EXPAT
Die Sohle pellt ab. Mister Minit in der schicken Einkaufsmeile fordert 60
Singapur-Dollar, um sie wieder unter den guten Lederschuh zu leimen. Dann doch
lieber zum Chinesen um die Ecke. Der hat seinen Sitz in der hinteren Reihe des
Bukit Timah Wet Market. Der Markt heißt so, weil sein Boden ständig nass ist -
so bleibt in der Hitze Singapurs das Gemüse halbwegs frisch. Zudem wird das Blut
frisch geschlachteter Fische oder Hühnchen weggewaschen. Praktisch eigentlich.
Beim Schuster ist es trocken. Natürlich verkauft er Gummischuhe, für die feuchte
Umgebung. Er verkauft auch Sandalen aus Bangladesch und Flipflops. Alles, was
der Mensch so braucht, um voranzukommen in der tropischen Millionärsmetropole.
Der Schuster selbst kauert auf einem Schemel auf dem Boden. Ein alter Mann, von
dem man sich erzählt, dass er nur arbeite, um seinen beiden Söhnen das Studium
in Harvard zu finanzieren. Außerdem fahre er am Abend in einem Mercedes heim,
der in Singapur mindestens 300 000 Dollar kostet.
Gut an diesen Gerüchten ist, dass unser Schumacher trotz seines
fortgeschrittenen Alters Kunden braucht. Also schiebt er die Klebstoffdose
beiseite, streckt die Hand nach oben aus und begutachtet den Schuh, den der
Kunde aus dem Westen ihm da reicht. "Good shoe, la", sagt er, was auf Singlish,
der Mischung aus Singapur-Dialekt und Englisch, so viel heißt wie: "Sie tragen
aber edles Schuhwerk." Er wendet den Schuh, sieht die lose Sohle. "Bad, la",
sagt er und lacht. Hinter den zwei Worten und dem Schmunzeln versteckt sich ein
Wortschwall: "Da haben Sie aber Pech gehabt. Das macht aber nichts, ich werde
Ihnen das richten. Geben Sie nur her", sagt der Meister dem, der versteht.
Dann senkt er sich von seinem Schemel auf den Boden, schiebt sich der Länge nach
unter ein Regal. Wir hören es rascheln, kruschteln, knirschen. Eine Minute, zwei
Minuten. Dann schiebt er sich langsam hervor. Wieder lacht er und wir atmen auf.
Denn in der Hand hält er ein dickes Stück schwarzes Gummi, gerade noch so viel,
dass es für eine Sohle reicht. "Gooooooood", sagt er nun und freut sich über
seinen Fund. Er legt die Platte auf die Sohle und klopft zweimal mit dem
Fingerknöchel darauf. "Das wird schon", will er uns damit sagen. Es folgt der
Abschluss des Vertrages zwischen Kunde und Schuster. "12 Dollar", sagt er. In
etwa so viel, wie der jüngere Sohn für einen Burger in der Kantine von Harvard
wird zahlen müssen. Also ein gutes Geschäft für beide, Chinese und Expat. Beide
strahlen.
Manche indes werden den chinesischen Schuster nie brauchen - zum Beispiel, wenn
sie sich überwiegend in Nike-Laufschuhen fortbewegen. Deren Sohlen fallen ab,
wenn die Schuhe ein paar Wochen ungenutzt im Schrank stehen. Man kommt dann aus
dem kalten Deutschland-Urlaub zurück, will die von den Lufthansa-Sitzen
gequälten Knochen in Schwung bringen und joggen, greift nach dem Schuh - und
dessen Unterbau bleibt auf dem Regal stehen. Natürlich wissen die Fachleute von
Nike, warum Schuh und Unterbau getrennte Wege einschlagen: Die Tropenhitze, die
im Schrank schnell auf mehr als 50 Grad steigen kann, löse den Kleber auf. "Auf
einer Müllkippe ist das erwünscht, da zerlegt sich der Schuh von selbst." Guter
Einfall, falscher Ort. Wir sind in Singapur, der saubersten Stadt Asiens. Dort
steigt das Thermometer auf mehr als 30 Grad. Und die Müllkippe ist weit draußen
auf dem Meer.
CHRISTOPH HEIN