Im Juni kämpft Chinas akademischer Nachwuchs um einen Platz an einer
Eliteuniversität. Die Gaokao ist nicht fair, funktioniert aber.
Von Stephanie Rudolf
FRANKFURT, im Juni. Eigentlich wollte er Ingenieur werden. He Zeqin schiebt ein
sauber gefaltetes Rechteck aus Pappkarton über den Kantinentisch. Auf
lilafarbenem Untergrund steht in weißen Lettern "Zulassungsbescheid". Die
Innenseite zeigt ein Universitätsgebäude, darunter Matrikelnummer, Datum, ein
kurzer Text: "Sie sind für das Studium der Englischen Sprache und Literatur an
unserer Universität zugelassen. Melden Sie sich im Sekretariat." Ein technisches
Fach hatte er studieren wollen, aber die Prüfungsbehörde will es anders: Die
Punktzahl, die bei der zentralen Hochschulzugangsprüfung erzielt wird,
entscheidet darüber, wer was wo studieren darf. In China führt der Weg an eine
Universität fast ausschließlich über die Hochschulaufnahmeprüfung, die Gaokao.
Ähnlich wie etwa in Frankreich wird die chinesische Hochschulaufnahmeprüfung im
ganzen Land zum selben Zeitpunkt angesetzt. Bis zum Jahr 2003 war das der Juli.
Wegen der Hitze, die sich dann in einigen der 23 Provinzen einstellt, wurden die
Prüfungen aber inzwischen um einen Monat vorverlegt. In diesem Jahr fanden sie
am 7. und 8. Juni statt. Während dieser Zeit nimmt das ganze Land Rücksicht auf
seine Studenten in spe. Bauarbeiten werden eingestellt, Hup-Verbote mahnen die
Verkehrsteilnehmer zur Ruhe. Auf dem Prüfstand stehen auch die Familien der
Schüler. Zahllose Ratgeber, wie Eltern ihrem Kind am besten Beistand leisten
können, füllen die Regale. Kaum ein Thema, das mehr Platz in chinesischen
Buchläden einnimmt als die Ausbildung der Kinder.
Von umgekrempelten Ernährungsplänen über viel frische Luft zwischen den
Lerneinheiten bis hin zu Tipps fürs richtige Schlafverhalten - Familie Liu hat
alles ausprobiert. "Als Mutter will ich natürlich, dass meine Tochter möglichst
viel Zeit zum Lernen hat und sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten muss.
Im vergangenen Jahr ihrer Gaokao-Vorbereitung habe ich daher meinen Beruf
aufgegeben, um ganz für sie da zu sein." Frau Lius Einsatz hat sich gelohnt. Die
Tochter studiert inzwischen Jura an Beijings renommierter Tsinghua-Universität.
Trotz aller Gaokao-Verrücktheit, die Zahl der Prüflinge sinkt rapide: Waren es
im Jahr 2008 noch etwa 10,5 Millionen Schüler, die sich der Aufnahmeprüfung
stellten, registrierten sich 2012 nur noch neun Millionen. Sinkende
Geburtenraten in der Volksrepublik, vor allem aber die hohen Kosten für die
Prüfungsvorbereitungen und das anschließende Studium führen dazu, dass die
Universitäten ihre Quoten nicht mehr erfüllen können. Das habe aber auch
Vorteile, meldet die Nachrichtenagentur Xinhua: Die Universitäten gerieten
finanziell stärker unter Druck und müssten mehr auf die Qualität ihrer Programme
achten, um für künftige Studienanwärter interessant zu bleiben. Freuen dürfte es
die Prüflinge: Sie brauchen von sofort an weniger Punkte für eine Zulassung.
