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Hauptsache nachhaltig

04.07.2012



Vor zwanzig jahren hießen sie Umweltberichte - und wurden belächelt. Heute
sind Nachhaltikgeitsberichte fester Bestandteil fast aller Großunternehmen.
Von Brigitte Koch
DÜSSELDORF, 3. Juli.

Vor zwanzig Jahren hießen sie noch Umweltweltberichte, und es war Kür. Für
Wolfgang Plischke, im Vorstand des Leverkusener Bayer-Konzerns unter anderem für
Innovation, Technologie und Nachhaltigkeit zuständig, ist es heute eindeutig
eine Verpflichtung, wenngleich nicht gesetzlich verordnet. "Nachhaltigkeit ist
schließlich Bestandteil der Unternehmensstrategie und fest in unserem
Kerngeschäft, in den Produkten und Prozessen verankert. Sie bedeutet für uns
letztlich Zukunftsfähigkeit", betont er im Gespräch mit dieser Zeitung. Und er
ergänzt: "Wir wollen mit unseren Produkten wirtschaftlichen Erfolg haben,
zugleich aber auch dem Schutz der Umwelt und der gesellschaftlichen
Verantwortung - dazu zählen auch die Gesundheit und Sicherheit der Anwender -
Rechnung tragen. Und wenn alle drei Ziele in der Balance sind, sprechen wir von
Nachhaltigkeit."

Zumindest bei den im Börsensegment Dax gelisteten Großkonzernen gehört die
Nachhaltigkeitsberichterstattung heute inzwischen zur guten Unternehmenspraxis
und zum jährlichen Pflichtprogramm. Die Verantwortung dafür ist längst in den
Vorstandsetagen angekommen. Auch bei den kleineren und mittleren Unternehmen
beobachtet das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) eine
zunehmende Bereitschaft zur Berichterstattung. Wie überhaupt die Zahl der
weltweit vorgelegten Berichte in den letzten Jahren deutlich hochgeschnellt ist,
und zwar besonders in Europa. Deutschland steht dabei im Übrigen derzeit auf
Platz vier, und zwar nach den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan.
Allerdings gibt es hierzulande noch immer reichlich schwarze Schafe, wie das IÖW
feststellt. Danach gibt jedes vierte der 150 größten deutschen Unternehmen keine
gesonderten Informationen zu Nachhaltigkeitsthemen heraus. Auffallend seien
dabei vor allem die Branchen Versicherungen, Logistik und Handel, wird gerügt.

Im Gegensatz dazu gelten speziell Chemie- oder Energieunternehmen als besonders
geübt, schließlich stehen sie seit vielen Jahren unter scharfer Beobachtung
kritischer Stakeholder wie Verbraucher- oder Umweltorganisationen. Der
promovierte Biologe Plischke räumt ein, dass ein Chemieunternehmen mit seinen
Produktionsprozessen und seinen viele Bereiche des täglichen Lebens tangierenden
Produkten das Thema Nachhaltigkeit sehr viel anschaulicher darstellen kann als
beispielsweise Dienstleistungsunternehmen wie Banken oder Versicherungen. Die
entsprechenden Stichworte speziell bei den Leverkusenern reichen von Reduktion
des Energieeinsatzes und CO2-Ausstoß über Spezialkunststoffe, die Autos leichter
machen oder Häuser wärmedämmen, bis hin zu Medikamenten, die die Lebensqualität
der Patienten verbessern, oder Saatgut, das die Ernteerträge erhöht. Gesundheit
und Ernährung sowie Klimaschutz und Ressourceneffizienz sind zugleich die
Megatrends, die das Unternehmen mit seiner Konzernstrategie bedienen will, wie
Plischke beschreibt.

Waren die ersten ab Mitte der neunziger Jahre erstellten Nachhaltigkeitsberichte
stark von reinen Umweltaspekten geprägt, so decken sie heute ein sehr breites
Themenspektrum ab. Der vor wenigen Tagen von der Ratingagentur SAM (Sustainable
Asset Management) mit dem Goldstandard für das beste deutsche Chemieunternehmen
ausgezeichnete Bericht von Bayer ist durchaus repräsentativ für produzierende
Unternehmen. Die darin formulierten Verbesserungsziele für 2015 sprechen im
Wesentlichen fünf Fokusfelder an, nämlich Unternehmensführung, Innovationen und
Produktverantwortung, Mitarbeiter, Ökologie sowie gesellschaftliches Engagement.
Was den Punkt Unternehmensführung angeht, steht neben der Ausweitung des
Compliance-Trainings auf hundert Prozent aller Bayer-Manager das
Lieferantenmanagement ganz oben auf der Agenda. Die Überprüfung der
Nachhaltigkeitsleistungen der Lieferanten (Stichwort Kinderarbeit) spielt heute
bei allen namhaften Unternehmen eine zentrale Rolle, wie Plischke beschreibt.
"Unsere Lieferanten müssen ethische, soziale und ökologische Mindestvorgaben
erfüllen, denn auch unsere Kunden erwarten, dass die von uns gelieferten
Produkte nachhaltig produziert werden." So will Bayer mit seiner
Lieferantenbewertung bis 2015 mindestens 75 Prozent des gesamten
Einkaufsvolumens abdecken.

Bei den die Bayer-Mitarbeiter betreffenden Zielen geht es vor allem um die
weitere Verbesserung der Arbeitsunfallrate und die Erhöhung des Anteils
weiblicher Führungskräfte in Richtung 30 Prozent. Beim Schwerpunkt Ökologie
steht die Entkoppelung von Produktionsvolumen und Energieverbrauch durch
Innovation im Zentrum. "Wir haben schließlich größtes Interesse daran, Energie
zu sparen." Konkret will der Konzern beispielsweise bis 2020 die Emission je
Tonne Verkaufsprodukt um 35 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 senken. Das
gesellschaftliche Engagement ist für Plischke persönlich die besondere Kür. Im
Zentrum steht dabei das Engagement bei der Förderung der naturwissenschaftlichen
Bildung, der Nachwuchswissenschaftler und der Spitzenforschung. Daneben werden
verschiedene Gesundheitsversorgungs- und Sozialprojekte unterstützt.