Arbeit ist in Deutschland acht Mal teurer als in Bulgarien
ela. WIEN, 10. Juni. Osteuropa bleibt für internationale Unternehmen dank
des Nachholbedarfs der postkommunistischen Länder eine attraktive Zielregion.
Doch ist es mit dem rasanten Zufluss von Kapital vorerst vorbei. Die
Gesamtregion Mittel- und Osteuropa legte im vergangenen Jahr bei den
Direktinvestitionen um 26 Prozent im Jahresvergleich auf fast 96 Milliarden Euro
zu, wie eine Analyse des auf die Region spezialisierten Wiener Instituts für
Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) zeigt. Dennoch blieb sie damit weit
hinter den Zuflüssen in den Vorkrisenjahren 2007/08, als noch rund 134
Milliarden Euro im Jahr angelockt wurden. Ein beträchtlicher Teil der
Direktinvestitionen im Vorjahr floss mit fast 38 Milliarden Euro nach Russland.
Aber auch Kasachstan, die Türkei, Ungarn, Serbien und die Slowakei hätten einen
Boom erlebt. In einigen Ländern gab es dagegen einen Knick, etwa in der
Tschechischen Republik, Rumänien und Estland, das seinen Bankensektor nach
Pleiten umstrukturiert.
Aus Sicht von Gabór Hunya, Ökonom im WIIW, ist die Aufbauphase in den neuen
EU-Mitgliedstaaten vorbei. Die größten Unternehmen seien schon in der Region
präsent. Als Beispiel nannte der Volkswirt die Automobilindustrie, die in die
Region stark investierte. Mercedes habe erst vor kurzem seine Großinvestition in
Ungarn in Betrieb genommen, BMW schaue sich noch um, sagte Hunya am Mittwoch in
Wien anlässlich der Präsentation der Analyse über die ausländischen
Direktinvestitionen. Unter den neuen Mitgliedsländern der EU kommt Estland auf
den höchsten Pro-Kopf-Bestand an Direktinvestitionen, gefolgt von der
Tschechischen Republik und der Slowakei.
Für das laufende Jahr prognostiziert das WIIW eine Delle bei den Zuflüssen. Im
Jahresvergleich wird mit einem Rückgang der Direktinvestitionen um 3 Prozent
gerechnet, die zehn neuen Mitgliedstaaten dürften mit 12 Prozent am stärksten
betroffen sein, während etwa die GUS-Länder ein Plus von 1 Prozent erwarten
könnten, sagte Hunya. Auch die südosteuropäischen Länder, die 2011 nach einem
deutlichen Knick ein Plus von 64 Prozent verbuchten, dürften von einem Rückgang
betroffen sein.
Deutschland gehört zu den wichtigen Investoren in den postkommunistischen
Märkten. In den Ländern der Region stehen heute deutsche Direktinvestitionen im
Wert von rund 105 Milliarden Euro - das entspricht einem Zehntel aller deutschen
Auslandsinvestitionen. Im Fahrzeugbau zum Beispiel entfällt fast ein Viertel
aller deutschen Auslandsinvestitionen auf die Visegrád-4-Länder, also Polen, die
Slowakei, die Tschechische Republik und Ungarn. Allein in Ungarn haben deutsche
Autobauer bisher mehr investiert als in China. Für viele internationale
Hersteller seien die Produktionsstandorte in der Region heute unverzichtbarer
Teil der Produktions- und Lieferketten, erläutert die Deutsch-Ungarische
Industrie- und Handelskammer (DUIHK) in Budapest. Zwar liege die
Wirtschaftsleistung je Einwohner noch immer rund 40 Prozent unter dem
Durchschnitt der 15 alten EU-Länder, doch die jährlichen Wachstumsraten liegen
seit langem über dem Durchschnitt der EU. Für Unternehmen aus Deutschland
bedeute dies langfristig ein überdurchschnittliches Marktpotential, argumentiert
die DUIHK. Schon heute setzt Deutschland rund zwölf Prozent seiner Exporte in
Mittel- und Osteuropa ab, und noch einmal fast fünf Prozent in Russland und den
übrigen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, zusammen macht dies ein
Sechstel aller deutschen Ausfuhren aus. Das ist genauso viel, wie die
Lieferungen an Deutschlands größte Handelspartner - Frankreich und die
Vereinigten Staaten - zusammen.
Als wichtigster Standortvorteil der Region erwies sich nach einer Umfrage der
DUIHK das Arbeitskräftepotential: Ein attraktiver Mix aus Produktivität,
Qualifikation und Kosten der Arbeitskräfte wurde allen Ländern bescheinigt.
Sorgen bereiten allerdings mancherorts zunehmend die Verfügbarkeit von
Fachkräften und kräftige Lohnsteigerungen. Vor allem in Slowenien, aber auch in
Kroatien verursachen die Lohnkosten Verstimmung. Slowenien hat die höchsten
Arbeitskosten in dem Gebiet, in den zurückliegenden zehn Jahren sind sie
jährlich um durchschnittlich 6 Prozent angestiegen, Arbeit ist dort inzwischen
teurer als in Portugal. In Rumänien, Lettland oder Bulgarien sind die Löhne zwar
noch viel schneller angestiegen, doch die nominalen Kosten sind dort noch immer
sehr gering, so dass der schnelle Anstieg noch gut zu verkraften ist - immerhin
kostet Arbeit in Deutschland achtmal so viel wie in Bulgarien und sechsmal so
viel wie in Rumänien. Im Durchschnitt der 15 Länder bewerteten die befragten
Manager die Tschechische Republik als das attraktivste Land in der Region,
gefolgt von Polen und der Slowakei.