Das krisengeschüttelte Land baut sein Ausbildungssystem um. Mit Hilfe aus
Deutschland sollen junge Menschen früh praktische Erfahrung sammeln. Das
VW-Tochterunternehmen macht den Anfang.
bee./jch./svs. BARCELONA/BERLIN, 5. September. Als erstes spanisches Unternehmen
übernimmt der Autohersteller Seat das deutsche duale Ausbildungssystem. Zum
Start des neuen Ausbildungsjahres will der spanische Hersteller sein bisheriges
Modell durch ein neues Programm ersetzen, das Theorie und Praxis stärker
miteinander verknüpft. "Spanien steckt in der Krise. Wir müssen nach vorne
denken und junge Menschen noch mehr an das reale Arbeitsleben heranführen",
sagte Personalvorstand Josef Schelchshorn am Mittwoch in Barcelona. Das erhöhe
nicht nur ihre Chancen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sondern verbessere auch
die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.
Möglich wird das neue Ausbildungsmodell von Seat durch die Arbeitsmarktreformen
des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Denn erst jetzt haben
Unternehmen im Land die Möglichkeit, Auszubildende stark in die Arbeit im
Betrieb einzubinden. Bislang war das spanische Ausbildungssystem sehr verschult,
Berufsschüler konnten nur in Form von Praktika Erfahrungen im Unternehmen
sammeln. "Dank der Reform können wir jetzt eine Ausbildung anbieten, die an das
deutsche System angelehnt ist, wo Auszubildende schon immer stark in die Praxis
integriert waren", sagte Schelchshorn.
Bei der Planung des neuen Ausbildungskonzepts haben sich Schelchshorn und seine
Kollegen Unterstützung im Mutterkonzern Volkswagen geholt. Das deutsche Modell
genießt rund um die Welt ein hohes Ansehen und hat sich aus Sicht anderer Länder
vor allem in der Krise bewährt: Während in Deutschland derzeit 8 Prozent der
jungen Leute unter 25 Jahren arbeitssuchend sind - weniger als vor der Krise -,
sind es im EU-Durchschnitt mehr als 20 Prozent. In einigen Ländern, wie
Griechenland und Spanien, liegt die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei mehr als 50
Prozent.
Um diese jungen Menschen noch besser zu qualifizieren, erhöht Seat mit seinem
neuen Lehrplan die Zahl der Ausbildungsstunden um 57 Prozent von bisher 2950
Stunden auf künftig 4625 Stunden. Sie werden zu gleichen Anteilen auf die
theoretische Schulung und die betriebliche Praxis aufgeteilt, die damit deutlich
an Bedeutung gewinnt. Bisher bot Seat eine zweijährige Berufsausbildung an, die
durch ein ergänzendes, zusätzliches Ausbildungsjahr auf die Arbeit in dem
spanischen Autounternehmen vorbereitete.
Bei diesem Leuchtturmprojekt soll es jedoch nicht bleiben. Die Rajoy-Regierung
hatte in dieser Zeitung angekündigt, das Duale System flächendeckend einführen
zu wollen. Zu einem wichtigen Schulterschluss kam es - ebenfalls am Mittwoch -
in Madrid: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vereinbarte mit
den spanischen Kammern, beim Aufbau eines dualen Berufsausbildungssystems zu
helfen. "Wir können und dürfen nicht akzeptieren, dass Jugendliche das Gefühl
haben, in Europa keine Chance zu haben", sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich
Driftmann. Gerade auf diesem Feld seien sie gemeinsam in der Verantwortung -
unabhängig davon, "aus welchem Land wir kommen". Driftmann unterzeichnete einen
Kooperationsvertrag zur dualen Ausbildung mit seinem spanischen Kollegen Manuel
Teruel Izquierdo, dem Präsidenten des dortigen Kammerdachverbandes. Der DIHK ist
Träger der dualen Berufsausbildung in Deutschland und will die spanischen
Kammern darin unterstützen, eine duale Berufsausbildung einzuführen und zu
betreiben. Damit wolle man das im Juli vom spanischen Bildungsminister Wert
Ortega und der deutschen Bildungsministerin Annette Schavan (CDU)
unterschriebene Regierungsabkommen zur verstärkten Zusammenarbeit in der
Berufsausbildung mit Leben füllen, sagte Driftmann. Die niedrigste
Jugendarbeitslosenquote in der EU ist nach Angaben des DIHK Beleg dafür, dass
das deutsche System seinen Absolventen hervorragende Beschäftigungs- und
Karrierechancen eröffne.
Zu diesem Ergebnis kommt auch eine vor kurzem veröffentlichte Studie des
Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Generell stellten
die Forscher unter jungen Europäern die Tendenz fest, länger an Schulen und
Universitäten zu bleiben. Dies erhöhe in den meisten Ländern die anschließenden
Chancen für das Berufsleben jedoch kaum. "In Ländern allerdings, in denen wie in
Deutschland viel betrieblich ausgebildet wird, sind die Arbeitsmarktchancen der
Jugendlichen spürbar besser als in Staaten, die vor allem auf eine schulische
Qualifizierung setzen", fasst DIW-Arbeitsmarktökonom Karl Brenke das zentrale
Ergebnis zusammen. Seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise ist der
Informationsbedarf aus dem Ausland am dualen Ausbildungssystem spürbar
gestiegen.