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Wir, das gute Monopol

27.06.2012



Sie treibt die Gebühren für das öffentliche Abspielen von Musik ein, die
Piraten hassen sie, aber vielen Komponisten sichert sie die Existenz: zwei
Lokaltermine bei der Gema.
Ob man bei der Gema Spaß versteht? Ein Liedchen pfeifend, betrete ich die
Münchner Generaldirektion, die, gut versteckt hinter dem City Hilton Hotel, an
der Rosenheimer Straße liegt. Wie es die Art einer einflussreichen, aber wenig
beliebten Einrichtung sein mag, hat man das ohnehin nicht gerade protzige
Firmenschild so weit oben an dem gelblich-beigefarbenen Klinkerbau befestigt,
dass man den Kopf in den Nacken legen muss. Einen Steinwurf entfernt ist das
Gasteig.

Gesellschaft für musikalische Aufführungspraxis und mechanische
Vervielfältigung: schon der Name ist deutsche Wertarbeit; die Gründlichkeit, mit
der die Organisation zu Werke geht, auch. Lange Zeit hat die Öffentlichkeit sie
dabei gewähren lassen. Die Gema, die bis in die kleinsten Ritzen unseres von
Musik beherrschten Alltags vorgedrungen ist und in deren Kasse es praktisch
andauernd klingelt, war bis vor kurzem eine Angelegenheit für Profis, Buchhalter
und Spezialisten. Die nicht-komponierende Bevölkerung nahm von ihrem Wirken
ähnlich Notiz wie von anderen Einrichtungen auch, deren Undurchschaubarkeit
nicht das Bedürfnis weckt, es sonderlich genau wissen zu wollen.

Nun ist die Gema aber kein sich selbst genügender bürokratischer Apparat. Sie
lebt einerseits von geltendem Recht, dem Urheberrecht; andererseits von der
Trägheit derer, die bei der Wahrnehmung ihrer Rechte keinen Wert auf Kleinkram
legen. In Abwandlung eines Banken-Spruchs könnte die Gema zu ihren Mitgliedern
sagen: Musizieren Sie, wir kümmern uns um die Details.

Um zu sehen, wie ernst die Gema ihre Sache nimmt, pfeife ich beim Eintritt
"Michelle" von den Beatles. Wird man, da es sich eindeutig um die Aufführung
eines noch nicht rechtefreien Liedes handelt, sofort zur Kasse gebeten? Für alle
Fälle habe ich Bargeld dabei. Der Empfangsmann sagt nichts und bittet nur um
eine erkennungsdienstliche Unterschrift. Eine Pressesprecherin begleitet mich
zum Fahrstuhl. Im Besprechungszimmer ist von der Schwüle, die an diesem
Nachmittag herrscht und sich noch in einem Gewitter entladen wird, nichts zu
spüren. Harald Heker, der Vorstandsvorsitzende, kommt herein, promovierter
Jurist, der früher Künstler vertreten hat und dann beim Börsenverein des
Deutschen Buchhandels war. Er ist Anfang fünfzig, schlank, gut frisiert, der
Anzug geschmackvoll, eine Mischung aus Mathias Döpfner und Ole von Beust.

Gepfiffen wird jetzt nicht. Stattdessen frage ich zur Auflockerung: "Was hätten
Sie gesagt, wenn ich mit einem noch nicht rechtefreien Lied auf den Lippen
hereingekommen wäre?" Diese Idee scheint ihn nicht zu beeindrucken: "Da es sich
um eine nichtöffentliche Aufführung gehandelt hätte, wäre das erlaubt gewesen."
Und wenn ich in der U-Bahn pfeife? "Das wäre etwas anderes. Aber bei
Straßenmusikanten kassiert die Gema gar nicht."

Man steht auf drei Säulen: dem Tonträgergeschäft, bei dem die Gema genau 9,009
Prozent vom Händlerpreis bekommt; dem Rundfunk, der für jede abgespielte,
rechtlich geschützte Musik bezahlt; und allen Veranstaltungen, auf denen Musik
gespielt wird, um die kümmert sich der sogenannte Außendienst, für den in sieben
Bezirksdirektionen fünfhundert Mitarbeiter im Einsatz sind.

Eine Geschäftsgrundlage ist die sogenannte Gema-Vermutung, die Annahme, dass bei
Club-, Diskotheken- und anderen Tanzveranstaltungen (auch) rechtlich geschützte
Musik gespielt wird. Dafür wird, berechnet auf die Veranstaltungsfläche und die
Eintrittskarten, eine Gebühr erhoben. Werden keine oder weniger rechtlich
geschützte Titel gespielt oder weniger Eintrittskarten verkauft, dann muss der
Veranstalter das nachweisen, die Gebühr verringert sich entsprechend. In solchen
Fällen greift die "Härtefallnachlassregelung". "Uns liegt", sagt Heker, "gar
nichts daran, irgendwelchen Einzelfällen hinterherzulaufen. So viele Mitarbeiter
haben wir auch gar nicht." Die Außendienstler werden trotzdem genug zu tun
haben.

"Die Gema hat nichts zu verbergen", sagt Heker, und dass er mit diesem Satz
schon öfter zitiert wurde, könnte eher Anlass sein, daran zu zweifeln. In
wenigen Tagen ist in Berlin Mitgliederversammlung der Gema. Ich frage, ob ich
mir das mal ansehen darf. Das hänge, sagt Heker, davon ab, ob die Mitglieder das
erlauben, man müsse darauf gefasst sein, dass man einfach abgewiesen werde. Das
sei, assistiert die Pressesprecherin, sogar das Wahrscheinlichste. "Demokratie
ist anstrengend", bilanziert Heker. Sollte es bei der Gema etwa so
basisdemokratisch zugehen wie bei ihrem ärgsten Feind, den Piraten, inklusive
liquid feedback? Heker behauptet: "Selbst ich als Vorstand bin dort nur Gast."
Aber was bewirken die Mitglieder Geheimnisvolles? Umverteilung, und zwar von
oben nach unten, von den Erfolgreichen zu den nicht so Erfolgreichen. Die Gema
sei, erläutert Heker, nämlich eine Solidargemeinschaft, wobei es in der Regel so
sei, dass U-Musik-Komponisten von Unterhaltungsmusik etwas an die
E-Musik-Komponisten abgäben.