Windenergie Allein in China wurden 2011 Anlagen mit einer Gesamtkapazität von rund 17 Gigawatt errichtet
Alle Welt will neue Windräder aufstellen, dennoch kämpfen sich die
Hersteller durch eine ausgewachsene Krise. So schlimm wie in der Solarindustrie
ist es nicht - noch nicht.
Von Holger Paul
FRANKFURT, 30. August Ditlev Engel ist sehr vorsichtig geworden. Zu viele
Quartale in Folge musste der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten
Windanlagenbauers Vestas A/S nun schon schlechte Botschaften überbringen: von
Projekten, die sich immer wieder verschieben, von Anlaufschwierigkeiten mit
neuen Technologien, von zu hohen Fixkosten und Personalabbau. Daher hält sich
der früher so forsch auftretende Konzernlenker inzwischen strikt an die
Formulierungen auf den Folien und Redemanuskripten. Im nächsten Jahr soll Vestas
wieder profitabel sein, versprach er zwar während der Präsentation der jüngsten
Quartalszahlen. Ob damit der operative Gewinn gemeint war oder das
Konzernergebnis? Engel blieb die Antwort schuldig. Auch um eine Einschätzung des
wichtigen amerikanischen Marktes drückte er sich herum. "Wir erwarten, dass der
globale Windmarkt 2013 noch herausfordernder sein wird" - genauer wurde er
nicht.
Dabei hätte der Konzern auf den ersten Blick durchaus Grund zu jubeln. In den
Vestas-Büchern stehen inzwischen Bestellungen für neue Windräder und
Serviceleistungen mit einer Gesamtkapazität von 14,4 Gigawatt. Ein einsamer
Rekord. Aber Aufträge, selbst wenn sie bindend vereinbart wurden, haben in der
Windindustrie schon seit längerem nur noch eine begrenzte Aussagekraft. Immer
wieder wird der Bau von neuen Parks verschoben, weil die Finanzierung ins
Stocken gerät. Zudem hat sich der Preisdruck, der auf den Herstellern lastet,
kaum entspannt. Mit mehr als 1,2 Millionen Euro je Megawatt konnten die
Windanlagenbauer vor einigen Jahren im Durchschnitt kalkulieren, heute sind es
noch rund 950 000 Euro. Rund um den Globus gibt es zu viele Werke, in denen
Windräder, Türme oder Komponenten gefertigt werden. Und natürlich wissen die
Kunden um diese Ausgangslage und spielen die Hersteller gegeneinander aus. "Die
Chefeinkäufer der großen Energiekonzerne drohen ganz unverholen damit, den
Preisdruck zu erhöhen", heißt es aus dem Hause eines deutschen
Turbinenherstellers.
Da nutzt es auch nicht viel, dass der Weltmarkt für Windanlagen Jahr für Jahr
größer wird. Zum einen kommt ein erheblicher Teil des Wachstums aus China, wo im
vergangenen Jahr Anlagen mit einer Gesamtkapazität von gut 17 Gigawatt neu
errichtet wurden - mehr als 40 Prozent der global errichteten neuen Kapazität.
China ist für die europäischen und amerikanischen Windanlagenbauer jedoch
verschlossenes Terrain. Vestas, Gamesa und GE Wind kommen dort zusammen auf
einen Marktanteil von 7 Prozent, den Rest teilen die heimischen Konzerne unter
sich auf. "Dass dieser Markt so abgeschottet bleibt, ist ein großes Problem für
die Hersteller", sagt Thorsten Herdan, der energiepolitische Sprecher des
deutschen Maschinenbauverbands VDMA.
Zum anderen wies der amerikanische Markt zuletzt zwar wieder erhebliche
Zuwachsraten auf. 2011 wurden dort Windräder mit einer Gesamtkapazität von 6,8
Megawatt neu errichtet, in diesem Jahr könnten es mehr als 8 Megawatt werden.
