Im Gespräch: Peter Löscher, der Vorstandsvorsitzende von Siemens
Der Siemens-Vorstandschef fordert Reformen auf der EU-Ebene, um die
Eurokrise zu bewältigen. Der Blick von Löscher aber reicht weiter: Die zweite
Welle der aufstrebenden Märkte wie Türkei oder Mexiko sollte mehr beachtet
werden, ebenso die Länder Afrikas.
Herr Löscher, die Rettungsschirme für den Euro werden aufgespannt, immer wieder
erweitert und abgeändert. Die Währungsunion wird immer mehr zur Schuldenunion.
Haben Sie die Angst, dass die Lage eskaliert und der Euro scheitert?
Das befürchte ich nicht. Europa braucht den Euro, und Deutschland braucht ihn in
besonderem Maße. Ohne den Euro würde unser Land erheblich an Wettbewerbskraft
verlieren. Wichtig ist, dass Fiskal- und Währungspolitik in Europa enger
verzahnt werden. Darum führt kein Weg an strukturellen Reformen und finanzieller
Konsolidierung vorbei. Es wird aber oft übersehen, dass schon heute beachtliche
Veränderungen im Gang sind, etwa um die Wettbewerbsfähigkeit in Italien und
Spanien zu stärken. Und auch kleinere Länder wie Portugal und Irland haben schon
viel geleistet, um ihre Lage zu verbessern.
Reicht das denn? Unsere Korrespondenten in Rom und Madrid sind nämlich
skeptisch.
Es gibt keinen Schalter, den man einmal bedient, und das war's dann. Sondern wir
brauchen eine Vielzahl von Schritten, auf die weitere folgen müssen. Dazu
gehören auch Strukturreformen, nicht nur in den Mitgliedsländern sondern auch
auf der europäischen Ebene in den Gremien und Entscheidungsmechanismen der
Europäischen Union - zum Beispiel in Richtung einer stärkeren demokratischen
Legitimation und der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Der derzeitige
Eindruck, es gehe allein um den Euro, greift viel zu kurz. Europa war und bleibt
eine politische Idee und eine Wertegemeinschaft, und der Euro ist Teil davon.
Die Frage lautet: Europa oder kein Europa. Und da sind wir glasklar für Europa!
... weil die Rettungspolitik Ihren Absatz sichert und zum Teil auch finanziert?
Ganz anders: Weil nur ein einiges Europa Relevanz in der Welt hat und weil
Frieden, Sicherheit, Arbeitsplätze und Wohlstand in einem geeinten Europa den
Bürgern in unseren Ländern eine ganz andere Zukunft eröffnen als im Falle einer
Umkehrung der Entwicklung. Eine solche Fragestellung auf die Interessenlage von
Großunternehmen und eine angebliche Frontstellung zu Familienunternehmen zu
verkürzen macht keinerlei Sinn. Schon der Blick auf die Exportquote des
deutschen Mittelstands zeigt das Gewicht des europäischen Marktes für den Erfolg
und die Arbeitsplätze des Mittelstands.
Siemens hat sich seinerseits - jenseits von Europa - längst auch stark auf die
Bric-Länder, also auf Brasilien, Russland, Indien und China, als Zukunftsmärkte
ausgerichtet. Von dort kommen derzeit zum Teil aber auch wachstumsdämpfende
Signale. Wie reagieren Sie darauf?
Indem wir unsere breite Aufstellung nicht nur in Europa sondern in der ganzen
Welt nutzen und gezielt unser Augenmerk auch auf die zweite Welle der
aufstrebenden Märkte richten: auf Länder wie Mexiko und Kolumbien, aber auch auf
Polen, die Türkei, Indonesien, Vietnam. Und Afrika verdient Aufmerksamkeit:
nicht nur Südafrika, auch die nordafrikanischen Länder, Nigeria, Angola und
weitere.
Wo gibt es da für Siemens Chancen?
Allgemein gesprochen: bei der Infrastrukturentwicklung. Fast überall in diesen
Ländern gibt es junge und wachsende Bevölkerungen und einen großen Bedarf für
Infrastrukturprojekte und den Aufbau von Industrien. Aber natürlich muss man
jedes Land für sich betrachten und jeden potentiellen Kunden. Politische,
wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen weisen sehr große Unterschiede
auf. Und wir machen nur Geschäfte, die in jeder Hinsicht belastbar sind.
Möglichkeiten dafür gibt es nahezu überall.
A propos Infrastruktur: Da läuft in Deutschland mit der Energiewende ja auch ein
großes Projekt - Siemens macht ein Drittel seines Umsatzes in der Energiesparte
und hat in Sachen Energiewende durchaus schon Lehrgeld bezahlt.
Die Entscheidung für die Energiewende in Deutschland wurde vor gerade einmal
einem Jahr getroffen und die Laufzeit des gesamten Projekts ist auf Jahrzehnte
angelegt. Wir sind also noch in einem sehr frühen Stadium. Alle verfügen über
erste Erfahrungen. Klar ist, dass es keinen Pfad gibt, der direkt zu einer
Grundlastversorgung mit erneuerbaren Energien führt. Wir brauchen
Zwischenlösungen zur Absicherung der Grundlast. Dann gibt es Schwierigkeiten bei
der Netzanbindung von Offshore-Windparks. Aber wahr ist auch: Auf diese
Schwierigkeiten haben alle Beteiligten sehr schnell reagiert und lösen die
Probleme. Dann ist es eine große Aufgabe, die Kosten für die erneuerbaren
Energien zu senken: Hier geht es um Innovationen und zum Beispiel um den Schritt
von Manufakturen zu industriellen Fertigungen im Bereich der Windkraft. Und ein
weiteres großes Thema der Energieinfrastruktur ist, nicht nur im nationalen
Rahmen, sondern europäisch zu agieren.
Im Moment ist eher das Gegenteil der Fall.
Von den 16 Bundesländern und 27 EU-Mitgliedstaaten hat jeder seine
Standortvorteile, aber nicht alle dieselben. In der Summe eröffnen sich viele
Möglichkeiten. Damit die zur Entfaltung kommen, muss jeder über eigene
Energiekonzepte hinaus auch offen sein für Integration im Verbund. Das ist im
Übrigen auch ein Gebot von Effizienz und Wirtschaftlichkeit.