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Energiewende macht die Windindustrie nicht froh

25.04.2012



Ein Jahr nach Fukushima herrscht in der deutschen Windkraftbranche
Ernüchterung. Der erhoffte Schub durch die Energiewende blieb aus, auch weil
Vorschriften nur langsam geändert werden.
hpa. HANNOVER, 24. April. "Es geht uns nicht besser, allenfalls gleich gut",
räumte Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE),
angesichts der im vergangenen Jahr neu errichteten Windanlagen ein. Für eine
echte Energiewende sei ein Zubau in Deutschland von mindestens 3500 Megawatt pro
Jahr nötig, wiederholte Albers auf der Hannover Messe seine seit langem erhobene
Forderung.

Gebaut wurden 2011 neue Anlagen mit einer Kapazität von knapp 2100 Megawatt
(plus 35 Prozent zum schwachen Vorjahr). Und die ursprüngliche Prognose für
dieses Jahr - bis zu 2300 Megawatt - stellte Albers nun in Frage. Da
Schleswig-Holstein die Ausweitung der Flächen für neue Windanlagen ausgesetzt
habe, sei für 2012 nur noch "ein Korridor von 2000 Megawatt plus x" zu erwarten.
"Nimmt man die schwierige Marktsituation in einigen anderen Ländern dazu, können
sie verstehen, warum in der Branche trotz Energiewende keine Euphorie herrscht",
resümierte der Verbandspräsident.

Albers lobte, dass in einige Bundesländer spürbar Bewegung gekommen sei. So
rückte Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr mit 258 Megawatt auf den dritten
Platz unter allen Ländern vor, Bayern erreichte mit 165 Megawatt Platz fünf.
Mehr Schwung hatte sich die Windbranche dagegen von der rot-grünen
Landesregierung in Nordrhein-Westfalen erwartet, wo Windturbinen mit einer
Kapazität von 160 Megawatt neu aufgestellt wurden. Albers bemängelte
insbesondere, dass die administrativen Hemmnisse - zum Beispiel Höhen- und
Abstandsregeln - nicht schneller beseitigt werden. "Wir haben gesehen, dass
solche Prozesse länger dauern als erwartet. Das gilt auch für
Baden-Württemberg", sagte er.

Insgesamt sei die deutsche Windindustrie aber unverändert technologisch so gut
aufgestellt, dass die höheren Preise für ihre Anlagen auch gerechtfertigt seien.
Eine Entwicklung wie in der Solarindustrie, in der chinesische Produzenten den
Weltmarkt mehr und mehr erobern, sei in der Windkraft noch nicht absehbar. Zwar
gehören inzwischen fünf chinesische Windanlagenbauer zu den zehn größten
Anbietern der Welt, diese Größe haben sie aber fast ausschließlich auf ihrem
abgeschotteten Heimatmarkt erreicht. In Deutschland erzielten die Chinesen noch
keinen Umsatz mit Windanlagen. Umgekehrt produzierten immer mehr deutsche
Anlagenbauer auch in China. "Aber letztendlich ist ihr Umsatzanteil dort
verschwindend gering", lautet der Befund des BWE-Präsidenten.

Über kurz oder lang würden die chinesischen Windturbinenhersteller den seit
Jahren angekündigten Weg nach Europa finden, fügte er hinzu. Dem könne man mit
Zuversicht entgegensehen - "solange es einen fairen Wettbewerb gibt". Einen
gewissen Schutz haben die deutschen Anlagenbauer durch die hohen Transportkosten
für Windturbinen - anders als bei den Solarpanelen. Albers kritisierte jedoch,
dass im Solarbereich viele Projekte der Chinesen zur Hälfte vom Staat durch
entsprechende Exportförderungen unterstützt worden seien. Ein solch unfairer
Wettbewerb sollte in der Windenergie nicht zugelassen werden, forderte er.

Um die "Achillesferse der Energiewende", die Stromnetze, zu stärken, plädiert
der Wind-Verband für die Errichtung von lokalen Einspeise-Netzen, die mehrere
Windanlagen (oder auch Biomassekraftwerke) mit dem bestehenden Übertragungsnetz
verbinden könnten.

Für Einspeise-Netze könnten Erdkabel verlegt werden und sie seien
kostengünstiger als der Ausbau der Verteilnetze, sagte Albers. Dabei beruft sich
der Verband auf eine Studie, die er vom Beratungsunternehmen Ecofys hat
erstellen lassen. Die Betreiber von neuen oder zu modernisierenden Windparks
stünden als Finanzierer solcher Einspeise-Netze parat, was auch den
Wettbewerbsdruck auf die großen Netzgesellschaften erhöhen würde, sagte er.
Allerdings müsse die Bundesregierung dafür auch ein Entgeltmodell entwickeln,
das dem bestehenden Netzentgelt ähnelt.

Verärgert zeigte sich Albers darüber, dass die Bundesregierung in Fragen der
Energiewende vor allem den Rat des Bundesverbands der Energie- und
Wasserwirtschaft (BDEW) einhole, der aber nur einen kleinen Teil der
erneuerbaren Energien repräsentiere. Zum Kraftwerksgipfel am 2. Mai sollte daher
auch sein Verband eingeladen werden, forderte der Spitzenvertreter der
Windenergie.