MARKT & STRATEGIE
An der Loire-Mündung dreht der "Haliade 150" seine Kreise. Damit will der
französische Konzern den Weltmarktführer Siemens angreifen. Ein Wettlauf um die
größten Windkraftanlagen hat begonnen.
Von Christian Schubert
SAINT-NAZAIRE, 11. Juli Vögel müssen sich an der französischen Loire-Mündung
neuerdings in Acht nehmen. Seit einigen Tagen drehen dort die Schaufeln des
größten Windrads der Welt ihre Kreise. Fast 150 Meter Durchmesser misst der
Radius des "Haliade 150" von Alstom; die drei Rotorblätter sind jeweils gut 73
Meter lang. Noch steht die 1500 Tonnen schwere und 100 Meter hohe Konstruktion
im Trockenen. Doch die Gegend wird nicht ihre permanente Heimat sein: Die Anlage
soll von 2016 an in zweihundertvierzigfacher Ausfertigung mindestens 18
Kilometer vor der französischen Küste im Nordatlantik aufgebaut werden. Sechs
Megawatt Strom werde alleine eine Anlage liefern, verspricht ihr Hersteller
Alstom, das entspreche der Versorgung von 5000 Haushalten.
Der Industriekonzern hat im April zusammen mit dem französischen Energiekonzern
EdF, dem dänischen Anbieter Dong sowie den französischen und deutschen
Entwicklungsunternehmen Nass & Wind und WPD den Auftrag für drei von vier
französischen Offshore-Windparks im Wert von mehr als 2 Milliarden Euro
erhalten. "Wie beim Segelboot will man so viel Wind wie möglich einfangen. Größe
macht hier einen Unterschied", sagt Frédéric Hendrick, der Alstom-Chef für den
Offshore-Wind-Bereich. Deshalb hat ein Längen-Wettlauf zwischen den größten
Anbietern eingesetzt. Siemens, der Erzrivale aus Deutschland, will im Sommer 75
Meter lange Rotorblätter an einer Anlage in Dänemark montieren. Die beiden
Konkurrenten bringen sich jetzt also auch auf dem windigen Meer gegeneinander in
Stellung. Der deutsche Konzern ist freilich Weltmarktführer und genießt mit 2500
Megawatt installierter Leistung und einem Auftragsbuch von 4400 Megawatt einen
großen Vorsprung. Alstom ist dagegen ein Neuling. "Wir würden uns geehrt fühlen,
wenn uns Siemens als ernsthaften Konkurrenten ansieht", sagt Hendrick.
Damit backt der Franzose freilich bewusst kleine Brötchen. Die französische
Regierung hat den industriepolitischen Entschluss gefasst, eine eigene
Offshore-Windindustrie aufzubauen, und nimmt dafür viel Geld in die Hand. Dass
Alstom spät kommt, ficht das Unternehmen nicht an. "Große Konzerne sind im
Vorteil, denn bei den hohen Investitionen wollen die Kunden sicher sein, dass
sie es mit stabilen Herstellern zu tun haben", sagt Hendrick. Alstom entschied
sich dazu, gleich eine neue Technik zu entwickeln, die unter anderem auf ein
Getriebe und damit viele empfindliche rotierende Teile verzichtet - wie auch die
jüngste Siemens-Turbine. Damit soll die Anlage besonders robust und
wartungsfreundlich sein. Je eingesetztem Kilogramm Material erzeuge die
Konstruktion zudem bis zu 40 Prozent mehr Energie als die bestehenden Anlagen,
behauptet Alstom.
Siemens hat kürzlich aufgrund von Schwierigkeiten mit der Übertragungstechnik
von Offshore-Windenergie mehrere hundert Millionen Euro zurückstellen müssen.
Zudem könnten die staatlichen Subventionen aufgrund der Staatsschuldenkrise
schwinden. Doch Alstom will sich die Zuversicht nicht nehmen lassen. Bis 2030
werden 32 Gigawatt Offshore-Windenergie in britischen Gewässern und 23 Gigawatt
vor deutschen Küsten installiert, schätzen die Franzosen. "Bis 2020 wollen wir
zu den drei bis fünf größten Herstellern der Welt gehören", kündigt Hendrick an.
Damit greift Alstom auch den französischen Nuklearkonzern Areva an, der seit
seiner Übernahme des deutschen Herstellers Multibrid im Jahr 2007 auf dem
Offshore-Markt tätig ist und nach eigenen Angaben heute über feste Bestellungen
für 600 Megawatt verfügt.
Ein Anfänger ist Alstom nur auf dem Meer. 2007 kaufte der Industriekonzern den
spanischen Windturbinen-Anbieter Ecotècnia und erwarb damit 25 Jahre Erfahrung
mit landgestützten Windrädern. Jetzt soll aber vor allem das Geschäft auf hoher
See ausgebaut werden und dort etwa von der hauseigenen Netzgesellschaft
profitieren, die Alstom vor zweieinhalb Jahren von Areva übernommen wurde. Die
Netzwerktechnik gilt als Schlüsselelement für die erfolgreiche Nutzung der
Offshore-Windkraft.
Der "Haliade" ist in einer temporären Werkshalle in Saint-Nazaire gebaut worden.
Vierzig Stück sollen an diesem Übergangsstandort entstehen, bis Alstom vier
permanente Fabriken für die 2014 beginnende Serienproduktion fertiggestellt hat.
1000 Arbeitsplätze sollen so geschaffen werden, nicht zuletzt in einem neuen
Ingenieurzentrum in der Loire-Gegend; inklusive Zulieferern sollen 5000 Stellen
entstehen. Mit den ersten Drehungen der Turbine hat vor einigen Tagen eine lange
Testphase begonnen. Zu den ersten Offshore-Versuchen soll es noch vor Jahresende
vor der belgischen Küste kommen. Aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten eines
Zulieferers hat sich ihr Beginn allerdings um zwei bis drei Monate verzögert.
Die Tests auf hoher See sollen anderthalb Jahre dauern.