Doch wirklich lohnend sind diese Projekte häufig nicht, muss die Windbranche in
den Vereinigten Staaten doch preislich inzwischen in vielen Regionen mit dem
günstigen Schiefergas konkurrieren. Und 2013 droht der Windindustrie in Amerika
ein regelrechter Absturz, weil die bestehenden steuerlichen Förderungen Ende
dieses Jahres auslaufen. Zwar hat ein gemeinsamer Ausschuss von Kongress und
Senat die Verlängerung dieser sogenannten PTC ("Production Tax Credit")
beantragt. Aber vor der Präsidentenwahl wird darüber wohl nicht mehr
entschieden.
Und selbst wenn die Steuergutschriften eine Neuauflage erhielten: "Für 2013
würde das aufgrund der langen Vorlaufzeiten keine Auswirkungen mehr haben",
erläutert Herdan. "Die Hersteller könnten in der Produktion erst 2014 wieder
davon profitieren." Entsprechend düster fällt die Prognose der großen
Turbinenbauer aus. Vestas rechnet 2013 damit, noch Windräder mit insgesamt 5
Gigawatt Leistung auszuliefern - für dieses Jahr wurde die Prognose schon von
zuvor 7 auf nun noch 6,3 Gigawatt gekappt.
Vom überschwänglichen Optimismus früherer Jahre wird in diesem Jahr daher nicht
viel zu spüren sein, wenn die Branche sich Mitte September in Husum wieder zur
großen Leistungsschau trifft. Gezeigt wird dort neueste Technologie, geredet
wird aber wohl darüber, wer den Ausleseprozess überleben wird. Noch sind die
chinesischen Hersteller auf dem Weltmarkt keine echte Konkurrenz und könnten zum
Beispiel die technischen Anforderungen in Europa überhaupt nicht erfüllen, heißt
es. Auch können Windräder nicht wie Solarzellen in riesigen Stückzahlen
hergestellt und in alle Welt verschifft werden. "Rund 40 Prozent der
Wertschöpfung eines Windparks entsteht vor Ort", erläutert ein Sprecher des
deutschen Herstellers Nordex und verweist auf den Bau, die Netzanbindung, die
Steuerung und die Wartung. Mit alldem haben die Chinesen außerhalb ihres
Heimatlandes noch große Probleme. Aber das wird nicht so bleiben, die ersten
Gehversuche in Osteuropa und Lateinamerika haben die großen Konzerne aus China
schon unternommen. "Der Windmarkt ist kein Massenmarkt wie die Photovoltaik",
bestätigt VDMA-Fachmann Herdan. Aber für den Windanlagenbau gelte das Gleiche
wie für andere Kraftwerkssegmente: "Am Ende bleiben einige große Hersteller und
einige Nischenanbieter übrig. Die Branche wird um eine Konsolidierung wohl nicht
umhinkommen", sagt Herdan.
Dies gilt umso mehr, als der mit großen Hoffnungen erwartete Bau von
Meereswindparks aufgrund fehlender Investoren insbesondere in deutschen
Gewässern ins Stocken geraten ist. Ohne eine große Konzernkasse ist der Gang
aufs Meer viel zu riskant geworden, weshalb ein Hersteller wie Nordex seine
Pläne für eine Offshore-Turbine wieder verworfen hat. Der Streit um die Haftung
für fehlende Netzanschlüsse auf See hat die Fortentwicklung der deutschen
Meereswindparks zudem völlig gelähmt. Der nun im Kabinett verabschiedete
Kompromiss, wonach der Selbstbehalt der Netzbetreiber auf 100 Millionen Euro
gedeckelt werden soll, wird daher in der Windbranche als Befreiungsschlag
gewertet. "Wichtig ist, dass nun eine Haftungsregelung gefunden wird, auf die
sich die Investoren verlassen können", erläutert Christian Schnibbe, der
Sprecher des Bremer Windparkprojektierers und Betreibers wpd.
Der Bau der Offshore-Anlagen sei trotz aller Schwierigkeiten unverzichtbar, wenn
die Ziele der Regierung zum Stromanteil aus erneuerbaren Energiequellen erreicht
werden sollen, sagt er. "Und zudem kommt die führende Offshore-Technologie
derzeit noch aus Deutschland. Um diese Exportstärke zu erhalten, ist auch der
Bau von Meereswindparks in der Nordsee notwendig."