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Studium mit Stallgeruch

16.06.2012



Skandale haben das Bild der EBS getrübt. Die Studenten stehen jedoch zu
ihrer Hochschule. Schließlich bietet ihnen die private Universität glänzende
Berufsaussichten.
Von Johannes Pennekamp
Stickige Luft in überfüllten Hörsälen, Professoren, die keine Zeit für
persönliche Gespräche haben und Mensa-Mahlzeiten, bei denen der Appetit vergeht
- all das kennt Fabian Reusch nur vom Hörensagen. Wenn er aus dem Fenster des
Hörsaals schaut, sieht er Schiffe den von Weinbergen gerahmten Rhein
hinabschippern. Seine Seminargruppen sind nicht größer als Schulklassen, und die
Türen der Professoren stehen ihm immer offen. Besonders schwärmt der
Bachelor-Student von den Kontakten zu Unternehmen, die er an der EBS Universität
für Wirtschaft und Recht im Wochentakt bekommt. Stallgeruch statt Uni-Mief eben.

Hier im idyllischen Rheingau bei Wiesbaden reifen nicht nur die Weinreben, in
jedem Jahrgang der Universität wachsen Spitzenmanager von morgen heran. So ist
die EBS eine der Nachwuchsschmieden für Großbanken wie Goldman Sachs, UBS und
Deutsche Bank und für Unternehmensberatungen wie McKinsey und Roland Berger. Mit
dem nötigen Können und dem nötigen Kleingeld haben EBS-Studenten beste
Aussichten auf steile Karrieren in diesen - trotz Banken- und Wirtschaftskrise -
gefragten Unternehmen. Dass die Privatuniversität im vergangenen Jahr
reihenweise für Negativschlagzeilen gesorgt hat, hat dem offenbar keinen Abbruch
getan.

Fabian Reusch, gebügeltes Hemd und Dreitagebart, kennt die Vorbehalte, die viele
gegen die teure Privatuniversität haben, in der ein Bachelor-Semester fast 6000
Euro kostet. Es stört ihn, dass es in Deutschland "diese Distanz zu privaten
Bildungseinrichtungen gibt". In Nordamerika, wo er zuletzt ein Auslandssemester
verbracht hat, sei das anders. "Wer nach Harvard geht, der wird bewundert", sagt
der 24 Jahre alte Wirtschaftsstudent. Hierzulande müsse "man sich rechtfertigen,
wenn man in seine Bildung investiert und für sein Studium bezahlt". Reusch ist
Sprecher der Studentenschaft, er kämpft gegen den Ruf an, dass an der EBS vor
allem die Töchter und Söhne gutbetuchter Familien studieren. "Klar stehen bei
uns vielleicht ein paar teure Autos auf dem Parkplatz", sagt er, "aber es gibt
hier auch viele, die einen Kredit aufnehmen oder nur dank eines Stipendiums die
Studiengebühren bezahlen können." Nach EBS-Angaben finanzieren sich 16 Prozent
durch Stipendien und 17 Prozent durch Studentendarlehen.

Reuschs Eltern, eine Lehrerin und ein Technischer Angestellter, müssen hart
arbeiten, um ihm den makellosen Lebenslauf zu ermöglichen, der ihn bald in eine
der großen Banken katapultieren soll. Nach einem Highschool-Jahr in Australien
wechselte der Süddeutsche in das Elite-Internat Salem. Internationales Abitur,
13-monatiger Wehrdienst mit Ausbildung zum Reserveoffizier, Praktikum im Private
Wealth Management der Deutschen Bank und demnächst einen Bachelor-Abschluss in
General Management - das alles zählt er auf.

Worauf sie an der EBS auch Wert legen: Auf dem Karriere-Highway darf das Soziale
nicht auf der Strecke bleiben. Fabian Reusch engagiert für die Anliegen seiner
Kommilitonen, andere Studenten helfen Schülern bei den Hausaufgaben, betreuen
Behinderte und organisieren Symposien. Allerdings wäre die EBS nicht die EBS,
wenn nicht auch das Soziale mit einem Leistungswettbewerb verbunden wäre. Für
ihr Engagement geben sich die Studenten gegenseitig Sozialpunkte, die mit dafür
ausschlaggebend sind, wer die begehrtesten Plätze im obligatorischen
Auslandssemester bekommt. Aber torpediert dieses Leistungsdenken nicht das
eigentliche Anliegen und führt zu Rangeleien unter den Studenten? "Das System
ist transparent, sehr fair und über Jahre gewachsen", sagt Student Reusch im
diplomatischen Jargon eines Pressesprechers.

