MARKT & STRATEGIE
Insulinhersteller Novo Nordisk kritisiert Einschränkungen für neuartige Diabetesmittel in Deutschland
MAINZ, 17. September Der dänische Arzneimittelhersteller Novo Nordisk
rechnet in diesem Jahr mit einer Stabilisierung seiner Geschäfte in Deutschland.
Das Unternehmen, das vor seinen Wettbewerbern Sanofi und Eli Lilly der
Weltmarktführer für Diabetesmedikamente ist, hat 2011 zum ersten Mal in seiner
Geschichte Stellen in seiner deutschen Tochtergesellschaft gestrichen. "Wir
haben gute Fortschritte gemacht und liegen nun sogar über unseren Erwartungen",
sagt die vor gut einem Jahr zur Deutschland-Geschäftsführerin beförderte Dänin
Camilla Sylvest im Gespräch mit dieser Zeitung in der Zentrale der deutschen
Tochtergesellschaft in Mainz. Genaue Angaben zu den vorgenommenen Streichungen
macht der Konzern nicht; dem Vernehmen nach waren rund 80 Stellen vor allem im
Außendienst betroffen. Nun beschäftigt Novo Nordisk noch rund 500 seiner
weltweit 31 000 Mitarbeiter in Deutschland; eine Produktionsstätte gibt es
hierzulande nicht.
Als Markt für künstliches Insulin und andere Arzneimittel für Diabetiker spielt
Deutschland für Novo Nordisk hingegen eine wichtige Rolle. Gut sechs Millionen
Deutsche leiden an der sogenannten Zuckerkrankheit, Jahr für Jahr kommen mehr
als 250000 neue Patienten hinzu. Dass die in Deutschland erzielten Erlöse von
Novo Nordisk 2011 gesunken sind, lag laut Sylvest an der Erhöhung des
Zwangsrabatts auf Arzneimittel, den die Bundesregierung den Herstellern mit dem
Gesetz zur Neuregelung des Arzneimittelmarkts (Amnog) abverlangt habe. "Schwerer
wiegt, dass es schwieriger wird, deutschen Diabetespatienten innovative Produkte
zugänglich zu machen", kritisiert Sylvest die jüngst eingeführte frühe
Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln, auf deren Grundlage nun die von den
Krankenkassen erstatteten Preise ausgehandelt werden. Der deutsche Pharmakonzern
Boehringer Ingelheim beispielsweise hat sich im vergangenen Jahr zum ersten Mal
in seiner Unternehmensgeschichte entschieden, ein neues Produkt - ein
Antidiabetikum - nicht in Deutschland zu vertreiben, weil die zu erwartende
Erstattung nicht auskömmlich sei.
In der Branche und unter Diabetikern sorgte diese Entscheidung für Aufsehen.
Novo Nordisk wird voraussichtlich im kommenden Jahr erstmals in die
neugeschaffenen Preisverhandlungen für den deutschen Markt eintreten. Dann will
das Unternehmen ein neues, besonders lang wirksames Insulin namens Degludec
einführen. "Wir erwarten die europäische Zulassung Ende dieses Jahres",
skizziert Camilla Sylvest den Zeitrahmen. Alle Produktionslinien seien darauf
vorbereitet.
Das neue Präparat, von dem sich Novo Nordisk Umsätze von mehr als einer
Milliarde Dollar im Jahr erhofft, soll Diabetikern das Leben erleichtern, indem
es ihnen ermöglicht, sich ihre Tagesdosis Insulin flexibel innerhalb von 24
Stunden und nicht mehr jeden Tag zur gleichen Uhrzeit zu injizieren. Zurzeit ist
das von Sanofi vertriebene Insulin Lantus das mit Abstand am meisten verkaufte
Präparat in dieser Substanzklasse.
Auf einen Euro je Tag und Patient veranschlagt Sylvest die von den Krankenkassen
erstatteten Kosten für konventionelles Insulin. Für das neue Präparat werde Novo
Nordisk einen höheren Preis verlangen, kündigt sie an. Weil es den Patienten die
richtige Einnahme erleichtere, werden sich nach ihrer Einschätzung im Gegenzug
die langfristigen Kosten verringern, weil es weniger Spätfolgen wie
Nierenversagen oder Erblindung geben werde. "Je später die Rechnung bezahlt
wird, desto höher fällt sie aus."
Mit demselben Argument begründet sie auch den Preis für das Antidiabetikum
Victoza, das in der Bauchspeicheldrüse von Zuckerkranken die körpereigene
Insulinbildung anregen soll. Dafür ist ein Listenpreis von rund 2000 Euro im
Jahr ausgewiesen. "Die Patienten leiden seltener an Unterzuckerung, und sie
müssen erst später mit der Einnahme von Insulin beginnen." Das Mittel, das in
Europa seit 2009 zugelassen ist, wird in Deutschland deutlich seltener
verschrieben als in anderen Ländern. Sylvest führt dies auf die Rahmenvorgaben
zurück, die von Krankenkassen und Kassenärzten vereinbart werden. In Dänemark,
wo es keine vergleichbaren Verordnungshöchstquoten gebe, sei die Verbreitung des
Mittels fünfmal so groß wie in Deutschland.
Der Diabetesmarkt ist trotz solcher gesundheitspolitischen Einschränkungen
attraktiv: Die Zahl der Patienten ist allein in Deutschland zwischen 2000 und
2007 um 50 Prozent gestiegen, im selben Tempo nahmen die Kosten für ihre
Behandlung einer Studie zufolge auf 42 Milliarden Euro im Jahr zu. Die
Weltgesundheitsorganisation geht von insgesamt etwa 350 Millionen Zuckerkranken
aus, die Fallzahlen steigen vor allem in den Schwellenländern.
Als neue Wettbewerber für den hochprofitablen, fast ausschließlich auf Diabetes
spezialisierten Marktführer Novo Nordisk, der im vergangenen Jahr 66 Milliarden
Kronen (8,9 Milliarden Euro) umgesetzt und einen Nettogewinn von 17 Milliarden
Kronen (2,3 Milliarden Euro) erwirtschaftet hat, haben sich zuletzt Boehringer
Ingelheim sowie eine Allianz der Konzerne Astra-Zeneca und Bristol Myers Squibb
in Position gebracht, die im Sommer für 7 Milliarden Dollar einen amerikanischen
Antidiabetikahersteller übernommen haben. Sanofi wiederum, der zweitgrößte
Insulinproduzent der Welt, weitet sein Angebot systematisch auf Geräte und
Dienstleistungen für Diabetiker aus. Davon werde sich Novo Nordisk fernhalten,
kündigte Sylvest an. "Wir setzen seit bald 90 Jahren auf innovative Arzneimittel
und werden uns darauf auch in Zukunft konzentrieren."
SEBASTIAN BALZTER