Wer es sich leisten kann, geht an eine Universität im Ausland, etwa die 17 Jahre
alte Chen Aoyan. Jeden Tag poliert sie ihr Englisch, um die Zulassungsprüfung
für amerikanische Hochschulen zu bestehen. Sie wird nächstes Jahr nicht an der
Gaokao teilnehmen, sondern sich direkt an einer amerikanischen Universität
bewerben. Das ist inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. Chinas akademischer
Nachwuchs flieht nach Übersee. He Zeqin, der Ingenieur werden wollte und für
Anglistik zugelassen ist, landet in Peking. Ein Platz an einer Hochschule in der
Hauptstadt ist ein Erfolg, auch wenn es keine Eliteuniversität ist. Drei Tage
ist er unterwegs. Schiff, Bus, Zug. Allein die Zugfahrt von seiner Heimatprovinz
Sichuan dauert 24 Stunden. Er kann die Studiengebühren nicht bezahlen, nicht mal
das Geld für einen Schlafplatz auf dem Campus kann die Familie aufbringen. Er
fährt trotzdem. In Peking angekommen, zeigt er den beglaubigten Bericht zur
finanziellen Lage der Familie einem der Dozenten. Zwei Wochen später wird er ins
Förderprogramm eines chinesischen Bauunternehmens aufgenommen werden und jeden
Monat ein kleines Taschengeld bekommen.
Die Ursprünge des Gaokao-Systems lassen sich bis zu den Beamten-Examina ins
kaiserliche China zurückverfolgen, in denen die Kandidaten zunächst in ihren
Heimatstädten, -kreisen und -provinzen zum geistigen Kräftemessen antraten. Wer
sich auf Provinzebene bewährte, durfte sich nicht nur des Titels "blühendes
Talent" rühmen und sich der entsprechenden Privilegien erfreuen, sondern er
durfte sich auch Hoffnungen auf Größeres machen: die Palastprüfung, die der
Kaiser persönlich beaufsichtigte. Erst 1905 wurden die kaiserlichen Examina im
Zuge von Reformvorstößen bei Hofe abgeschafft.
Heute kämpfen Chinas blühende Talente mit anderen Mitteln: Viele Familien
versuchen, vor der Geburt ihres Kindes nach Peking, Schanghai oder Guangzhou zu
ziehen, um dem Kind bessere Ausgangsmöglichkeiten zu verschaffen. Diese Idee
hatte auch Frau Li. Umso enttäuschter ist sie nun, als sie erfahren muss, das
alles nichts genützt hat: "Obwohl wir schon seit vierzehn Jahren in Peking
wohnen, hier arbeiten und Steuern zahlen, darf meine Tochter die Prüfung nicht
hier ablegen, weil sie nicht hier geboren und registriert ist. Sie muss die
Prüfung in ihrem Heimatort in Shandong ablegen." Viele der "Gaokao-Migranten"
stehen vor dem gleichen Problem und organisieren regelmäßig
Unterschriftenaktionen mit der Bitte an das Bildungsministerium, ihre Kinder an
der Gaokao in Peking teilnehmen zu lassen. Das Ministerium bleibt aber hart.
Die Gaokao ist eines der besten Beispiele für die politischen Kehrtwendungen im
Reich der Mitte: 1952 wurden die Zulassungsprüfungen eingeführt, mit Beginn der
Kulturrevolution (1966) wieder abgeschafft und 1977 unter Deng Xiaoping
wiederbelebt. Von 1978 an wurde der Prüfung ein einheitliches Design verpasst.
Die einsetzende Öffnungspolitik Chinas führte dazu, dass die Städte Schanghai
und Guangzhou schon 1986 die Erlaubnis erhielten, ihre eigenen Prüfungsbögen
einzuführen. Heute hat fast jede Provinz ihr eigenes System. Zentral festgelegt
sind nur die drei Hauptfächer: Mathematik, Chinesisch, eine Fremdsprache.
Ein Relikt aus der Kaiserzeit ist auch die strenge Überwachung der Kandidaten:
Damals schrieben die angehenden Beamten auf abgeriegeltem Gelände ihre Aufsätze,
jeder in seiner "Prüfungszelle". Heute schreiben die Schüler nach dem Abtasten
mit Metalldetektoren unter Kameraüberwachung. He Zeqin findet, dass das System
immer noch funktioniert. "Die meisten Chinesen dürfte wohl immer noch der
Meinung sein, dass es sich insgesamt um ein faires System handelt. Anders
ausgedrückt: Wir haben einfach noch keine andere Möglichkeit gefunden."