Rolf Tilmes ist kaum zu bremsen, wenn er über die EBS doziert. Der Betriebswirt
hat vor gut zwanzig Jahren selbst im Rheingau studiert, heute residiert er in
einem geräumigen Büro und ist Dekan der Business School. Auf seinem Schreibtisch
liegen Imagebroschüren. Sein Zeigefinger gleitet auf dem glänzenden Papier über
eine Grafik, die zeigt, wie sich die Master-Studiengänge zusammensetzen. "Wir
schaffen Synergien und gleichzeitig Variabilität", wirbt der Professor.
Besonders begehrt seien derzeit internationale Doppelabschlüsse, bei denen
Absolventen neben dem EBS-Master noch ein Zertifikat im Ausland erwerben können.
Solche Angebote, vordere Plazierungen in Hochschul-Rankings sowie
Akkreditierungen, die der EBS bescheinigen, in der ersten Liga der
BWL-Fakultäten mitzuspielen, seien notwendig, um im Wettbewerb um die
ehrgeizigsten Studenten mitzuhalten - einen Wettbewerb, den sich die EBS in
Deutschland mit Konkurrenten wie der WHU, einer Privathochschule in Vallendar
bei Koblenz, und den BWL-Fakultäten der staatlichen Universitäten in Mannheim
und Köln liefert.

Was die Business School von fast allen anderen Einrichtungen abhebe, sagt
Tilmes, sei die Internationalität und die enge Verzahnung von Theorie und
Praxis: Fast alle Veranstaltungen werden auf Englisch gelesen,
Unternehmensvertreter, die hier "Professionals" heißen, übernehmen
Vorlesungsmodule. Dienstagabends halten Führungskräfte von Großunternehmen
Vorträge, später beim Abendessen werden dann Visitenkarten getauscht. Und ein
Studententeam, das kürzlich an einem internationalen Wettbewerb teilnahm, bei
dem ein Unternehmen auf Herz und Nieren untersucht werden musste, wurde vorher
in die Fachabteilungen großer Investmentbanken geschickt. "Ich habe den Bankern
gesagt, grillt die mal so richtig", sagt Tilmes mit einem Grinsen. Das Konzept
kommt an: Im kommenden Jahrgang werde man aller Voraussicht nach 150
Master-Studenten aufnehmen - so viele wie noch nie, betont der Dekan. Was viele
trotz der enormen Kosten lockt: "Circa 90 Prozent der Studenten haben noch vor
ihrem Abschluss einen Arbeitsvertrag unterschrieben", sagt Tilmes.

Der Dekan präsentiert die heile Welt der EBS, eine Welt, die in den vergangenen
zwei Jahren erheblich ins Wanken geraten ist. Der frühere Präsident Christopher
Jahns musste seinen Hut nehmen, nach Vorwürfen, er habe mit Hilfe von
Beraterverträgen in die eigene Tasche gewirtschaftet. Zwischenzeitlich saß er
sogar im Gefängnis, das Urteil steht noch aus. Die historischen Mauern, in denen
die EBS residiert, wackelten zudem, als bekanntwurde, wie fahrlässig die
Wirtschaftsexperten mit der eigene Buchführung umgegangen waren. Eine Prüfung
des hessischen Wissenschaftsministeriums brachte ans Licht, dass die Universität
Steuergeld, das ihr das Land für den Aufbau einer Law School zugeschossen hatte,
nicht allein für diesen Zweck ausgegeben hatte. Letztendlich musste sie knapp
eine Million Euro zurückzahlen.

Den Imageschaden komplett machten die Studenten der EBS mit einem exzessiven
Aufnahmeritual, das ältere Hochschüler für Erstsemester veranstalteten. Weil zu
viel Alkohol floss, mussten zehn Jugendliche zur Ausnüchterung ins Krankenhaus,
ein Polizeihubschrauber rückte aus, um abtrünnige Schnapsleichen in den
Weinbergen aufzuspüren. Das Gelage habe für die Presse natürlich perfekt ins
Bild gepasst, sagt Fabian Reusch. An anderen Hochschulen passiere so etwas auch.
"Nur da kommt kein Fernsehteam und verteilt Sektgläser an Studenten, um die
richtigen Bilder zu bekommen", sagt er.