (10/15
Millionen).
Sotheby's steht mit seinem Abendumsatz von knapp 266,6 Millionen Dollar, bei
einer Erwartung von 221 bis 312 Millionen, nicht schlecht da, ist aber von der
Konkurrenz für diese Veranstaltung völlig abgehängt. Das höchste der Gefühle
waren die vierzig Millionen Dollar, die für Lichtensteins Comic-"Sleeping Girl"
heraussprangen, übrigens ein Auktionsrekord für den Künstler, wie auch für
Bacons "Figure Writing Reflected in Mirror"; beide Gemälde waren auf dreißig bis
vierzig Millionen Dollar geschätzt. Der immer wieder umwerfende "Elvis" von
Warhol aus dem Jahr 1963 - diesmal als "Double Elvis" und nach seiner Herkunft,
der Galerie Ferus in Los Angeles, "Ferus Type" genannt - kam auf 33 Millionen,
am unteren Ende seiner Taxe von dreißig bis fünfzig Millionen. Auch in Sachen
Gerhard Richter war Sotheby's diesmal mit einigem Abstand nur zweitbester, am
teuersten wurde ein "Abstraktes Bild (768-2)" von 1992, das fünfzehn Millionen
Dollar (8/10 Millionen) einspielte. Ein Versteigerungsrekord sprang noch für Cy
Twombly heraus, dessen elegantes Großformat auf grauem Grund "Untitled (New York
City)" von 1970 auf einen Zuschlag bei 15,5 Millionen Dollar (15/20 Millionen)
kam.
ROSE-MARIA GROPP