Gehobener Privatsekretär oder der Chef von morgen? Die Position als
Vorstandsassistent ist anstrengend, bietet dafür aber tiefe Einblicke in die
Zirkel der Macht.
Von Philipp Alvares de Souza Soares
Assistentin werden? Mit 30? Das klingt nicht nach schneller Karriere. Doch Petra
Reinold-Brenckmann hat sofort zugesagt, als ihr vor zehn Jahren eine Stelle als
Assistentin des damaligen Commerzbank-Vorstands Klaus-Peter Müller angeboten
wurde. "Den Anruf werde ich nie vergessen", sagt die heutige Bereichsleiterin in
der Personalabteilung. Die Entzückung von damals hallt noch immer nach.
Dreieinhalb spannende Jahre seien das gewesen, eine Zeit, in der sie besonders
wertvolle Erfahrungen gesammelt habe. Schon vorher hat sie in verschiedenen
Positionen für die Bank gearbeitet, aber als Assistentin sah sie den Konzern aus
einer ganz anderen Perspektive und lernte dabei, wie seine einzelnen Teile
zusammen agieren. "Man nimmt extrem viel mit. Das lernt man in keinem Seminar",
sagt die Betriebswirtin.
Tatsächlich gilt ein Job als Vorstandsassistent wahlweise als Karriere-Turbo,
-sprungbrett oder Königsweg an die Spitze. Unternehmen nutzen die Position
gezielt, um zukünftige Führungskräfte nach ihren Bedürfnissen zu formen.
Besonders bei Stellen an der Seite von Dax-Vorständen geraten karrierebewusste
Jungakademiker daher ins Träumen, vom Ruf sind sie nur vergleichbar mit dem
Einstieg bei einer Unternehmensberatung. Während der meist zwei- bis
dreijährigen Etappe gelangen Assistenten früh an Einblicke, die ihnen kaum eine
andere Position verspricht. Sie lernen bestenfalls von Vorständen, wie "Vorstand
sein" funktioniert - ein klassisches Meister-Schüler-Verhältnis. Die jüngere
Wirtschaftsgeschichte beweist zudem, dass ein paar Jahre als "Assi" der Karriere
in der Tat einen gehörigen Schub geben können. Martin Winterkorn, Rüdiger Grube,
Jürgen Großmann - alle Teil einer langen Liste ehemaliger Assistenten, die
mittlerweile an der Konzernspitze angelangt sind.
Solch eine Perspektive gibt es aber nicht umsonst. Die Arbeit ist anstrengend
und bietet wenig Freiraum. "Mein Tagesablauf war nur selten planbar und sehr
stark durch den Kalender meines Chefs gesteuert", erinnert sich
Reinold-Brenckmann. Dafür weiß sie nun, was "da oben" diskutiert wird und wie
man sich auf politischem Parkett bewegt. Müller gilt als begnadeter Netzwerker
mit guten Verbindungen bis ins Kanzleramt. "Besonders interessant war es,
Einblick in die Vorgänge zu bekommen, die man als Mitarbeiter sonst nie zu
Gesicht bekommt", sagt sie. Ein weiterer Pluspunkt: Auch nach der Zeit als
Assistentin blieb der Kontakt bestehen. Müller trifft sich mit allen seinen
ehemaligen Assistenten einmal im Jahr zum gemeinsamen Essen.
Aber was machen die Assistenten eigentlich? Es gehe meist um Vorarbeiten, sagt
die selbständige Personalentwicklerin Doris Brenner. Termine vorbereiten,
Optionen bewerten, die Quintessenz einer Problemstellung herausarbeiten, damit
der Vorstand schneller entscheiden könne. "Es geht um die Arbeitserleichterung
des Chefs." Der Aufgabenzuschnitt kann sich jedoch je nach Unternehmen stark
unterscheiden. In manchen Firmen ist der Assistent eher ein gehobener
Privatsekretär als ein zukünftiger Abteilungsleiter. "Die Frage ist: Bin ich nur
der Kofferträger, oder geht es der Firma darum, künftige Führungskräfte
auszubilden", sagt Brenner. Das solle man vorher genau abklopfen. Drei Jahre als
Beameranknipser nutzt keiner Karriere. Beim Gehalt könne man laut Brenner mit 40
000 bis 70 000 Euro jährlich rechnen, je nach eigener Erfahrung und
Unternehmensgröße. In manchen Unternehmen seien Assistenten zudem mit eigenen
Projekten betraut und nicht nur auf ihren Chef fokussiert. "Das gleicht dann
eher einer Stabsstelle."
So ähnlich war es auch bei Konstantina Kanellopoulos, die ein Jahr als
Assistentin von Rolf Buch arbeitete, Chef der Bertelsmann-Tochter Arvato. An den
Hacken von Buch, der selbst einmal als Assistent anfing, klebte sie dabei nicht,
sondern kreierte ihre heutige Stelle: Sie ist Bereichsleiterin im Kundenservice
und verantwortlich für einen Auftrag, dessen Ausschreibung sie damals selbst
begleitet hat. Ihr Chef habe sie an ihre heutige Aufgabe herangeführt, gezielt
zu interessanten Terminen mitgenommen und mit Verhandlungen betraut. "Dazu kamen
aber auch die Alltagsaufgaben", erzählt Kanellopoulos.
Powerpoint-Präsentationen, Terminvorbereitung, kurze Briefings zu aktuellen
Themen - klassische Assistentenpflichten eben.
Mit Buch pflegte sie einen intensiven Austausch, der nicht abgebrochen ist. "Bei
schwierigen Themen ist er auch heute noch für mich da." Ihre Beziehung
beschreibt sie als vertrauensvoll: "Entscheidend war, dass wir eine Wellenlänge
haben", sagt Kanellopoulos. Sie habe schnell ein gutes Gespür entwickeln müssen:
Was will der Chef? Was interessiert ihn? Was ist wichtig, was nicht? Assistenten
dürften nicht erwarten, dass ihnen viel erklärt werde, sagt Personalberaterin
Brenner. Vorstände seien oft ungeduldig, wollen schnell Antworten hören. Und:
"Autorität darf einen nicht einknicken lassen." Ein gewisses Selbstbewusstsein
gehöre dazu, um sich unter Managertypen behaupten zu können.